Macherlohn für das innere Marienkleid

 

(Aus: Beispiele der allerseligsten Jungfrau Maria)

 

Ein Hirt auf einem Landgut hatte eine Tochter, die als eine fromme und reine Jungfrau ihrem Vater die Herden weiden half. Es erhob sich aber auf dem Weideplatz ein einsames und verlassenes Kirchlein, in dem sich die genannte Jungfrau öfters begab, und vor dem Bild der heiligen Muttergottes ihr Herz in Gebeten ausgoss. Man hatte nämlich dieses Kirchlein zu Ehren der glorreichen Himmelskönigin eingeweiht, und es befand sich darin ihr schönes Bildnis, wie sie, die Gebenedeite des Herrn, das Jesuskindlein in den Armen hält.

 

Dieses ganz verlassene und von den Gläubigen gar nicht mehr besuchte Kirchlein sah auch nach und nach die Kleider Marias und das sonstige Beiwerk zu dessen Verzierung, womit man früher das holde Bild geschmückt hatte, verblassen und verwittern. In seinem vernachlässigten Anzug stand es jetzt gar kläglich da, und nur mit wehmütigen Blicken konnte man es ansehen.

 

Während nun eines Tages die Hirten-Jungfrau vor dem Bild Marias längere Zeit kniete und ihre gewohnten Gebete verrichtete, wurde sie gar sehr durch die Ärmlichkeit der Muttergottes gerührt, und brach in Tränen des Mitleids aus, wobei sie die Worte sprach: „O Himmelskönigin, du Mutter meines Herrn Jesus Christus, wie erscheinst du in so ärmlichem Anzug! Wohl habe ich nichts, womit ich dich bekleiden und schmücken könnte; aber was mir fehlt an äußerer Kleidung, will ich ersetzen, so viel ich kann, durch meine inbrünstigen Gebete, durch das innere Gewand meiner Seele; und ich wage es, dich durch meine Gebete mit einem solchen Kleid zu umhüllen, wie es sich für eine solche Königin geziemt, geschmückt zu werden!“

 

Als die Hirten-Jungfrau in dieser Andacht zur heiligen Jungfrau viele Jahre zugebracht hatte, gefiel es Maria, ihr für diesen treu erwiesenen Dienst Vergeltung angedeihen zu lassen. Die Jungfrau wurde krank und musste das Bett hüten.

 

Zu derselben Zeit, als zwei Ordensbrüder durch den Wald des Landgutes, in dessen Gegend jenes Marienkirchlein lag, wanderten, wurde einer von ihnen, und zwar gegen seine Gewohnheit, vom Schlaf überfallen, so dass er sich nicht mehr desselben erwehren konnte. Er sprach deshalb zu seinem Genossen: „Ich muss ein wenig schlummern!“ Der andere aber entgegnete: „Bruder, wenn wir hier länger verweilen, wie werden wir aus diesem Wald, der, wie ihr selbst wisst, von vielen Räubern bewohnt wird, kommen? Wir gehen ja geradezu den Mördern und dem Tod entgegen!“ Jener indes antwortete: „Wenn ich mich nicht durch einen Schlaf erquicke, wenn er auch noch so kurz sein mag, bin ich nicht mehr im Stande, weiter zu gehen!“ Mit diesen Worten verfiel er schon in den Schlaf. Der andere blieb jedoch bei ihm sitzen, nahm ein Buch hervor und begann zu beten.

 

Während er so im Gebet versunken dasaß, siehe! da erblickte er von Ferne eine große Schar der schönsten Jungfrauen in kostbaren Gewändern, die näher zu kommen schienen. Aus Ehrfurcht vor ihnen, wie es sich geziemt, erhob er sich. Sie verneigten sich stillschweigend und verschwanden. Nach dieser sah er eine andere Schar, die an Schönheit die erste weit übertraf, in weißen Kleidern herannahen, die, gleich den ersten, vor ihm sich verneigten und stillschweigend vorüber gingen. Nach dieser, sieh! da nahte sich eine dritte Schar, die die vorangehenden an Herrlichkeit noch weit mehr überstrahlte; ihre Kleider waren purpurrot und ihnen folgte eine glorreiche Jungfrau nach, deren Antlitz von einer unglaublichen Lieblichkeit erstrahlte. Sie war nämlich ringsum mit weißen und roten Rosen verziert, und trug einen Kranz von Blumen auf dem Haupt, die nach ihrem Schillern, ihrer Farbenpracht und ihrem Wohlgeruch im Paradies selbst gepflückt zu sein schienen. Der Bruder erhob sich und verbeugte sich demütig und bat sie: sie möchte ihm doch offenbaren, welch eine glorreiche Königin sie sei?

 

Als sie sein sehnsuchtsvolles Verlangen sah, wandte sie sich mit Herablassung zu ihm und antwortete ihm also: „Ich bin Maria, die Muttergottes; ich verstoße keinen Sünder, der in Demut mich um meine Fürbitte bei Gott anruft!“ Nun wünschte er auch zu wissen: wer diese so anmutigen Jungfrauen gewesen sind, die ihr vorausgegangen waren? Maria entgegnete: „Es waren dies Jungfrauen, die bis zu ihrem Tod ihre Jungfrauschaft rein bewahrt haben. Die erste Schar, die du gesehen hast, deren Kleider buntfarbig waren, sind Jungfrauen, die in der Welt lebten, so dass sie gleichsam zwischen der Jungfrauschaft und zwischen der Ehe mit zweifelnder Seele hin und her schwebten. Die zweite Schar, die du gesehen hast, mit den blendend weißen Kleidern, sind die Jungfrauen, die auf der Erde meinem Sohn und mir ihre Jungfrauschaft geweiht und mit unserer Hilfe bis in den Tod unbefleckt bewahrten. Deshalb überglänzt ihre Herrlichkeit um vieles die Herrlichkeit der ersteren. Die dritte Schar, die du gesehen hast, sind Jungfrauen, die nicht nur, meinem Beispiel nachfolgend, die Jungfrauschaft gelobten, sondern sie auch im Märtyrium mit dem Blut, das sie aus Liebe für ihren Bräutigam Jesus Christus vergossen haben, geschmückt; und diese haben es verdient, alle übrigen an Glorie zu übertreffen.“

 

Da die huldreichste Himmelskönigin Maria auf so liebevolle Weise durch ihre Antworten dem besagten Bruder Aufschluss gab, bat er noch in Demut, dass sie ihm auch mitteile: Wohin sie sich mit diesen Scharen und in so festlichem Zug begebe? Und Maria sprach: „Wir wandern in das nächste Landhaus, um dort eine Hirten-Jungfrau, die auf den Tod krank darniederliegt, zu besuchen, und sie, ob der Hingebung und dem Eifer, mit dem sie mir gedient hat, meinem Gefolge einzureihen; denn sie hat mich, wie du ja siehst, mit diesem himmlischen Kleid durch ihre demütige Andacht geschmückt. Darum haben wir beschlossen, dorthin zu gehen und die Jungfrau zu besuchen.“

 

Bei diesen Worten verschwand sie vor den Augen des entzückten Bruders.

 

Nachdem er seinen Gefährten vom Schlaf aufgeweckt hatte, erhob er sich und sagte zu ihm mit freudeerfülltem Herzen: „O Bruder, ich bin durch einen heilsamen Schlaf erquickt worden; ich sah nämlich im Schlaf dasselbe, worüber du dich freust, es im Wachen geschaut zu haben. Wir wollen also aufbrechen, um im letzten Stündlein dieser Jungfrau bei ihr zu sein und zu gewahren, wie sie aus dieser Welt scheidet!“

 

Sie gelangten also zu dem Landhaus und fragten dort genau nach: ob nicht eine kranke Jungfrau da sei? Alle jedoch antworteten ihnen, sie wüssten nichts von einer kranken Jungfrau. Darüber wurden die Brüder traurig, vermeinten, sie hätten sich getäuscht und wollten wieder davon ziehen. Plötzlich begegnete ihnen ein Mann, der ihnen sagte: dass die Tochter eines Hirten, der ganz am Ende des Dorfes ein armes Hüttlein bewohne, an einer schweren Krankheit darnieder liege. Diese Nachricht erfüllte die Brüder mit Freude, und sie eilten hin, fanden da die Jungfrau ganz allein auf einem armen Strohlager und grüßten sie in Ehrfurcht. Die Jungfrau aber sagte zu ihnen: „Brüder, entblößt eure Häupter und bittet den Herrn, dass er euch schauen lasse, was ich sehe, die herrliche Schar der Jungfrauen nämlich, die sich so huldvoll um mich versammelt hat!“ Auf diese Worte fielen die Brüder auf die Knie nieder, entblößten ihr Haupt und beteten; und sie sahen alle Jungfrauen hier beisammen, die im Waldesgrund an ihnen vorübergegangen waren, und Engelscharen und die Himmelskönigin Maria, schöner und leuchtender als alle übrigen Gestalten. Und Maria trug auf ihren Händen einen Kranz von wundersamer Schönheit, der für die Hirten-Jungfrau bereitet war, und alle sangen in einstimmigen Weisen, in unaussprechbar lieblicher Harmonie das zum Himmel hinaufklingende Sterbelied. Die süße Melodie des Liebesgesanges der Himmlischen lockte die reine Seele der Jungfrau aus ihrem unbefleckten Leib. Maria, die allerseligste Muttergottes, setzte der Erde Entrückten den Rosenkranz, den sie in den Händen trug, auf das Haupt, und sie wandelten mit wonnigstem Ergötzen in den Himmel zurück und führten mit sich zur ewigen Glorie die Seele der Hirten-Jungfrau.

 

Als so überschwänglich reich und seligmachend erwies sich der Macherlohn, den Maria der Hirten-Jungfrau für das innere Kleid darbot, welches das fromme, kindliche Gemüt liebesorgfältig ihr bereitet hatte.