Die erste Straßenbeleuchtung

 

(Aus: Religiöses Leben im alten Frankreich)

 

Bis auf welchen Punkt im fünfzehnten Jahrhundert die Andacht zu Maria in Frankreich populär geworden war, erhellt daraus, dass es nicht einen Franzosen gab, der, er mochte im Haus, auf der Straße, oder im Feld sein, sich beim ersten Glockenzeichen des Angelus nicht auf die Knie geworfen und sein „Ave“ gebetet hätte.

 

Bei jenen Prozessionen von dreimal hunderttausend Personen, wo die Spitze in St. Denis ankam, während die letzten Reihen sich erst noch in der Vorhalle von Notre Dame zu Paris drängten, wurde die Standarte der Jungfrau Maria von schwarzem Moiré, mit Gold gestickt, höher getragen, als alle anderen Kirchenfahnen, und wehte unmittelbar hinter dem Kreuz. Die Könige und Königinnen, die Bischöfe, die vornehmste Bürgerschaft gehörten zu der Bruderschaft Unserer Lieben Frau, und man sah bei diesen frommen Versammlungen die goldbordirten Mützen der Fürsten, vermengt mit den halb roten halb blauen Kappen der Pariser Bürgerschaft.

 

An jeder Straßenecke zu Paris erhob sich eine kleine Bildsäule Marias, grob geschnitzt aus alterschwarzem Eichenholz und mit einem Schleier von Spitzen bedeckt, aus ihrer Umgebung von Blumen, womit die frommen Seelen des Quartiers sie in aller Frühe und zu der Stunde schmückten, wenn die Trompeten von den Türmen des Chatelet den Morgen verkündigten. Oft galten diese Blumen, die hier vor der Morgendämmerung geheimnisvoll hingestellt wurden, für Gaben der Engel, die, so sagte man, die Christen lehren wollten, wie sie Maria, ihre Königin, ehren müssten. Die Nacht über brannten beständig in diesen kleinen graulichen Nischen Lampen und alle Samstage waren sie vollkommen beleuchtet.

 

Dies war die erste Straßenbeleuchtung.

 

Ohne Zweifel war diese erste Straßenbeleuchtung zum Preis und zur Verherrlichung Marias nicht so klar wie diejenige, die heutzutage unsere Städte zur Nachtzeit erhellt; dennoch hat sie einen Vorzug vor der unsrigen: ein frommer Gedanke, vollkommen geeignet, auf ein gläubiges Volk segensreich zu wirken, lebte ja darin. Die mystischen Lampen der Madonna, die wie ein lichter Sternenkranz zwischen Blumen hie und da schimmerten, schienen dem Bösewicht, der nachts umherstreifte, um Taten der Finsternis zu begehen, zuzurufen: „Es wacht über dieser schlummernden Stadt, diesen öden, schweigenden Straßen, ein Auge, das sich nie schließt: das Auge Gottes, und eine Sorge, die nie ermüdet: die heilige Muttersorge Marias!“

 

Diese kleinen Madonnen an den Straßenecken waren, obgleich nicht geschmückt wie jene, die, aus massivem Silber gegossen, auf Altären von Gold und Marmor standen, dem Volk dennoch ungemein wert. Junge Leute wanderten in Prozession aus allen Quartieren dahin, barfuß und blumenbekränzt, und sangen Litaneien von der allerseligsten Jungfrau Maria; jedermann folgte dem Zug, das Wetter mochte sein, wie es wollte, und oft war die Menge so groß, dass man sich kaum durch die Straßen drängen konnte.

 

Oft geschah es auch, dass diese Madonnen aus ihren steinernen Nischen herabgenommen wurden, und von der Straße zu einer vornehmeren Bestimmung in reiche Kapellen wandern mussten, wo die Könige, von der öffentlichen Stimme dahin gezogen, die heilige Muttergottes vor ihrem wundertätigen Bildnis zu verehren kamen.