Wundertätige Mutter

 

9. Juli

 

Wunder gehören so sehr zum Bestand einer Offenbarungsreligion, dass in ihr stets die Gefahr besteht, in krankhafte Wundersucht zu verfallen. Hätte Christus seine Sendung nicht durch Wunder beglaubigt, von denen die Heilige Schrift nur wenige aufgezeichnet hat, nie hätte man dann seiner Forderung, der Sohn Gottes zu sein, auf den alle hören müssen, Glauben schenken dürfen. Auf dem einzigartigen Wunder seiner glorreichen Auferstehung beruht unser ganzer Glaube. Deshalb sagt der heilige Paulus: „Wäre Christus nicht von den Toten auferstanden, dann wäre nichtig unser Glaube, dann wären wir die beklagenswertesten von allen Menschen.“

Dementsprechend hat es der Herr seinen Jüngern verheißen, dass sie Wunder wirken könnten und gar größere Wunder, als er selbst vollbrachte. Aus der wahren Kirche Christi sind daher Wunder überhaupt nicht wegzudenken. Mag ihre Zahl auch in den ersten Jahren ihrer Ausbreitung größer gewesen sein, mögen sie heute zumeist in den Missionsgebieten sich abspielen, wo sie die Worte der Glaubensboten bestätigen können, ganz fehlen dürfen sie nie. Und sie fehlten auch in der Kirche Christi nie. Mit Recht betrachtet daher heute noch die Kirche die Wunder als die Beglaubigungszeichen in den Selig- und Heiligsprechungsprozessen. Mit Recht erbittet sich der Gläubige an den Stätten der Gnadenbilder und der Gottesoffenbarungen Wunder.

Wer wollte aber dann die Mutter des göttlichen Wundertäters davon ausschließen? Ganz im Gegenteil: Von ihr erwartet es der gläubige Mensch in ganz besonderer Weise, da ihre Macht und ihre Liebe alle übertrifft. In der Tat ist mit der Verehrung Mariens, mit den Gnadenbildern Unserer Lieben Frau, mit den Erscheinungen der Himmelskönigin das Wunderwirken in ganz auffallender Stärke verknüpft. Sie verdient in Wahrheit den Titel: Wundertätige Mutter. Sie wird es auch immer bleiben, bis es der Wunder nicht mehr bedarf.

Wir dürfen uns also in unseren Nöten getrost an die Wundermacht unserer himmlischen Mutter wenden. Nur muss es in rechter Weise geschehen, d.h. höher als unsere Sehnsucht nach Hilfe muss unsere Ergebenheit in den geheimnisvollen Willen Gottes stehen. Und noch eins: Maria wirkt lieber Wunder der Gnaden an unseren Seelen als Wunder, die Irdisches betreffen.

 

Kirchengebet

 

Wir bitten dich, Herr, unser Gott: gib, dass wir, deine Diener, uns ständiger Gesundheit des Leibes und der Seele erfreuen und dass wir durch die glorreiche Fürsprache der seligen allzeit reinen Jungfrau Maria von der Trübsal dieser Zeit befreit werden und die ewige Freude genießen dürfen.

 

Zur Geschichte des Festes: Im Lauf der Jahrhunderte haben gar manche außergewöhnliche Wahrnehmungen an Marienbildern oder Statuen Anlass zu besonderen Feierlichkeiten gegeben. Der 9. Juli gilt dem Andenken an wunderbare Ereignisse, die im Jahr 1796/97 in Rom das gläubige Volk in Erstaunen setzen und zu einer stärkeren Marienverehrung anregten. An verschiedenen Marienbildern sollen nämlich Bewegungen der Augen oder sogar ein Weinen beobachtet worden sein. Die kritischen Untersuchungen seitens der Kirche (vom 1. Oktober 1796 bis 8. Februar 1797) konnten keine natürliche Erklärung dieser Erscheinungen bringen. Zum Gedächtnis dieser Ereignisse feiert man nun das Fest: Maria, die wundertätige Mutter.

Wir mögen den Ereignissen, die unmittelbar zu diesem Fest Anlass gaben, gegenüberstehen wie wir wollen, eines steht fest, dass Maria wirklich diesen Titel verdient. Denn durch ihre Fürbitte sind unleugbar schon sehr viele Wunder geschehen. 

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)