Die Bretagner zur Zeit der Revolution

 

(Aus: Die Bewohner der Bretagne von Souvestre)

 

Die Revolution Frankreichs von 1793 verjagte unsern Gottheiland Jesus Christus im allerheiligsten Sakrament aus seinen Tempeln und die allerseligste Jungfrau Maria von ihren Altären. Es wurde der Befehl gegeben, die Kirchen zu schließen und alles zu zerstören, was eine religiöse Bestimmung hatte. Ach, es war ein trauriger Anblick, alle diese Kalvarien-Kreuze fallen und die armen, kleinen Madonnenbilder verstümmelt zu sehen, denen man unter dem grünen Blätterdach der Wälder ihre Ruhestätte zugewiesen hatte. In der Nieder-Bretagne vornehmlich fand die Zerstörungswut reichliche Nahrung. Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass an verschiedenen Orten die Straßen mit Heiligenstatuen gepflastert gewesen sind; es war ein vollständiges Durcheinander von Köpfen, Leibern und Gliedern christlicher Bildwerke. Diese Unglückstage sahen große Profanationen, aber auch edle Züge einer der alten Zeiten würdigen Hingebung und Treue.

 

Die Bretagne hauptsächlich war es, deren passiver, aus einer innerlichen, lebendigen Überzeugung herkommender mutiger Widerstand endlich die Verfolgung selbst ermüdete. Sie gab weder dem Zorn, noch der Furcht nach. Wenn der fromme Landmann vor den ihrer Madonnen beraubten Nischen vorüberging, nahm er traurig-schweigend seinen breitränderigen Filzhut ab, und seinen Weg verfolgend betete er ein andächtiges Ave. Abends saß er mit seiner Familie vor seiner Tür, und blieb dort in tiefem Schweigen sitzen, die Augen auf seine Dorfkirche geheftet, wo er so oft Jesus und Maria angerufen hat. „Ich werde eure Türme abreißen lassen“, sagte Jean Bon Saint-André zum Maire eines Dorfes, „damit ihr keinen Gegenstand mehr habt, der euch an euren vormaligen Aberglauben erinnert!“ „Ihr werdet doch nicht umhin können, uns die Sterne zu lassen“, erwiderte der Bauer; „und man sieht sie weiter als unseren Turm!“

 

Ihre Andacht ohne Altäre bot etwas Exaltiertes, Melancholisches dar, was in sympathetischer Beziehung stand zu den religiösen Ruinen, womit ihre Fluren besät waren. Die heilige Jungfrau Maria, die aus diesen Dorfkirchen verschwunden war, hatte sich unter ihr Strohdach geflüchtet, und man las unten an diesen tönernen Mutter-Gottes-Bildern die Worte: „Heilige Muttergottes, sei die Beschützerin dieses Hauses!“

 

Ich weiß nicht, ob es ein Revolutionär gewagt hat, dies Mutter-Gottes-Bild, das im Schirm des häuslichen Herdes stand, zu zerbrechen, denn hinter den grünen Vorhängen des bretagnischen Pächters lehnte oft ein alter Karabiner; und wenn die Bretagne als das Land religiöser Gefühle sich erweist, so ist sie auch das eines starken und unversöhnlichen Hasses. Es ist ein wenig keltischer Rost auf dem Gold der Tugenden dieser guten Leute; dies Volk steht als das einzige in der ganzen Christenheit da, dem es in den Sinn gekommen ist, den Namen der „barmherzigen Jungfrau Maria“ mit einem Rachegedanken zu vereinigen, und Kapellen unter dem seltsamen, vielmehr druidischen als christlichen Namen „Unserer Lieben Frau vom Hass“ zu errichten. Die Revolution hat aber auch in der Bretagne aufs Allerscheußlichste gewütet. Es hatte die Hölle sich aufgetan.

 

Die Schreckenszeit konnte den Wallfahrten zur heiligen Jungfrau Maria in der Bretagne kein Ende machen. Sie umgab sie nur mit gallischen Formen. Sie fanden statt zur Nachtzeit, über wüste Haiden, wo die Menhiren und Dolmens des Gottes ohne Namen im geisterhaften Dunkel schwebten. Jeder Pilger hielt in der Rechten den Rosenkranz, in der Linken eine Fackel, und alle diese blassen, halb von ihren langen Haaren oder den langen Bändern ihrer weißen Hauben verschleierten Gestalten, schritten langsam über die Haide, ein Loblied auf „Unsere Frau Maria“ anstimmend. Oft schickte eine republikanische Kohorte aus ihrem Hinterhalt am Saum eines Verhaues, oder hinter Dornhecken an einem Hohlweg ihren mörderischen Kugelregen auf die ländliche Prozession. Der bretagnesische Bauer ließ sich dadurch nicht beirren; er fand sich nach ein paar Tagen wieder an derselben Stätte ein. In einer nahen Provinz durchzogen Landleute, die Gott den Herrn vor dem friedlichen Bild der heiligen Jungfrau Maria im Hintergrund irgend einer entlegenen Schlucht anzubeten gingen, in einer Sternennacht die Dörfer, wo ihre Gegner im Quartier lagen, und sangen Loblieder auf die heilige Gottesgebärerin nach der Melodie der republikanischen Gesänge ab.

 

Das ist wahrhaftig die echteste Marien-Liebe und Marien-Treue!