Der Neapolitaner naive Frömmigkeit

 

(Aus: Rom in seinen drei Gestalten von Dr. J. Gaume, 1847)

 

Die Frömmigkeit nimmt in ihren Äußerungen gewöhnlich den Charakter der Völker oder der Persönlichkeiten an; kälter und mehr innerlich in Frankreich, ist sie herzlicher und lebhafter nach außen sich zeigend in Italien.

 

Davon aus Neapel nur drei Beispiele:

 

1. Ich sah in Gesu Vecchio eine Frau aus dem Volk, die bald kniete, bald saß und ganz laut zur heiligen Jungfrau Maria sprach, deren wundertätiges Bild den Hochaltar krönt. Die Augen beständig auf Maria gerichtet, nannte sie sie geradezu: „Mamma! Mamma!“ erzählte ihr mit Kindeseinfalt ihre häuslichen Bedrängnisse, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen, ihre Befürchtungen, dann weinte sie, dann schickte sie ihr Küsse zu, dann brachte sie ihr wie mit Psalmesworten Huldigungen der Ehrfurcht und Liebe dar, und endigte, um wieder zu beginnen, indem sie hinzufügte: „Ich habe Dir nunj alles gesagt; tu Du nun nach Deinem Wohlgefallen; ich gehe; ich verlasse mich auf Dich, hörst Du? addio Mamma! Mamma adio!“ – Jetzt ging sie, indem sie ihr noch andächtig einen letzten Kuss zuschickte.

 

Was diese arme Frau tat, taten zwanzig andere in derselben Zeit; niemand achtete darauf; so natürlich ist dem frommen Volk von Neapel die eben bezeichnete Art zu beten.

 

2. In der höheren Klasse der Gesellschaft bewahrt die Frömmigkeit und besonders das kindliche Vertrauen zu Maria denselben Charakter des lebendigen Glaubens und der rührenden Herzlichkeit.

 

Einer der ausgezeichnetsten Beamten Neapels hat für seine Familie ein sehr geschätztes Werk geschrieben, worin er in folgender Weise zur heiligen Jungfrau Maria spricht: „Du findest vielleicht, meine Mutter, dass Du mir schon vieles gegeben hast! Erlaube gütigst, dass ich heute mit Dir zusammen rechne! – Alle Gesetze der Welt bieten, in Übereinstimmung mit der Natur, selbst den Kindern ein heiliges Recht auf alle Güter ihrer Mutter, besonders wenn diese Güter der Mutter nur in Anbetracht ihrer Kinder gewährt worden sind. Da dieser Grundsatz fest steht, so siehe nun, wie reich Du bist! Deine Reichtümer sind nicht Schatzkammern, sondern unerschöpfliche Minen! Du bist die Königin des Himmels und der Erde, die Spenderin der Gnade, die Mächtige, der Gott selbst gehorcht! Nun aber bedenke wohl, ich bitte Dich, dass alle diese Güter Dir nicht einzig nur um deinetwillen verliehen worden sind, sondern auch für Deine Kinder, folglich auch für mich, den letzten von allen! Und was wärst Du, ohne die Sünder, wie auch ich einer bin? Ist nicht der eingeborene Sohn Gottes Mensch geworden und hat Dich zu seiner Mutter auserkoren, um uns mit seinem Blut teuer vom ewigen Tod zu erkaufen? Di siehst also, dass alles, was Du besitzt, mir gleichfalls angehört! Was Du mir aber bis jetzt gegeben hast, ist nichts im Vergleich mit dem, was Du besitzt! – Du bist mir also noch schuldig, und zwar sehr viel! Was kannst Du da antworten?“

 

Und an einer anderen Stelle spricht er: „Vernimm mich, meine Mutter Maria! Du musst mir gewähren, um was ich Dich bitte! Schlügest Du es mir ab, was würde man von Dir sagen? Entweder: Du hast mich nicht erhören können, oder: Du hast mich nicht erhören wollen! Dass Du es nicht vermochtest, wird niemand glauben, denn man kennt Dich zu gut; dass Du nicht gewollt habest, würde ich, ich gestehe es, noch unlieber hören, als dass Du nicht vermocht hättest! Wie, meine Mutter, Mutter der Gnade, der Barmherzigkeit und Milde, Du solltest eines Deiner Kinder nicht erhören wollen?“

 

Kann ein Sohn vertraulicher und vertrauensvoller mit seiner irdischen Mutter reden, als hier ein frommer Christ mit seiner geistigen Mutter, mit Maria, der Mutter Jesu, spricht? – Wie hehr ist diese Kindlichkeit des lebendigsten Glaubens!

 

3. Die Neapolitaner sind ein heißblütiges, leidenschaftlich-heftiges Volk und lassen sich dadurch oft zu großen Unordnungen hinreißen, und zwar so lange, bis die Religion wieder in ihrem Herzen die Herrschaft beginnt; dann aber gehen sie in sich, schlagen an ihre Brust, leisten die möglichste Genugtuung für das begangene Unrecht, und suchen gerecht fortan unter dem erflehten Schutz der Madonna zu leben und dann auch gottselig zu sterben.

 

Die Dolche nun, die man als Votiv-Gaben zuweilen vor den Altären der heiligen Jungfrau Maria hängen sieht, sind ein Beweis für diese Tatsache und eine Huldigung an die Macht der Religion. In jedem Land lässt der geheilte Hinkende seine Krücke vor dem Altar seines Besitzers; dies ist ein Denkmal der Güte des einen und der Dankbarkeit des andern.

 

In Neapel legt der Rachsüchtige oder gar Mörder, dieser moralisch Kranke, den die heilige Muttergottes, die „Königin des Friedens“, geheilt hat, die Mordwaffe vor dem Bild seiner Befreierin nieder. Bei einem solchen Anblick seufzt man allerdings über die menschliche Leidenschaftlichkeit und deren traurige Verkehrtheit; aber man bewundert und preist auch die Macht der Religion, ohne die einer dieser Dolche vielleicht für den gezückt gewesen wäre, der eben vor Marias Altar hinschreitet, um ihr ein herzliches „Ave“ zu bringen!