"Maria, du wirst seine Mutter sein!"

 

1. In jenem oberen Teil Ägyptens, den heutzutage die Araber „Said“ nennen, liegt ein großer Marktflecken, von den Einwohnern „Sethfeh“ genannt. Dieses Gebiet von Sethfeh ist zumeist von schismatischen Kopten bewohnt, die dem Landbau ergeben sind.

 

Beim Beginn des vorigen Jahrhunderts kam nun ein katholischer Missionar, den man für den Pater Sicard aus der Gesellschaft Jesu hält, von Kairo aus auf dem Nil abwärts, um den Kopten den katholischen Glauben zu verkünden. Er gelangte auch nach Sethfeh und führte dort, neben vielen anderen, auch den Joseph Bisciarah und dessen Frau zur römischen Kirche zurück.

 

Gegen Ende des Jahres 1714 wurde ihnen ein Sohn geboren, der den Namen Abulcher Bisciarah erhielt. Kaum wurde das Kind der Mutter gezeigt, als sie ihm das Zeichen des heiligen Kreuzes auf Stirn, Brust und Mund machte. Da man es sodann dem Vater darreichte, nahm er es in seine Arme, segnete es, und indem er es als Opfer emporhob, sprach er, die Augen zum Himmel gewendet, also zu Gott: „Siehe, o Herr, dieses Kind ist dein, betrachte es mit gütigem Blick; denn durch deine unendliche Gnade ist es nicht von einem häretischen Vater gezeugt worden, wie dieses der Fall gewesen wäre, hättest du mir es einige Monate früher geschenkt! Ich habe es also von dir auf zweifache Weise – als Sohn und als Katholiken erhalten! Früher hätte ich es von dir empfangen, um es dem Teufel zu weihen, da ich es als Häretiker auferzogen haben würde; jetzt ist es gänzlich dein und wird es ewig bleiben; denn ich gelobe dir, es in deiner heiligen Furcht zu erziehen, und du wirst mich mit der Gnade des Heiligen Geistes dabei unterstützen!“

 

Dann näherte er sich einem kleinen Altar der allerseligsten Jungfrau Maria, den er mit großer Verehrung in seinem Zimmer aufgerichtet hatte und stellte ihr das Knäblein dar, indem er sprach: „Maria, du wirst seine Mutter sein! Ich gebe es dir von diesem Augenblick an und weihe es deinem Sohn; erhalte es rein von jeder Sünde! Beschütze es im heiligen Glauben der katholischen Kirche! Ernähre es in der Reinigkeit! Schmücke es mit jeglicher Tugend! Sei ihm eine Beschirmerin und ein Schild wider den bösen Feind bis zum Tod!“

 

Am anderen Tag empfing das Kind die heilige Taufe. Und man erkannte später gar wohl, dass Maria dieses Kind als das ihrige angenommen hatte, indem sie ihm nach und nach die zärtlichste Liebe für sich einflößte und es in seiner Taufunschuld sein ganzes Leben hindurch unversehrt bewahrte.

 

Als im Jahr 1720 aufs Neue vom Papst Clemens XI. einige Priester zur Bekehrung der Kopten in Oberägypten gesendet wurden, kam auch einer dieser eifrigen Missionare der römischen Propaganda nach Sethfeh und lernte auch die Familie Bisciarah kennen.

 

Der vortreffliche Missionar hatte den Knaben Abulcher kaum gesehen und ihm auf seines Vaters Verlangen seinen Segen erteilt, als er auch schon aus dem ehrbaren und unschuldigen Antlitz, aus den aus Ehrfurcht gesenkten Blicken, aus dem ganzen – nur göttliche Frömmigkeit atmenden Äußeren erkannte, dass in ihm eine nicht jener gewöhnlichen Seelen wohne, die nicht für das Leben im schnöden Weltgetümmel geschaffen sei. Er legte seine Hände auf sein Haupt; und als er ihm seinen Segen gespendet hatte, da erhob der kleine Abulcher zu Gott seine Augen, die von so reiner Freude strahlten, dass es aus der Rührung, mit der er dies tat, wohl ersichtlich war, wie viel des Guten dieser priesterliche Segen ihm gewährt hatte.

 

So oft der Missionar seinen Vater besuchte, was in den ersten Monaten seiner Ankunft gar oft geschah, um sich von ihm Rat und Unterweisung zu holen; näherte sich Abulcher der Tür, um ihm zu begegnen, seine Hand zu küssen und seinen Segen zu erhalten. Nie entfernte er sich von seiner Seite, indem er ja seine größte Freude darin fand, wenn er nur von Gott und Maria reden hörte.

 

Der Missionar schenkte ihm ein Bild der allerseligsten Jungfrau Maria mit dem göttlichen Jesuskind und des heiligen Jünglings Aloysius von Gonzaga, die er in einer kleinen Kammer an der Mauer befestigte. Er errichtete sich daselbst auch einen kleinen Altar, und fand sich öfters am Tag bei ihm ein, um dort vor dem Muttergottesbildchen seine Andacht zu verrichten. Jeden Morgen schmückte er ihn mit Blumen aus dem väterlichen Garten und feierte seine kleinen Feste, indem er immer wieder frische Kränze flocht und mit Liebe und Andacht sein schönes Heiligtum ausschmückte. Auch legte er dort gewisse Gaben nieder, die zugleich Geschenke und Opfer sein sollten; denn am Samstag brachte er einige Datteln, die er sich bei seinem Frühstück entzogen hatte; bald auch waren es einige Äpfel, einige Zitronen, oder ein Granatapfel. Gegen Abend nach er die Gaben wieder hinweg, um sie als Marien-Gabe dem ersten Armen zu bieten, der ihm eben begegnete. Seine Mutter fand ihn oft, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, in die tiefste Andacht aufgelöst, und zur heiligen Muttergottes betend: „Du bist meine Mutter, ich liebe dich, ich liebe dich!“ Dann erhob er sich rasch, verbeugte sich tief vor ihrem Bild und neigte sein Haupt unter ihre Füße mit den Worten: „Ich bin dein Diener, o Maria!“

 

Ehe die Mutter am Abend sich zur Ruhe begab, besuchte sie ihn, wie sorgsame Mütter es gewohnt sind, und stets fand sie ihn bedeckt und in sittsamer Lage. Dabei wurde sie innig gerührt, als sie ihn, die Hände in Kreuzesform über die Brust gefaltet und ein Kruzifix von Messing, das der Missionar um seinen Hals gehängt hatte, umschließend erblickte. Liebevoll neigte sie sich öfter zu ihm nieder und freute sich in der Betrachtung jener himmlischen Anmut, jener engelreinen Züge und jenes unschuldsvollen Lächelns, das ihn so schön und lieblich erscheinen ließ; und mehr als einmal gewahrte sie, dass er auch im Schlaf – seiner Gewohnheit gemäß – die heiligsten Namen Jesus und Maria lallte.

 

2. Der fromme Knabe war zu einem holdseligen Jüngling geworden. Abulcher fühlte unter anderem auch das tiefste Mitleid mit den irrgläubigen Kopten und den ungläubigen Arabern, und dieses quälte ihn fast immerdar. Sein Gebet, seine Betrachtung, sein Dienst bei der heiligen Messe, seine Unterweisung der kleinen Kinder in der christlichen Lehre und seine häufigen Kommunionen hatten sich auch das edle Ziel der Bekehrung Ägyptens zum heiligen katholischen Glauben vorgezeichnet. Wenn er sich mit seinem Lehrer unterhielt, besprach er sich ungemein gerne mit ihm über die Art und Weise, auf welche man am fruchtbringendsten sich den Kopten nähern, sie zur Anhörung der Wahrheit gewinnen, und sie zur Überzeugung und Annahme des katholischen Glaubens führen könnte. Der Missionar war darüber hoch erfreut, und überlegte, nachdem er vorher seine Zuflucht zu „Maria vom guten Rat“ genommen, wie er einen leichten Weg finden könnte, um sein Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Er bemerkte in Abulcher außer seiner ungewöhnlichen Frömmigkeit viel Urteilskraft, Unterscheidungsgabe und Klugheit. Auch zeigte er eine zu jeder Wissenschaft geeignete Anlage und einen hohen Geist. Und da sich mit allen diesen Eigenschaften seine natürliche Unerschrockenheit und Geisteskraft verband, die ihn überaus tätig, froh, unternehmend machten, so sah jener gelehrte und eifrige Missionar wohl ein, dass Abulcher zum priesterlich apostolischen Leben geboren war.

 

Eines Tages nun fragte ihn der Missionar: „Willst du, mein Sohn, nach Rom in das urbanische Kollegium der Propaganda gehen, wo junge Männer zu Priestern für die ganze Welt gebildet werden?“ Abulcher, der die Demut selbst war, errötete bei einem so ehrenvollen Antrag, willigte aber mit Freuden ein. Auch dem Vater des jungen Mannes gefiel dieses Anerbieten, und selbst die Mutter billigte es nach ihrer Frömmigkeit, indem sie aus Liebe zu Gott und Maria und zum Wohl der Kirche Ägyptens jede Zärtlichkeit mütterlicher Liebe unterdrückte.

 

Er bereitete sich für diese lange Reise durch viele Gebete, Kommunionen und Bußübungen vor. Und weil er sein Herz in der Liebe Gottes und Marias von allen Dingen losgelöst hatte, so verließ er Vater und Mutter und die Heimat mit großer Heiterkeit und Festigkeit. Er bat seine Eltern, die vor Freude und Schmerz zugleich weinten, da sie sich von einem so geliebten und folgsamen Sohn trennten, um den Segen. Auch wünschte er, dass sein guter Lehrer und geistlicher Vater ihn während der heiligen Messe kommunizierte. Und so gelangte er in Begleitung der Kinder, die er seither in der christlichen Lehre unterrichtete, und aller Katholiken, die unter Tränen und Seufzern ihm tausend Segnungen, erfleht von Gott durch die Fürbitten der allerseligsten Jungfrau Maria, wünschten, an die Ufer des Nils. Dort segnete ihn der Missionar zum wiederholten Mal. Abulcher umarmte noch einmal alle, und empfahl sich und sie Gott und Maria und bestieg sein Fahrzeug, um den Strom hinabzuschiffen. Und so weit das Auge der ihn Begleitenden reichen konnte, hörten sie nicht auf, ihn zu grüßen, indem sie weiße Tücher und Papyruszweige von einer kleinen Anhöhe herab wehen ließen, die sich neben dem Nil erhebt.

 

3. Von jetzt an zeigt sich der fromme junge Mann Abulcher in allen Tagen seines Lebens als einen treuen Verehrer Marias. Immer und immer klang ihm das Wort seines Vaters im Herzen nach, das er für ihn ehedessen zu der Gebenedeiten des Herrn emporgerufen hat: „Maria, du wirst seine Mutter sein!“ Als dankbarer Sohn suchte er darum auch seine himmlische Mutter, die stets so gnadenreiche, recht inniglich zu verehren, und ihr zu vertrauen.

 

Das Schiff, das Abulcher trug, eilte indessen frei und rasch dem Ziel zu und hatte immer günstigen Wind, ohne zu sehr rechts- oder links-hin auszugleiten. Als sie aber über das Cap von Barke hinaufkamen, da erhob sich allplötzlich ein ungemein heftiger und wütender Orkan, der alle ohnehin schon offenen Segel ergriff und sie in den Grund zu bohren schien. Da der Wind immer mehr stürmte und die See entsetzlich hoch ging, so erachteten sich die armen Schiffer schon für verloren. Die Nacht brach an und der Wogenschlag warf sich auf die Seite und den Vorderteil des Schiffes. Das Meer selbst tobte in solcher Aufregung und das Fahrzeug befand sich in so großer Not, dass man es eben wehrlos dahin schlagen ließ, wohin die gewaltige Wucht der Wogen es schleuderte. Der folgende Morgen aber zeigte sich noch viel schrecklicher als die Nacht, denn während sie sich auf hoher See und nur in einem Wasserwirbel zu sein wähnten, gewahrten sie die Küsten der Berberei. Der Kapitän war darüber ganz verzagt, die Schiffsleute verloren den Mut, die Passagiere dachten an ihr Ende. In diesem Schrecken, - weil es grauenvoll gewesen wäre, in die Gefangenschaft der Wilden zu geraten, - empfahl ein jeder seine Seele Gott dem Herrn, schlug an seine Brust und flehte um Barmherzigkeit und erwartete, dass das Schiff umschlagen und nebst ihnen in Trümmern zu Grunde gehen würde.

 

Abulcher, im Gedenken an die mächtige Fürsprache Marias bei Gott, und dass sein Vater ihn unter ihren mütterlichen Schutz gestellt habe, tröstete – bei der allgemeinen Verzweiflung der Reisegefährten, - voll Heiterkeit im Antlitz, voll Ruhe und Frieden im Herzen die Schiffsgenossen, ermutigte sie zum Vertrauen und zu dem Gelübde: „zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria von Loretto die heilige Kommunion empfangen zu wollen“, und dann würden sie gewiss durch die „Helferin der Christen“ dem Unglück entgehen. Und Unsere Liebe Frau erhörte den Wunsch der so demütig und vertrauensvoll Flehenden, denn der Sturm legte sich, sie gelangten auf die hohe See zurück, das vielfach verletzte Schiff wurde ausgebessert und wieder fahrbereit gemacht, so dass die Reise keine Unterbrechung mehr erlitt.

 

Kaum aber sahen sie sich von der Gefahr des Schiffbruches befreit, so drohte ihnen eine andere nicht minder große. Denn einige Tage später, da sie auf Morea zusteuerten und das Cap Matapan umschiffen wollten, rief ein Schiffsjunge aus dem Mastkorb dem Kapitän zu: „Wir sind verloren!“ Und er hatte auch Recht. Denn ein kräftiges Schiff, von einem Seeräuber aus Algier geführt, kam eilend mit offenen, vollen Segeln und günstigem Wind auf die Brigade los, die als Handelsschiff nicht mehr als vier kleine Kanonen hatte und sich gegen das wohlbewaffnete Raubschiff und die kühnen und an solche Überfälle längst gewöhnten Barbaren nur schlecht verteidigen konnte. Das Leid und die Furcht der Reisenden wuchs immer mehr, und der Kapitän, dem kein günstiger Wind zuwehte, konnte nicht entfliehen; er fiel in Kleinmut, sein Angesicht erbleichte, er erwartete die – Sklaverei.

 

Abulcher wandte seinen Blick von dem Bild der heiligen Mutter Gottes nicht ab und sprach weinend und mit kindlicher Inbrunst zu ihr: „Unmöglich kannst du wollen, meine Mutter, dass wir Sklaven der Türken werden; es ist nicht möglich! Du weißt es ja wohl, meine Mutter, welch ein Elend die Sklaverei ist, die du seit so vielen Jahrhunderten selbst Sklavin in Kairo bist und unter dem harten Joch der Türken seufzest, welche deine unbefleckte Jungfräulichkeit leugnen und deine getreuen Diener unterdrücken. Erhebe dich, meine Mutter! Wenn wir es dir verdanken, dem Schiffbruch entronnen zu sein, so werden wir es wohl auch dir verdanken, den Händen dieser unreinen Feinde, die auch gegen deinen Sohn Jesus Christus feindlich gesinnt sind, zu entgehen.“

 

Unterdessen war der Unter-Kapitän auf den Mastbaum gestiegen, um zu spähen: ob nicht ein französisches oder venezianisches Schiff, das ihnen zu Hilfe kommen könnte, in jenen Meeren kreuze? Und rief mit lauter Stimme von der Höhe herab: „Es lebe der heilige Markus! Wir sind gerettet!“ Er hatte zwei Galeeren der Malteser-Ritter entdeckt, die von der Seite des Golfes von Squillak mit großer Kraftanstrengung ihnen entgegen eilten, um auf die Mohren zu jagen. Kaum sah aber das Raubschiff sie am Horizont heraufkommen, als es in größter Schnelligkeit nach der Insel Cerigo umlenkte und nicht früher anhielt, bis es sich hinter einem Vorgebirge, das dasselbe den Blicken der Galeeren entzog, in Sicherheit sah.

 

Kaum hatte der Kapitän erkannt, dass sie gerettet seien, so versammelte er seine Schiffsleute und Reisenden auf dem Verdeck, und stimmte, zum Preise Marias und zur Danksagung für ihre Hilfe, die Lauretanische Litanei an, und versprach bei seiner Ankunft in Ankona zwölf große Kerzen ihrem Altar zu opfern; ebenso würde er mehrere heilige Messen sowohl zum Dank für die Rettung aus dem Schiffbruch als aus den Händen der Seeräuber feiern lassen.

 

Nachdem sie in Zante gelandet und Waaren ausgeschifft hatten, stachen sie aufs Neue in die See und gelangten bei gutem Südost-Wind glücklich in den Hafen von Ankona gegen Ende November 1731.

 

Abulcher, endlich einmal in Italien gelandet, wollte sich, sobald die Quarantäne vorüber war, mit seinen Genossen ungesäumt in die Muttergotteskirche jener Stadt begeben. Lange kniete er dort vor ihrem Altar, indem er mit zärtlichster Andacht betete und ihr, seiner Mutter, für so viele auf jener Reise verliehenen Wohltaten seinen Dank darbrachte.

 

Hierauf begab er sich zu dem Agenten der Propaganda und wartete, bis sich ein Gefährte nach Rom fand.

 

Einige Tage später begaben sie sich auf die Reise und gelangten nach Loretto, als die Sonne noch ziemlich hoch über dem Horizont stand. Abulcher war hierüber sehr erfreut, weil er auf diese Weise das „heilige Haus von Nazareth“ umso bequemer besuchen, und sich diesen ganzen Tag und auch noch einen Teil des folgenden Morgens daselbst aufhalten konnte. An der Schwelle des majestätischen, ungemein kostbaren Tempels schlug sein Herz von so außerordentlicher Freude, dass er sich nicht zügeln konnte, sondern in abgebrochenen Ausrufen, in Seufzern und in Stoßgebeten voll Andacht laut frohlockte.

 

Als er aber bei dem „heiligen Haus“ selbst angekommen war, das mitten in der Basilika steht, warf er sich beim ersten Eintritt auf die Erde nieder, küsste sie tausendmal, benetzte mit seinen Tränen jenes überglückliche Zimmer, wo der eingeborene Sohn Gottes, die ewige Weisheit und unendliche Güte unseres Schöpfers und unseres Erlösers, so viele Jahre sein armes, der Welt verborgenes Leben hinbrachte. Abulcher begab sich in jener heiligen Dämmerung und tiefstem Stillschweigen in eine Ecke der Kapelle, richtete seine Blicke auf das Bild der gebenedeiten Jungfrau Maria, und betete mit größter, glühendster Inbrunst. Er erneuerte hier die Hingabe seiner selbst in den Dienst der Mutter des Herrn, die ja auch „seine Mutter“ ist, welche Hingabe er ehedessen in der Kapelle des heiligen Sergius zu Kairo gemacht, wo die heilige Familie – Jesus, Maria und Josef – in der Verbannung verweilt hatte; er weihte sich gänzlich dem Sohn der göttlichen Mutter, und bat sie zugleich: „ihm die Blüte seiner Jungfräulichkeit – unversehrt und unverletzt, wie bisher, zu bewahren.“

 

Während seine Genossen nach ihrem Gebet endlich aus der Kapelle sich entfernten, um die anderen Teile dieser großen Kirche zu beschauen, setzte Abulcher noch lange Zeit seine Andacht fort und konnte sich von dieser heiligen Stätte fast nicht trennen.

 

Am anderen Morgen ging er mit dem ersten Glockenschlag zum Heiligtum, aus welchem er sich entfernte, nachdem er mit seinen Reisegefährten die heilige Kommunion empfangen und viele heilige Messen gehört hatte. Er betete bei Unserer Lieben Frau für sich, für seine Eltern, für die Missionare und ganz Ägypten, und flehte sie an: „sie möchte sich würdigen, jenes edle und so unglückliche Land in den Schoß der heiligen römischen katholischen Kirche zurückkehren zu lassen.“

 

Die Reise fortsetzend, ließ er in seinem Eifer der Andacht nicht nach. Kaum war er in den Wagen gestiegen, so betete er mit seinen Genossen, alsdann schwieg er, da es doch Nacht war, wie es zu kommen pflegt, wenn man im Dezember reist, und betrachtete das süßeste Geheimnis der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes Gottes, der Geburt Jesu Christi im Stall zu Bethlehem, und dachte dabei zugleich auch an Maria, seine gebenedeite Mutter, bis die Morgenröte sich nahte. Und da die Kälte auf jenen Höhen der Apenninen scharf und streng ist, so freute er sich, mit dem göttlichen Christkind und Maria zu leiden, das er sich in der kalten Grotte von Bethlehem vorstellte.

 

4. Endlich gelangte Abulcher mit seinen Genossen am 31. Dezember 1731 unter dem Pontifikat Klemens XII. nach Rom und stiegen im urbanischen Kollegium der Propaganda ab, wo sie mit größter Liebe und Freude der Pater Franziskus Sosia Tramontana aus der Kongregation der Piaristen, der damals Rektor war, aufnahm. Der Kardinal de Petra, damals Präfekt der genannten Kongregation, las die Briefe, die der Missions-Vorstand von Kairo an ihn gerichtet hatte; und da Abulcher Bisciarah in denselben gar sehr gerühmt wurde, so behandelte er ihn mit größter Liebe und erkundigte sich bei ihm über Ägypten und die Missionare, die er kannte, und um die Bekehrung der Kopten. Abulcher gab ihm so treffliche, wohl überlegte Antworten, und sprach mit solcher Anmut und Bescheidenheit, dass der Kardinal die größten Erwartungen von ihm hegte.

 

Auch die Alumnen der Anstalt erkannten alsbald in ihm seine bedeutenden Fortschritte in der Übung der christlichen Tugenden und ganz besonders seinen innigen Umgang mit Gott und seine kindliche Verehrung Marias.

 

Sehr gerne sprach aber auch Abulcher, wenn er in Rom bei den Alumnen war, von der heiligen Muttergottes. Und da sein Geist gänzlich auf das Himmlische gerichtet war, und er deshalb die Einsamkeit liebte, so begannen seine Mitschüler aus Furcht, er möge sie verlassen, ein Gespräch von der allerseligsten Jungfrau Maria mit ihm. Da wurde Abulchers Antlitz ganz entflammt und er sprach von ihr so Vieles und so beredt, dass er kein Ende zu finden wusste. Er schmückte sie mit den herrlichsten Titeln, keinen aber gebrauchte er lieber und öfter als den „meine Mutter“. Dieser Name trat aus seinem Mund so inbrünstig, so freudig, so glanzvoll hervor, und er sprach denselben mit solchem Feuer aus, dass sein ganzes Antlitz wie von Strahlen der Verklärung leuchtete und er laut frohlockte. Auf diese Weise verpflanzte er in die Herzen der ihn Umgebenden die zärtlichste Liebe und einen köstlichen Eifer: Maria gänzlich und für immer zu dienen.

 

Berührte Abulcher die Missionen, so schrieb er alles Gute, das die Arbeiten im Weinberg des Herrn stifteten, dem Schutz der gnadenreichen Jungfrau Maria zu. Er verkündigte die Wunder, die sich für diesen Zweck in älteren und neueren Schriftstellern aufgezeichnet finden. Auch pflegte er zu sagen: „Stelle man eine Mission unter den Schutz Mariens, so heißt dies so viel, als sie von gesegnetem Erfolg begleitet zu sehen. Die hartnäckigsten und kritischsten Geister, die verhärtetsten und rohesten Herzen beugen sich, erweichen, brechen und werden sanft und mild. Die Wölfe werden in Lämmer umgewandelt, die Löwen wie Hündlein so zahm, die Sperber so furchtsam und sanft wie die Tauben, das sind die Umwandlungen, die durch den wunderbaren Zauber eines Blickes, eines Wortes, einer Einladung dieser himmlischen Königin der Herzen bewirkt wurden, denn niemand vermag es, der liebevollen Gewalt Marias Widerstand zu leisten.“

 

Unter den Titeln, unter denen er Maria eine besondere Verehrung erwies, hatte er vor allen anderen den der „schmerzhaften Mutter“ auserkoren, und zwar aus mehreren Gründen. Da er erstens fortwährend über das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi betrachtete, so wollte er damit auch Marias Schmerzen vereinigen, da ein Gedanke den anderen gab, und der eine und der andere ihn nur um so mehr zum Mitleid und zum Schmerz entflammte. Zweitens glaubte er, die Liebe zu Maria in ihrem Märtyrium sei ihr sehr angenehm, indem es der natürliche Wunsch eines jeden Leidenden ist, bei anderen Freunden einige Teilnahme zu finden. Drittens betrachtete er sie allein, am Fuße des Kreuzes, verlassen und in Trauer versenkt, und er wollte ihr aus Mitleid über so große Angst in ihrer Verlassenheit Gesellschaft leisten. Durch seine Liebe hoffte er ihr einige Erleichterung zu verschaffen. Viertens erachtete er es als sehr heilsam, sie dann um Hilfe anzurufen, während sie ihren vom Kreuz abgenommenen Jesus auf ihrem Schoß hält. Dies sei das sicherste Mittel, von ihr jede Gnade und besonders diejenige, Gott nicht mehr zu beleidigen, zu erlangen. Daher fanden sich in einem Büchlein, in das er seine Erleuchtungen der Meditation und seine Vorsätze einzeichnete, die Worte: „Ich will täglich zur schmerzhaften Mutter Maria beten:

 

Drücke deines Sohnes Wunden,

So wie du sie hast empfunden,

Tief in meine Seele ein!

 

Dadurch möge sie mir die Gnade erlangen, mich fern zu halten von allen Gelegenheiten zur Sünde und stets vorsichtiger zu leben!“

 

Sehr oft rief er auch den heiligen Namen Marias an, der die Teufel verscheucht, die Betrübten tröstet, der ein Stern zum Hafen, ein Honig, der jede Bitterkeit versüßt, unsere einzige Hoffnung im Leben und im Tod ist. Er schrieb deshalb in sein Tagebüchlein: „Ich gebe meine Unschuld in Marias Hände, und will jeden Tag die fünf Psalmen beten, die ihren heiligen Namen bilden, damit sie mir beistehe und mich vor der List und den Anfechtungen des bösen Feindes bewahre, damit ich mein ganzes Leben hindurch meinem Gott treu und dankbar bleibe.“

 

Abulcher starb im Kloster St. Stephan de Mori zu Rom, vierundzwanzig Jahre alt, am 30. April 1738, da die Reise-Anstrengungen und das Klima Roms seine Gesundheit untergruben. Wie Abendglockenklänge vom Ave-Maria-Geläut, gar mild und hehr und tröstlich, klangen ihm auch jetzt wieder die Worte seines frommen Vaters ins Gedenken, die er über ihn an der Wiege in Ägypten ausgerufen hatte: „Maria, du wirst seine Mutter sein!“ Er erwählte Maria zur Mittlerin bei ihrem göttlichen Sohn und bat sie inständigst, in ihrem Namen ihm Verzeihung aller seiner Untreue zu erbitten, ihn treu in der Liebe zu ihm und zu ihr bis zum letzten Atemzug zu erhalten, und gleichwie die ersten Namen, die er als kleines Kind aussprach, Jesus und Maria gewesen, so möchten sie auch die letzten sein, die über seine Lippen kämen. Dann bat er noch um die Fürsprache Marias für das Kollegium der Propaganda, damit es in Unschuld, Eifer und im Glanz jeglicher Tugend blühe. Er betete auch für die Missionen der ganzen Erde und besonders für sein geliebtes Ägypten und die Bekehrung der Kopten.

 

Er empfing während seines langen und schweren Leidens sehr oft das allerheiligste Sakrament des Altares. Man kann in Wahrheit sagen, dass die heilige Liebe so sehr und innig in seiner Seele ausgegossen war, dass sein Leben nichts als eine beständige Extase und ein beständiger Verkehr mit Gott und Maria gewesen.

 

Abulcher blieb in der letzten Nacht seines Lebens für sich allein. Was er tat und wie er sein Herz ausgeschüttet haben mag, welche innigen Tränen er vergossen hatte, mit welcher Liebesstimme er Jesus und Maria mag eingeladen haben, sich ihm gnädig zu bezeigen, das weiß Gott allein. Denn am folgenden Morgen ging der Krankenwärter, wie gewöhnlich, zu ihm, um ihm Arznei zu bringen. Er pochte leise an der Tür an. Da er aber keine Antwort vernahm, so entfernte er sich wieder in der Meinung, er schlafe noch. Einige Zeit darauf trat er in die Zelle, um sie in Ordnung zu bringen. Er öffnete die Fensterläden und fand ihn auf sein Lager hingestreckt, vom Kopf bis zu den Füßen bekleidet. Um die Hände hatte er den Marianischen Rosenkranz gewunden, und hielt das Kruzifix fest. Sein Antlitz erschien wie lächelnd, seine Augen waren halb geöffnet, und mit solcher Liebe auf das Kruzifix hingewendet, dass er in tiefer Betrachtung zu sein schien. Der Krankenwärter näherte sich dem Bett, rief ihm zu und rüttelte ihn, um ihn zu sich zu bringen, fand ihn aber kalt und regungslos. Er war in der Liebe Jesu und Marias, „seiner Mutter“, heimgegangen in das himmlische Vaterland.

 

Man sagte überall: „Ein Engel Gottes, ein Jüngling von unversehrter Reinheit, ein seltenes Muster der Demut und jeglicher christlicher Tugend ist Abulcher gewesen!“

 

(Aus: Leben des ägyptischen Jünglings Abulcher Bisciarah von P. Anton Bresciani)