Eine Verehrerin der unbefleckten Empfängnis Marias

 

Margaritta Bichi, geboren 1480 und stammend aus dem uralten und edlen Geschlecht der Bichi zu Siena in der Toskana, erhielt von ihren gottesfürchtigen Eltern eine wahrhaft christliche Erziehung, und wurde frühzeitig mit dem vornehmen und reichen Franziskus Bosigeori vermählt. Sie stand nun ihrem Hauswesen mit aller Umsicht und Klugheit vor und wurde ihren Untergebenen ein Muster echter Frömmigkeit, indem sie alle Prunksucht vermied, fleißig dem Gebet oblag, sich der Demut und anderer Tugenden befliss, die Gelegenheit zum Üben guter Werke nie unbenützt vorübergehen ließ, und sehr oft und mit großer Andacht und Auferbauung die heiligen Sakramente empfing.

 

Unter all ihren guten Eigenschaften leuchtete ganz besonders ihre Andacht zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria hervor. Und da war es gerade das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis, das sie öfter mit Ehrfurcht und Dankbarkeit erwog und ihre Hingebung an Maria noch mehr festigte, so dass sie aus dem innersten Herzen und mit dem innigsten Ausdruck der Andacht die Grußworte des Erzengels Gabriel aussprach: „Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“

 

Oft las sie den auf Pergamentblätter gar schön geschriebenen Traktat über die unbefleckte Empfängnis, dessen ungenannter Verfasser im 12. Jahrhundert lebte, und worin unter anderem folgende Begrüßungen vorkommen:

 

„O selige Jungfrau Maria, Mutter meines Herrn, Königin der Engel, Krone der Heiligen, Ehre unseres Geschlechtes! Herrliches ist von dir gesagt durch den Mund der Propheten, Großes hat an dir getan der Allmächtige, Erhabenes denken von dir, alles Höchste glauben von dir deine Diener und Dienerinnen, die Kinder der katholischen Kirche! Wir glauben, o heilige Gottesgebärerin, dass bei dir der Anfang dem Ende entspricht! Und da wir wissen, dass du über alle Ordnungen der Heiligen und aller Chöre der Engel erhaben bist, glauben wir auch, dass du in dem Augenblick deiner Erschaffung mit der Gnade Gottes erfüllt worden seist! Wir wissen, dass Jeremias, weil er ein Prophet unter den Völkern sein sollte, im Mutterleib geheiligt worden ist, wir haben gehört, dass Johannes, der Vorläufer des Herrn, im Schoß der Mutter mit dem Heiligen Geist erfüllt worden ist: wie könnte also jemand es auszusprechen wagen, dass du, die Mutter des Erlösers, die Vermittlerin unseres ewigen Heils, im ersten Augenblick deiner Empfängnis der Gnade des Heiligen Geistes beraubt gewesen seiest! Es ist wahr, dass du aus dem sündigen Geschlecht des alten Adam geboren worden bist. Aber wenn Gott der Rose verleihen konnte, dass sie aus den stechenden Dornen ohne Dornen hervorsprosse, wie konnte es denn dem Sohn Gottes unmöglich sein, in dir, seiner Mutter, zu bewirken, dass du, obgleich empfangen zwischen den Dornen der Sünde, dennoch gänzlich von ihren Stacheln unberührt bliebest? Gewiss konnte er es, und er wollte es, und weil er es wollte, tat er es!

 

Denn war es wohl geziemend, o Mutter Gottes, dass du in deiner Empfängnis dem allgemeinen Gesetz der Sünde unterworfen würdest? Nichts ist dir gleich, o Königin, nichts ist dir an die Seite zu stellen! Denn alles, was ist, ist entweder über dir oder unter dir! Was über dir ist, ist Gott allein, was unter dir ist, ist alles, was Gott nicht ist! Von dir also, o Königin, die die göttliche Macht zu einer solchen Höhe vorherbestimmt und erhoben hat, von dir, die die alles ordnende Weisheit mit so vielen Vorzügen ausgestattet hat, von dir, die die unermessliche und ewige Güte sich zur Mutter auserwählt hat: von dir sollte ich es glauben, dass du bei deiner Empfängnis dem Tod der Sünde, der durch den Neid des Teufels in die Welt gekommen ist, habest unterliegen müssen? Meine Seele schreckt davor zurück, mein Wille entsetzt sich, meine Zunge wagt es nicht auszusprechen! Ich, o süße Königin, ich dein geringer Diener weiß, glaube und bekenne, dass du aus der Wurzel Jesse ohne alle Makel der Sünde gesprosst und aus dem verdorbenen Stamm Adams ganz frei von aller Verderbnis der Schuld hervorgegangen bist! Und durch diese deine ausgezeichnete Reinheit, durch diese Gnade der ursprünglichen Gerechtigkeit – bitte ich dich: dränge mich hin zur Liebe deiner Schönheit, ziehe mich hin zum Verlangen deiner Heiligkeit! Gib mir eine reine Seele, ein unbeflecktes Herz, einen keuschen Leib, einen guten Geist, damit ich meine fromme Andacht zu dir in meinen Sitten und Begierden bewähre, und so verdiene, zum Anteil an deiner Seligkeit zu gelangen – dort, wo du zur Rechten deines Sohnes glorreich thronst in alle Ewigkeit! Amen.“

 

Diese Gebetsübung blieb Margarittas Seelenerquickung auf Weg und Steg und bildete sie zu einem wahrhaften Marienkind heran.

 

Überaus gnadenvoll ist das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis Marias. Aber für diese wunderbare Bevorzugung wurde ihr auch durch Gottes unerforschlichen Ratschluss, gleichsam als ob sie persönlich dieselbe abverdienen sollte, hienieden ihres Sohnes Kreuzweg als ihr Weg bestimmt. Ihr Weg war darum nur ein Dornen- und ein Tränen-Weg bis hinauf zum Kreuz auf Golgatha!

 

Und wie nun Margaretta Bichi innig und überall das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis der Mutter des Herrn verehrte. So gestaltete sich auch für sie, gleichsam zum Lohn für diesen Dienst des Glaubens und der Andacht – der Lebensgang zu einem Leidensgang, denn die tiefdunkle Karfreitagsnacht, mit der schmerzhaften Muttergottes unterm Kreuz durchwacht, führt allein den frommen Dulder dereinst in die Ostersonnenpracht! Die Heilige Schrift bekundet dazu noch: „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er!“ Diese Züchtigung kam schwer über Margaritta, denn böse Zungen tasteten ihre Ehre an, und wussten ihren Gemahl in solcher Weise zu betören, dass er den Verleumdungen Glauben schenkte, seine Gemahlin hart behandelte, und einzig auf den Verdacht hin, „sie sei ihm untreu gewesen“, sie mit Ketten gefesselt in einen tiefen Kerker werfen ließ. Diese Schmach und ungerechte Erniedrigung duldete sie jedoch mit Sanftmut und Ergebung in den Willen Gottes. Den Hinblick auf die unbefleckt empfangene Jungfrau, die, obgleich so schuldlos, doch zur „mater dolorosa“ geworden ist, gab ihr eine solche Stärke, dass ihre Liebe für ihren Gatten nicht ausgelöscht wurde. Im Gegenteil betrauerte sie, nachdem ihre Unschuld an den Tag gekommen war, aufrichtig seinen bald darauf erfolgten Tod, gedachte nie mehr der von ihm ihr zugefügten Leiden, und empfahl seine Seele fort und fort durch die Fürbitte Marias dem Erbarmen Gottes.

 

Der Tod ihres Gatten löste jedes Band, durch das Margaritta noch mit der Welt verbunden war. Darum schaffte sie auch sogleich das große Hauswesen, das sie bisher geführt hatte, ab, und bezog mit zwei Mägden eine kleine, bescheidene Wohnung, um da mit mehr Ruhe und Sammlung des Geistes ihre frommen Übungen, dem treuen Dienst Jesu und Marias, sich widmen zu können. Zu diesem Zweck trat sie in den dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi, besonders, da zu Siena mehrere Personen, die in ihm zur Heiligkeit gelangten, noch im frischen Andenken gewesen sind. Obgleich Margaritta in Folge der harten Behandlungen, die sie von ihrem Mann erlitten hatte, an einer unheilbaren abzehrenden Krankheit litt, so blieb sie doch stets heiteren Sinnes und zeigte ein fröhliches Antlitz – ein sicheres Zeichen, dass der Gottes- und Marien-Friede in ihrem Herzen wohne. Allein ihre andauernde Krankheit hielt sie nicht im Mindesten ab, sich, weil sie Christus und Maria auf dem Kreuzweg treu nachfolgen wollte, die schwersten Bußwerke aufzulegen. Ihr Wandel erwies sich überhaupt als so rein, fromm und hehr, dass sie von allen als eine „Heilige“ verehrt wurde. Gott selbst offenbarte sein Wohlgefallen an ihr, indem er ihr die Gabe der Weissagung verlieh.

 

Diese Gabe der Weissagung bewährte sich auch in wundersamer Weise bei folgender Veranlassung:

 

Ihr Vetter Galgano Bichi regierte nebst anderen acht Edelleuten über Siena, jedoch in so beklagenswerter Art, dass sie, anstatt das öffentliche Wohl zu fördern, ihre Mitbürger vielmehr unterdrückten. Margaritta hatte ihm deswegen oft Vorhaltungen gemacht und ihn gebeten, sich von der Regierung zurückzuziehen, indem sie ihm die kommenden Ereignisse vorherverkündigte; aber fruchtlos!

 

Da geschah endlich, was sie verheißen hatte. Die Bevölkerung erhob sich gegen ihre Unterdrücker, verjagte sie nach einem blutigen Gefecht, und stellte die Stadt unter den Schutz des Kaisers Carl V.

 

Die Vertriebenen wandten sich nun um Beistand an Frankreich, England und die italienischen Fürsten, die dem Kaiser feindlich gegenüberstanden, und es gelang ihnen auch wirklich, mit einer Heeresmacht von zehntausend Mann, nebst vierzehn Geschützen, vor die Stadt zu rücken und sie einzuschließen.

 

In dieser Bedrängnis wendete sich der Rat an Margaritta um ihre Fürsprache bei Gott, damit durch ihr Gebet diese große Gefahr abgewendet werden möge. Und sie erklärte auch, ihre Bitten mit dem allgemeinen Flehen um Hilfe vereinigen zu wollen. Nur ließ sie den Vätern der Stadt durch ihren Beichtvater eröffnen: „dass Gott über die Einwohner der Stadt – wegen ihrer Sünden – gar sehr erzürnt sei, und dass sie auf die erfolgreiche Fürbitte der unbefleckt empfangenen und allerseligsten Jungfrau Maria vor dem göttlichen Thron nur dann mit Zuversicht bauen könnten, wenn sie für ihre Missetaten und besonders die vielfachen Gotteslästerungen öffentlich Buße tun, beten und fasten, und nach dem würdigen Empfang der heiligen Sakramente vertrauensvoll auf die Fürsprache der gebenedeiten Gottesmutter den Feind herzhaft angreifen würden.“

 

Dies geschah denn auch – und unter Anrufung der heiligen Namen Jesus und Maria, der unbefleckt Empfangenen, stürzten sich die Bürger im Ausfall auf den Feind, überraschten ihn, und brachten ihn so in Verwirrung, dass er, mit Zurücklassung aller Geschütze, Wagen und des gesamten Gepäcks, sein Heil in wilder Flucht suchte.

 

Voll inniger Dankbarkeit wendeten sich, nach der so glorreich abgewendeten Gefahr, die Einwohner von Siena an die allerseligste Jungfrau Maria, deren allesvermögender Fürbitte allein man diesen wunderbaren Sieg zuschrieb. Und es wurde feierlich beschlossen und angelobt: „alljährlich den 25. Juli, als den Gedächtnistag dieses Ereignisses, nebst den zwei darauffolgenden Tagen, festlich zu begehen, und in allen Kirchen der Stadt das heilige Messopfer zur Ehre der unbefleckten Empfängnis der gebenedeiten Gottesmutter dem himmlischen Vater dankbar darzubringen.“

 

Während so die ganze Stadt jubelte und frohlockte, , hielt sich die gottselige Margaritta in ihrer Einsamkeit zurückgezogen und lehnte in Demut alle Ehrenbezeugungen ab, indem sie selbst ja nichts sei, und Gott und Maria allein die Ehre und die Danksagung gebühre.

 

In solchem demütigen Still-Leben verharrte Margaritta bis an ihr Ende, und pflegte ganz besonders des Mariendienstes und suchte sorgsam ihn überall mehr und mehr zu verbreiten. Sie besuchte in dem stets dazu erflehten Geleit Jesu und Marias die Spitäler, tröstete die Kranken und stand allen Hilfsbedürftigen mit solcher Jesusliebe und mit solcher Marienmilde bei, dass sie wahrhaft den Namen: „Mutter der Armen und Kranken“ verdiente.

 

Als sie von einer tödlichen Krankheit befallen wurde und ihr Ende herannahen fühlte, empfing sie voll inbrünstiger Andacht die heiligen Sakramente und bestimmte ihre letztwilligen Anordnungen. Sie ließ deshalb hinter dem Chor in der Kirche eine alte Kapelle der Minder-Brüder-Conventualen unter dem Titel der unbefleckten Empfängnis Mariä erneuern, und machte aus ihrem Vermögen eine Stiftung, damit in der besagten Kapelle alljährlich dieses Geheimnis feierlich verehrt werde.

 

Ihre letzten Lebenstage verflossen in liebevollem Seufzen zu Gott und der gebenedeiten Gottesmutter, bis der herannahende Tod endlich ihr Sehnen erfüllte und ihr heiliger Schutzengel sie aus der Fremde hinüberleitete in die rechte Heimat – zu Jesus und Maria.

 

Sie starb im Jahr 1535 und wurde vor dem Altar in der genannten Kapelle begraben.

 

(Nach: Seraphischer Sternenhimmel von P. F. H. Born)