Der Flachs

 

Auf der Flucht nach Ägypten kam Maria mehr als einmal mit ihrem Kind in große Gefahr; und als ihr die Häscher wieder einmal dicht auf den Fersen waren, lief sie in ihres Herzens Angst in ein blühendes Flachsfeld hinein und rief: „Flachs, o Flachs, verbirg mir dies Kind!“ Und alsbald begann der Flachs hin und her zu wogen, seine Halme streckten sich, sein blaues Blütenmeer leuchtete in eins mit Mariens Mantel, und seine schimmernden Wellenlinien blendeten die Häscher, dass sie weder das heilige Kind noch seine Mutter gewahrten und am Flachsfeld vorbeiritten. Als die Gefahr vorüber war, sprach Maria: „Gesegnet seist du, Flachs, dass du den Heiland der Welt verborgen hast; du sollst ihm dienen, sooft er einkehrt bei den Seinen.“ Noch heute ist der Altar mit einem weißen Leinentuch bedeckt, wenn die Gemeinde des Herrn das heilige Mahl feiert. Der Flachs aber gedeiht von einem Jahr zum andern, und es gibt immer so viel, dass die Frauen müde werden, ihn zu verspinnen.