Die Erdbeere

 

In alten Zeiten trug das Erdbeersträuchlein wohl Blüten, aber es reiften daran nur ungenießbare Samenkörnlein. Da ging einst der Jesusknabe durch den Wald und sah am Wege die Erdbeeren blühen. Die schneeweiße Blüte lockte in ihm heimlich und unbewusst ein Sehnen nach des Himmels Reinheit und Schöne, und in solchem Verlangen beugte er sich nieder zu der Blüte und küsste sie. Da ging eine wonnesame Kraft durch das Sträuchlein, und von Stund an reifte daran die köstliche rote Frucht.

Einst waren die Beeren gesegnet und sättigten jedermann wie das tägliche Brot. Da ging einmal ein Knabe in den Erdbeerschlag, aß sich satt und füllte sein Körbchen voll mit Beeren. Auf dem Heimweg begegnete ihm unsere liebe Frau und fragte ihn liebreich: „Was trägst du in deinem Körbchen?“ Der Knabe fürchtete, die Frau möchte von seinen Beeren begehren, und entgegnete: „EI nichts!“ und verbarg sein Körbchen. Da ward Maria unwillig und sprach: „Ei, wenn du nichts hast, so solls dir auch nichts nützen.“ Seit der Zeit wird man vom Beerenessen nimmer satt.

Die Erdbeere wächst auch im Himmelreich. Am Johannistag führt Maria die seligen Kinder auf die himmlische Erdbeerwiese, da dürfen sie sich nach Herzenslust satt essen. Darum - so sagten die Alten - soll eine Mutter, die eines ihrer Kinder im himmlischen Garten weiß, vor Johanni keine Erdbeeren essen; ihr Kind müsste sonst leer ausgehen beim himmlischen Erdbeerpflücken.