Der Frauenmantel

 

Der Frauenmantel hat gar viele Namen. Tauschüsseli oder Taumänteli heißt er bei den Alemannen, in Franken wird er Mantelkraut und Marienmantel genannt, „unserer lieben Frauen Mantel“, das ist sein voller Name. Maria ist seit alten Zeiten die Fürsprecherin der Unglücklichen, und viele haben unter ihrem Mantel Zuflucht gesucht. So haben unter dem Frauenmantel jene Engel Schutz gefunden, die, noch jung und unerfahren, sich einst vom bösen Luzifer haben verführen lassen zum Widerstand gegen Gott. Diese Engel sind nicht ganz verflucht wie jene, die mit Vorbedacht gesündigt haben; darum dürfen sie des Nachts zwischen Himmel und Erde ausfliegen. Vor der aufgehenden Sonne aber bergen sie sich im „Mantel unserer lieben Frau“, und die Silbertropfen, die im „Tauschüsseli“ glitzern, sind die Tränen, die diese Engel am Morgen und Abend weinen im Heimweh nach der himmlischen Behausung. Sind aber die Tränen von den Strahlen der Sonne aufgezehrt, dann ist ihres Bleibens unter dem Marienmantel nicht länger; dann müssen sie in ihre Wohnungen fliegen, die hinter den sieben Wolken liegen, wo man nur von ferne des Himmels Glanz sehen kann.