Keimlegung zu einem berühmten Marien-Prediger

 

Juan de Avila, der Apostel von Andalusien, wurde im Jahr 1500 zu Almodovar del Campo im Bistum Toledo geboren. Sein Vater war Alonso de Avila, seine Mutter Catalina Gijon.

 

Die fromme Mutter, die eine weite Wallfahrt nach dem einsamen Wallfahrtskirchlein der heiligen Brigitta, im öden Gebirg, unternommen, und sich auf die Fürbitte der Heiligen, den geliebten Knaben erfleht hatte, senkte sorgsam in sein zartes Herz die Keime der Frömmigkeit. Besonders war es die Liebe zur heiligen Muttergottes, die sie dem an Geistesgaben so reichen Kind einzuhauchen versuchte. Und immer spiegelte sich dies in seinem späteren geistigen Schaffen ab, denn jene Himmelsklänge, die das kindliche Herz berühren, klingen gleich einer Aeolsharfe (auch Geister-, Wind- oder Wetterharfe genannt) süß und hehr im ganzen Leben wieder.

 

Die Mutter führte eines Tages den aufblühenden Knaben auch nach dem von ihr inniggeliebten Wallfahrtskirchlein der heiligen Brigitta. Als sie an das moosbedeckte Gnadenkirchlein – mit der Zelle eines frommen Einsiedlers – gekommen waren, da duftete vor dem Fenster des Einsiedlers ein Blümlein, so andächtig geneigt und sinnend. Und eben läutete – beim dämmernden Abend – das Ave Maria. „Sieh mein Kind“, sprach die Mutter erbaulich sanft, „das Blümlein heißt Ave! O lass auch du dein ganzes Leben der heiligen Muttergottes ein hehres Ave sein!“

 

Aus diesem wunderbar lieblichen Samenkorn des Unterrichts, das Catalina in das Herz ihres Kindes eingesenkt, und das sie mit den tausend und aber tausend Bitten der lautersten Mutterliebe unter den Schutz und Schirm Marias gestellt hatte, erschlossen sich die so duftreichen Blüten seiner Marien-Predigten, worin er die Heiligste der Heiligen auf eine so zarte Weise feierte und verherrlichte.

 

Da legte er jetzt so sinnreich dar, wie bei der unbefleckten Empfängnis Marias die Engel erstaunten, und wie sie, während alle Menschenkinder in der Gefangenschaft der Erbsünde seufzten, allein in Freiheit sich erging. Dann schildert er auch den Jubel der allerheiligsten Dreifaltigkeit über ihre Geburt.

 

Jetzt schildert er so lieblich das Schweigen Marias, ihre Demut beim Gruß des Engels, ihren heldenmütigen Glauben und ihre kindliche Ergebung in den Willen Gottes. Dann das Frohlocken ihrer Seele, als die drei Könige aus dem Morgenland, in Anbetung vor dem Gotteskind kniend, ihre Gaben darbrachten. Dann ihr Entzücken bei der Auferstehung ihres Sohnes, - nachdem er kurz zuvor die Schmerzensreiche unterm Kreuz gezeigt und allen Augen Tränen, und allen Lippen Seufzer des Mitleids entlockt hatte.

 

Jetzt führte er Maria vor das Auge der tiefgerührten Zuhörer als den Garten der himmlischen Freuden; als die Platane an der Straße des Lebens, dass sie den Wanderern Schatten gewähre; dann als die alleranmutigste Rose, die ähnlich dem Orangenbaum Blüte und Frucht trägt; dann als das geistige Paradies, das Gott für den zweiten Adam bereitete; dann als den Zufluchtsort der schwer Versuchten und den Tempel der Gnade für alle bußfertigen Sünder.

 

Jetzt zeigte er, wie Maria für ihren göttlichen Sohn am Kreuz eine duftende Lilie gewesen ist, dagegen die Seelen der Sünder für ihn nur Dornen waren; dann, wie sie die sengenden Strahlen der göttlichen Gerechtigkeit mildere und wie sie gleich dem Mond die Nacht der Sünder erleuchte; dann, wie Himmel und Erde an sie die Bitte richteten, sie möge sprechen: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ dann, wie sie tausend Engel zur Beschirmung auf der Erde hatte, wie Millionen Engel sie bei ihrer Himmelfahrt begleiteten und wie alle Geschöpfe ob ihrer Erhöhung und Verherrlichung jubelten; wie Reinheit, Liebe und Demut der Triumphwagen gewesen sind, worauf sie emporfuhr, und wie sie dort von der allerheiligsten Dreifaltigkeit – Purpur, Krone und Zepter empfing. Und nun rollte er ein Gemälde auf, worüber alle Zuhörer jauchzten; denn da sahen sie: wie es am Himmel nur eine Sonne gibt und nur einen Mond – so gibt’s auch nur eine Maria, die Gnadenreiche!

 

(Aus: Sämtliche Werke des Juan de Avila von Dr. F. J. Schermer)