Marien Strahl

 

Im Monat März des Jahres 1731 richtete ein gewaltiges Erdbeben in Apulien und in dem Nachbarland furchtbare Verwüstungen an. Das Entsetzen und die Bestürzung waren allgemein. Die Bischöfe glaubten, man müsse die Strafgerechtigkeit Gottes dadurch besänftigen, dass man die Herzen der Gläubigen zur Buße führte. Sie ließen zu dem Zweck Missionare von verschiedenen Vereinen kommen, und darunter auch die der Propaganda, bei der sich der heilige Alphons von Liguori befand, der den größten Anteil an ihren Arbeiten nahm. Die Städte Bari, Lecce, Nardo nahmen bereitwillig diese apostolischen Männer in ihre Mauern auf, und überall fanden auffallende und zahlreiche Bekehrungen statt.

 

Foggia, die Hauptstadt von Apulien, war beinahe ganz im Schutt begraben. Vor allem lag die Collegiat-Kirche völlig in Trümmern. Diese Kirche besaß ein altes und wundertätiges Bild der allerseligsten Jungfrau Maria, das man, obwohl die Zeit alle Farben an ihm verwischt hatte, dennoch mit der größten Verehrung und Sorgfalt aufbewahrte. Eine Metall- oder Silberplatte bedeckte es vollständig, nur nicht das Haupt, wo man ein Glas angebracht hatte, unter dem sich mehrere Schleier befanden, woher dann das Bild den Namen der „Jungfrau mit den sieben Schleiern“ erhielt, oder auch des „alten Bildes“ führte. Infolge des Erdbebens hatte man dieses wundertätige Bild in die Kirche der Kapuziner gebracht, wohin – bei der andauernden Macht der Erderschütterungen – das Volk immerfort eilte, um sich unter den Schutz der heiligen Jungfrau zu begeben.

 

Die Menge der Besucher wurde jedoch geradezu unermesslich, als sich da, wo die runde Öffnung angebracht war, das Gesicht der heiligen Jungfrau Maria plötzlich mit den frischen Zügen einer jugendlichen Person zeigte, die auf die Bewohner von Foggia zärtlich ihre Blicke heftete und ihr Unglück zu bemitleiden und sie zu trösten zu wollen schien. Dieses Wunder wiederholte sich mehrere Tage hindurch und wurde bald im Land umher verbreitet. Auch die Missionare der Propaganda wollten sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Sie kamen deshalb mit dem heiligen Alphons von Liguori nach Foggia, dem das in diesem Ort hochgesegnete Andenken seines Onkels, des Monsignore Cavalieri, die ausgezeichnetste Aufnahme verschaffte. Bei dieser allgemeinen Bestürzung, mit der man jeden Augenblick ein neues Unglück befürchtete, wurde der Heilige vom Bischof gebeten, zur Abwendung dieser Geißel eine neuntägige Andacht zu Ehren der heiligen Muttergottes abzuhalten. Er musste der dringenden Bitte, die man an ihn richtete, nachgeben. Bald war die Kirche, die das wundertätige Bild beherbergte, für die große Menge derer, die den heiligen Alphons hören wollten, nicht mehr hinreichend. Der größte Teil der Zuhörer sah sich gezwungen, draußen zu bleiben. Um nun allen die Gelegenheit zu bieten, die Predigt zu hören, brachte man die Kanzel vor die Kirchentür, und ihr gegenüber stellte man das Marienbild auf. Die Heilsfrüchte dieser neuntägigen Andacht erwiesen sich als ganz außerordentlich, und es genügten die zahlreichen Priester Foggias nicht, um die Beichten der Bußfertigen anzuhören.

 

Eines Abends, während dieser Gebets- und Bußzeit, nachdem sich alles Volk entfernt hatte, konnte der heilige Alphons das Übermaß seiner Andacht nicht mehr zurückhalten. Er stieg auf den Altar, um das Bild ganz nahe zu besehen. So wie er sich aber ihm näherte, geriet er in Extase. Er hatte eine Vision der gebenedeiten Jungfrau, die ihm über eine Stunde in wunderbarer Schönheit und Anmut erschien. Als er vom Altar herabgestiegen war, sang er mit mehr als dreißig Personen, teils Priestern, teils Laien, die sich noch in der Kirche aufhielten, das „Ave maris stella! Sei gegrüßt, du Meeresstern!“

 

Am anderen Tag offenbarte der heilige Alphons einem Maler, was er in der himmlischen Vision geschaut hatte, und ließ danach ein Bild verfertigen, das sich noch heut zu Tage im Haus von Ciorani befindet.

 

Einige Tage später, als St. Alphons über den „Schutz der heiligen Jungfrau Maria“ predigte, und aus seinem Mund nur Worte der Liebe und des Vertrauens von Unserer Lieben Frau hehr und mild erklangen, enthüllte sich das Haupt des ihm gegenüberstehenden wundertätigen Bildes, und entsandte einen glänzenden Lichtstrahl, der gar herrlich die Stirn des frommen Missionars umleuchtete. Bei diesem Anblick entstand in der Versammlung ein Ausruf des Erstaunens und der Freude, und von allen Seiten rief es und frohlockte es: „Wunder! Wunder!“ Niemand war, der nicht bis zu Tränen gerührt wurde, so dass viele, die seither noch unbußfertig waren, auf die Knie sanken, sich auf die Brust schlugen und reumütig die Richterstühle der Buße aufsuchten.

 

Im Jahr 1777 wurde der heilige Alphons von Liguori durch die Bitte des Diözesan-Bischofs, der in Rom die feierliche Krönung dieses heiligen Bildes nachsuchte, veranlasst, ein Zeugnis für das besagte Wunder des „Marien-Strahls“ abzugeben.

 

In Folge dieses Zeugnisses und der unverwerflichen Zeugenaussage aller Orden und der angesehensten Einwohner der Stadt Foggia verfügte der Bischof: dass daselbst jährlich am 22. März zur Erinnerung an ein so allseitig beglaubigtes Wunder ein Fest zweiter Klasse zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria gefeiert werde. Und wenige Jahre darauf nahm sein Nachfolger im bischöflichen Amt mit einer außerordentlichen Feierlichkeit die Krönung dieses Gnadenbildes vor. Und unter Andachtstränen und heißen Gebeten empfahlen sich Tausende und Tausende voll des kindlichen Vertrauens dem Schutz der glorreichen Himmelskönigin.

(Aus: Leben des heiligen Alphons von Liguori von M. Jeancard)