Die Lilie von Quito

 

(Aus: Philothea, eine religiöse Zeitschrift)

 

Marianna von Jesus ist am 10. November 1618 zu Quito in Südamerika aus dem Geschlecht Paredes y Flores, und zwar an einem Samstag, also am Tag der Mutter des Herrn, geboren. Während ihrer Geburtsstunde strahlte über dem Haus ihres Vaters ein hellleuchtender Stern in ungewöhnlichem Glanz, der gleichsam als Prophet ihre zukünftige Frömmigkeit vorgedeutet hat. Die ersten Worte, die dieses Gnadenkind sprach, waren: „Ave Maria!“

 

In ihrem frühesten Lebensalter schon des Hauses Vorbild und schönste Zierde, suchte sie sich mit ihren jungen Gefährtinnen heimlich aus der Heimat fortan zu entfernen, um bei einer Marien-Kapelle an einem abgelegenen Ort ein einsames, gottgeweihtes Leben zu führen.

 

Nicht weit von Quito nämlich, am Abhang des Pinchincha, steht eine Bildsäule der allerseligsten Jungfrau Maria. Die Bewohner der Stadt haben sie daselbst aufgerichtet, um sich dadurch gegen die drohende Gefahr des feuerspeienden Berges zu schützen.

 

Marianna von Jesus, nun gewahrend, dass dieses Bild, sonst so hoch verehrt, jetzt beinahe vergessen sei, dass niemand mehr hingehe es zu begrüßen, oder die kleine Kapelle, wo es stand, zu unterhalten, beschloss, diese Vernachlässigung wieder gut zu machen, und selbst dahin zu pilgern, um dort, ihrem Verlangen nach Einsamkeit folgend, ein von der Welt abgeschiedenes Leben zu führen. Ihre kleinen Gefährtinnen, denen sie ihr Vorhaben mitteilte, billigten dasselbe höchlich und der neue Verein von Einsiedlerinnen beschloss nun: damit sie unerkannt von den Einwohnern Quitos bei der Marianischen Gnadenkapelle wohnen könnten, wollten sie ihr Angesicht mit Glasstückchen aufritzen und Kohlenstaub in die Ritzen streuen, um unkenntlich zu bleiben. Eine von ihnen sollte von Zeit zu Zeit nach Quito geschickt werden, um da im Bettlergewand von Tür zu Tür Brot zu erflehen für die „armen Mägde Marias“ – denn diesen Namen wollten sie sich geben. Gesagt, getan! – Donna Girolama, die Schwester Mariannas, in deren Haus sie sich nach dem frühen Tod ihrer Eltern befand, hatte gerade, um etwas Notwendiges zu besorgen, das Haus verlassen; da brachen die Mädchen auf und gingen eilends dem Berg zu.

 

Bereits hatten sie die Stadt ziemlich weit im Rücken und den Wald des Gebirges zur Seite, da sprang aus dem Gebüsch ein wilder Stier mit vorgehaltenen Hörnern auf die Mädchenschar los. Furchtsam sprangen diese in eine nahe gelegene Grube, und der Stier, sie nicht mehr gewahrend, ging in den Wald zurück. Da die kleine Pilgerschar sich sicher glaubte, kam sie aus ihrem Versteck hervor, die Wallfahrt fortzusetzen. Aber sobald das wilde Tier sie bemerkte, rannte es ihnen aufs Neue entgegen, und so jedes Mal, so oft sie den Versuch weiter zu gehen machten. Nach einem kurzen Gebet sprach endlich die Führerin Marianna von Jesus zu ihren Gefährtinnen: „Gott will nicht, dass wir uns in diese Einsamkeit begeben; er befiehlt, dass wir in unsere Heimat zurückkehren; Ihm müssen wir gehorchen!“ – So trat die kleine Schar wieder den Rückweg an und gelangte ohne weiteres Missgeschick nach Hause.

 

Marianna von Jesus wusste sich für diese gesuchte, aber von Gott nicht genehmigte Einsamkeit zu entschädigen. Mit der Erlaubnis ihres Beichtvaters bezog sie später, nachdem sie ihr väterliches Erbe unter die Armen verteilt hatte, eine Einsiedelei in dem Haus ihrer Schwester, wo sie in Gebet und Betrachtung und in Ausübung der strengsten Bußwerke Jesus, ihrem himmlischen Bräutigam, dem sie sich mit dem Gelübde der immerwährenden Keuschheit aufgeopfert hatte, und Maria, ihrer geliebtesten Mutter, bis zu ihrem Tod diente.

 

Sie starb – sechsundzwanzig Jahre alt – am 26. Mai 1646.

 

Nochmals wurde auf dem Platz, auf dem das Haus der Marianna von Jesus stand, ein Kloster für Nonnen des Karmeliter-Ordens gegründet.

 

Oft verspürte man längere Zeit hindurch bald da, bald dort im Kloster einen gar lieblichen Wohlgeruch, wie von Lilien ausduftend. Die Bewohner des Gotteshauses und die obrigkeitlichen Personen, die dahin kamen, um von dieser Tatsache sich zu überzeugen, wussten das wohl zu deuten. Denn gleich am Tag nach dem Tod der gottseligen Marianna von Jesus hatte man im Garten des Hauses, der nie solche Blumen hervorgebracht hatte, eine süßduftende Lilie gefunden, wunderbar aus dem Bassin erwachsen, in welches man – aus Verehrung zu der noch lebenden Jungfrau – das Blut von einem Aderlass geschüttet, den man an ihr vorgenommen hatte. Als man den Stein des Bassins hob, da zeigte es sich, dass die Blume ohne irgendwie eine Wurzel zu haben, wundersam aus dem Blut der Seligen entsprosst war. Man pflückte den Lilienstängel und legte ihn in die Arme einer Statue der allerseligsten Jungfrau Maria. Eine andere Blume wuchs alsbald nach; das Volk aber nannte fortan Marianna von Jesus die „Lilie von Quito“.

 

Wie die gar fromme Jungfrau in ihrem ganzen Leben die innigste Liebe und Verehrung gegen die gebenedeite Mutter des Herrn äußerte, so geschah es auch am Schluss desselben, und mit Gottes besonderer Zulassung selbst noch nach ihrem Verscheiden.

 

Sterbend bat sie noch, dass man sie zu den Füßen des Altars Unserer Lieben Frau von Loretto in der Jesuitenkirche ihrer Vaterstadt begraben möge. Als man nun die Bahre, auf der die Hingeschiedene lag, durch das Portal der Kirche gebracht hatte, gewahrte man mit Staunen, wie die Tote ihre Augen geöffnet und auf das Bild Unserer Lieben Frau von Loretto geheftet hielt, das an dem nämlichen Tag auf dem Hochaltar zur Verehrung aufgestellt war.

 

Marianna von Jesus, die „Lilie von Quito“, ist am 10. November 1853 durch Papst Pius IX. in die Zahl der Seligen aufgenommen worden.