Das Maiglöckchen

 

Maiglöckchen blüht so lieblich

An der Silberquelle Rand!

Bist so bräutlich ausgerüstet

In dem schneeigen Gewand!

 

Eine gar trautliebe Blume; eine sinnige Vertreterin des schönsten aller Monate, des Wonnemonds, ist das Maiglöckchen.

 

Sonnenglanz und Himmelsbläue, zartes Blättergrün und lustiger Vogelsang, Käfersummen und Quellenrauschen – das alles erfrischt und erquickt das Menschenherz im Maienwald.

 

Und wenn uns dann noch von sonnenbeglänzter, baum- und buschfreier Stelle der köstliche Duft des Maiglöckchens – frisch und erquicklich wie die Waldluft selber – entgegenströmt, - dann strecken wir uns hocherfreut auf bemoostem Boden aus, um in vollen Zügen des Forstes Maienglück zu genießen.

 

Kaum können wir uns sattsehen an den zarten, bogenförmig gewachsenen Glöcklein jenes Edelkindes unter den Waldblüten: wie schneeige, winzige Elfengesichtchen lugen die Blümlein aus ihren zwei grünen Mutterblättern hervor.

 

„Neben diesem Töchterlein des kühlen Waldschattens“, sagt ein begeisterter Blumenverehrer, „darf nur das Veilchen vom Frühlingsrasen und die Blumenkönigin Rose genannt werden. Wahrlich vereinigen diese drei Blumen Gestalt, Farbe und Duft auf das lieblichste in sich. Nicht treten sie in Wettstreit miteinander, denn jede hat ihren eigenen Wert. Sie blühen an anderen Orten und zu anderen Zeiten; eine jede für sich, gleich Fürstengeschlechtern von großem Ruf.“

 

Und wie wenig bedarf dieses Blümchen zum Gedeihen und zur Fortpflanzung! Ein winziges Fleckchen Erde, oft auch mitten im Gestein oder Geröll befindlich, im sonnigen Waldesschoß genügt ihm zur Entfaltung von Blatt und Blüte. Durch seitwärts fortgesponnenes Wurzelgeflecht und durch seine kleinen Samenkörnchen treibt es Schwesterpflanzen.

 

Indessen muss man bei der Behandlung der Blüten immerhin vorsichtig zu Werke gehen: sowohl die hübschen Glöcklein wie der Blumenstängel enthalten einen schwachen Giftstoff. Kinder, die diese Blüten zwischen die Lippen genommen, und Personen, die unachtsamer Weise von dem Wasser, in dem Maiglöckchen standen, getrunken haben, sind oft schon zu Schaden gekommen.

 

Bei unseren Altvordern, den alten Deutschen, war das Maiglöckchen das Sinnbild lieblicher Bräute; die Mädchen, die zur Ehe schritten, trugen Sträuße davon im Haar.

 

In der religiösen Sage lag es nahe, das edelste aller Waldblümchen im Maienwald mit der Königin dieses Monats, mit Maria, in Zusammenhang zu bringen.

 

Eine der hübschesten Maiglöckchen-Legenden ist folgende:

 

In den Gefilden der Seligen trafen am Tag vor Anbruch des Maimonats die Engel rege Anstalten, den der Himmelskönigin gewidmeten Zeitkreis würdig zu feiern. Man brach die schönsten Blüten auf den himmlischen Auen, man pflückte Palmwedel und sonstiges edles Baumgezweig ab, um damit der Gottesmutter am ersten Mai zu huldigen.

 

Dieser Eifer im Dienst seiner lieben Mutter gefiel dem Heiland gar sehr. Er beschloss, den Engeln dafür eine liebliche Gunst zu erweisen. Mit einem strahlenden Seraph sprach er einige Huldworte und entließ alsdann die Himmelsscharen zu einem Flug auf die Erde.

 

Auf lautlosen Fittichen schwebten diese – der Seraph voran hernieder – in ein dämmeriges Waldrevier.

 

An einer lichten Freistätte, durchrauscht von einem kristallklaren Bächlein, hielt man an.

 

Der Seraph schöpfte mit der Rechten ein paar Tropfen des Wassers auf und ließ diese auf die Erde tröpfeln.

 

Und siehe da!

 

Überall, wo eine solche Spende aus Engelshand den Boden berührte, tat sich dort das Erdreich auf, um zwei lanzettliche, grünsamtene Blätter hervorsprießen zu lassen. Und aus dem Schoß dieser Blätter sprossten schlanke Stängel hervor, an deren Bogenrundung prächtige Glöckchen baumelten. Die Farbe der Glöckchen glich der Weiße des Schnees; am Rand waren sie zierlich ausgezackt und leicht mit Grün überhaucht. Sie strömten einen würzigen, waldfrischen Duft aus.

 

Die Himmelsscharen ergingen sich in Rufen der Bewunderung und des Entzückens über die anmutige Blüte. Sie fanden, dass der Heiland in deren schneeiger Weiße gar schön die unbefleckte Reinheit seiner Mutter, in deren schlichter, anspruchsloser Bescheidenheit aber vortrefflich Marias Demut versinnbildlicht habe.

 

Unter Preisliedern auf den Allmächtigen und Lobgesängen auf die Himmelskönigin sammelten sie einen Strauß jener neugeschaffenen süßen Blumen, um damit zum Himmel zurückzuschweben. Hier strömten sie vor dem Thron Jesu ihren Dank für den Huldbeweis aus und überreichten sodann, neben den übrigen duftigen Gaben, der Maienkönigin den Strauß der köstlichen Neuglöckchen, den sie auch mit inniger Freude entgegennahm.

 

Die Menschen staunten ebenfalls, als sie des früher nie gesehenen Blümleins, das sich alsbald überall an geeigneten Waldstellen zeigte, ansichtig wurden. Auch sie hatten innige Freude an dem Waldsprössling. Sie brachten ihn in verehrende Verbindung mit Maria, der Königin des Wonnemonds, dem das Blümchen ja seine Entstehung verdankte. Sie nannten es Maiglöckchen.

 

Im Anblick der trauten, glöckleinähnlichen Blütenkelche pflegten sie diese mit Vorliebe zur Verkündigung des Lobes Marias aufzufordern:

 

Läutet, Glöcklein, läutet wieder!

Klinget, klinget fort und fort!

Singt der Jungfrau süße Lieder

Überall – von Ort zu Ort!

 

Klinget Liebe, klinget Treue

Eurer Königin des Mai!

Dass sie stetig uns aufs Neue

Mittlerin und Mutter sei!