Die Aster

 

Da unser Heiland noch ein Kind unter Kindern war und in Nazareth aufwuchs, sandte ihm der himmlische Vater bisweilen einen Engel zum Gespielen. Auch Johannes, sein Cousin, war manchmal zu Besuch da, und dann spielten die Knaben zu dritt im Garten den lieben langen Tag. Und einmal war es Abend geworden, und am Himmel zogen die Sterne auf, da sprach der Engel: „Ich muss nun schlafen gehen.“ „Wo ist den Bett?“ fragte Johannes den Engel, und der antwortete: „Droben bei den lichten Sternen“; und als er die Sehnsucht des Johannes erkannte, fuhr er fort: „Getröste dich, auch dein Bett ist droben gemacht.“ Johannes verstand das Wort nicht; aber er bückte sich nieder und brach ein Sträußelein ab, gab´s dem Engel und sprach: „Bring mir morgen eins von den lichten Sternlein mit, die am Himmel leuchten.“ Da rief Maria die Kinder ins Haus, und der Engel kehrte heim in die himmlische Behausung. Am Morgen aber kam er wieder und brachte Johannes ein hellschimmerndes Körnlein, das legten sie miteinander in die Erde und begossen es täglich mit frischem Wasser, das der Engel in seiner hohlen Hand vom Himmel brachte. Und siehe, da erwuchs im Herbst eine leuchtende Sternenblume, wie man bis dahin keine auf Erden gesehen hatte, und die Kinder nannten sie Aster, das heißt Stern. Also ist die liebliche Aster ein Schimmer der himmlischen Zier, deren wir uns dereinst, Gott gebe es, erfreuen dürfen.