Ein eifriger Verehrer der unbefleckten Empfängnis Marias

 

Kaiser Ferdinand III., dem Sinn und Wandel nach ein echter geistlicher Sohn der heiligen Muttergottes, hatte namentlich auch durch sein eigenes Beispiel stets das Volk zur Verehrung des Geheimnisses der unbefleckten Empfängnis Marias freudigst aufzumuntern gesucht. Im Jahr 1647 ließ er zu Wien auf dem großen Stadtplatz „am Hof“ die eherne Säule zu Ehren der unbefleckt empfangenen Jungfrau aufstellen, und befahl, dass alle seine Nachfolger jedes Jahr am 8. Dezember, dem Festtag der Empfängnis Marias, im Dom zu St. Stephan die Verteidigung derselben feierlich und eidlich versprechen sollen.

 

Am 19. Januar 1649 erließ er ein Dekret an die Universität, das ausschließlich die „unbefleckte Empfängnis, immaculata conceptio“, zum Gegenstand hatte und die Lehranstalt zur Beförderung dieser kirchlichen Angelegenheit aufforderte.

 

„Von dem lebhaften Wunsch beseelt“, heißt es darin unter anderem, „dass die Verehrung der unbefleckten Empfängnis Marias immer weitere Fortschritte mache, und damit nicht die Verschiedenheit der Meinungen, der Widerstand der Ansichten bei der unerfahrenen Menge Verwirrung und Spaltung der Gemüter verursache, wollen Wir, dass unsere Universität zu Wien, welche allgemein als die Mutter einer gesunden und rechtschaffenen Doktrin anerkannt wird, ein immerwährendes Statut errichten, das alljährlich bei der Einsetzung der akademischen Würdenträger erneut und eidlich bekräftigt werden soll. Danach soll niemand an dieser österreichischen Hochschule zur Verwaltung eines akademischen Amtes oder zu einem literarischen Grad aus irgendwelcher Fakultät zugelassen, noch ein an anderen Universitäten Promovierter aufgenommen werden, wenn er nicht vorher durch einen heiligen Eid angelobe: dass er, bis es vom Heiligen Stuhl anders bestimmt wurde, öffentlich und privatim glauben wolle an die unbefleckte Empfängnis der Mutter Gottes; dass er ferner diese selbe Meinung nicht bloß in öffentlichen Versammlungen, in öffentlichen Vorlesungen und bei anderen öffentlichen Handlungen verfechten, sondern auch privatim durch Wort und Schrift im Diskurs nichts Gegenteiliges behaupten werde.“

 

Das Dekret enthält dann die Aufforderung an den Rektor und das Konsistorium, so schnell als möglich das betreffende Statut nach der vorgeschriebenen Idee festzustellen, den Fakultäten und Nationen, den Dekanen, Prokuratoren, sowie allen Doktoren, Magistern, Lizentiaten, Baccalauren, sämtlichen Mitgliedern und Untertanen der Universität den Eid nach einer bestimmten Formel abzunehmen und diese Zeremonie alljährlich zu wiederholen. Endlich werden alle kirchlichen Feierlichkeiten und Zeremonien vorgeschrieben, welche jedes Jahr am Tag der Empfängnis zu halten seien.

 

Die erste Angelobung sollte bald nach dem Erlass dieses Mandats und zwar am Fest Mariä Verkündigung, 25. März, stattfinden. Unvorhergesehene und unerwartete Hindernisse verzögerten aber die Ausführung.

 

Der Kaiser, obwohl eben in Preßburg durch den ungarischen Reichstag genügend beschäftigt, vergaß seine religiösen Pflichten nicht und schickte am 11. April den strengsten Auftrag nach Wien, die Feierlichkeit unwiderruflich am St. Georgi-Fest, 24. April, vorzunehmen und zwar mit dem Aufwand aller akademischen Pracht.

 

Ferdinands Entschiedenheit belebte die Frommen zu neuem Eifer und ermutigte die bisher Zaghaften. Man einigte sich über das Vorgehen in dieser Sache; wenn gleich auch dieses Mal erst später, als es der Kaiser verlangt hatte. P. Zacharias Trinkel aus der Gesellschaft Jesu, Dekan der theologischen Fakultät, war der Mittler zwischen Sr. Majestät und der Hochschule. Er sollte den Kaiser zur Feier einladen. Mit außerordentlichem Wohlwollen wurde der Ordenspriester im Hoflager zu Preßburg empfangen. Alsbald erfolgte die Bestätigung des akademischen Beschlusses, der Monarch bestimmte den Tag zur Eidesleistung und versprach das Fest durch seine Gegenwart zu verherrlichen.

 

Wie unter Kaiser Ferdinand I. niemand zu einem akademischen Grad, Amt oder zur Vorlesung zugelassen wurde, der nicht Mitglied der katholischen Kirche war, so wurde durch dieses neue Statut jedermann davon ausgeschlossen, der nicht auch die „unbefleckte Empfängnis Marias“ bekannte. Dieser neue Eid musste bei jeder Promotion, und zwar unmittelbar nach dem Glaubensbekenntnis aus der Zeit Ferdinands I. und Rudolphs II., abgelegt werden. Es wurde folgende Formel für jeden Kandidaten festgesetzt:

 

„Ich, N.N., verspreche, gelobe und schwöre, dass ich nach den Vorschriften der Päpste Paul V. und Gregor XV. öffentlich und privatim glauben und behaupten will: die allerseligste Jungfrau Maria sei ohne Makel der Erbsünde empfangen worden, so lange, bis es vom Heiligen Stuhl anders bestimmt sein wird. So wahr mir Gott helfe, und dieses heilige Evangelium Gottes!“

 

Am Sonntag nach dem hochheiligen Fronleichnamsfest fand endlich die Beeidigung der gesamten Hochschule mit allem erdenklichen Pomp statt, „wie es bis zu jenem Tag noch nicht war gesehen worden“.

 

Der feierliche Tag brach an in Klarheit und Heiterkeit. Um sechs Uhr morgens kamen auf Befehl des Rector Magnificus alle Mitglieder der Hochschule im Universitätsgebäude zusammen. Von da aus begab sich der lange Zug zum Gebäude der Jesuiten am Hof, begleitet von einer Schar Väter aus der Gesellschaft Jesu, die eben zu einer Provinzialversammlung desselben Ordens in großer Anzahl zu Wien anwesend waren.

 

Nachdem der Kaiser mit dem ganzen Hofstaat angelangt war, begann der Jesuit P. Leonhard Bachini, Beichtvater der Kaiserin, die Festrede, worin er den Zusammenhang des allerheiligsten Altarsakramentes mit der unbefleckten Empfängnis der heiligen Mutter Gottes darstellte.

 

Kaum hatte der Prediger seinen glänzenden Vortrag beendet, so trat der Universitätskanzler zum Altar, legte die Finger auf das Evangelienbuch und leistete den Eid. Ihm folgte der Rector Magnificus, Dr. Wilhelm Mannagetta, der Superintendent und Rector des Jesuiten-Collegiums mit den Dekanen der vier Fakultäten und schworen beim Evangelienbuch, das ihnen der Kanzler vorhielt, den gleichen Eid, zuerst für sich, dann im Namen der ihrigen. Die ganze Universität war anwesend und lag auf den Knien. Der hochherzige Kaiser sah aus einem Fenster von oben herab der erhebenden Feier zu. Nach Vollendung derselben begann eine große Prozession mit dem Allerheiligsten.

 

Zum Schluss wurde sämtlichen Doktoren aus jeder Fakultät der Eid abgenommen. Er wurde in der Folgezeit auf alle landesfürstlichen Beamten, ja selbst auf die Armee ausgedehnt.

 

 (Aus: Zur Geschichte der Wiener Universität)