Der fromme Besucher Marianischer Kirchen zu Köln

 

Der Verfasser Dr. J. W. Wolf, der berühmte Forscher der deutschen Sprache und Altertümer, erzählt:

 

Unsere Familie, die zu Köln am Rhein sesshaft war, besaß einen treubewährten Hausfreund, bekannt und verehrt unter dem Namen: Herr Stamm.

 

Vor allem trachtete dieser Herr – und darin hatte er eine treue Bundesgenossin an meiner Mutter – eine tiefe, herzliche Liebe zu der lieben Gottesmutter Maria in mein Herz zu pflanzen, und ich darf wohl sagen, dass beiden dies gelungen ist. Diese Liebe verließ mich fortan nie mehr in meinem Leben.

 

Wer selbst recht von den Vorzügen und der unbeschreiblichen Herrlichkeit und Macht Marias durchdrungen ist, dem fällt es so leicht, auch andere ihrem Dienst zu gewinnen. Und wie war meines alten Herrn Stamm Herz so gänzlich von Dir erfüllt, du meine herzliebe Mutter Maria! Wie hat er alles, was die Menschen je an ihm gesündigt, in Dein Herz ausgeschüttet, und wie hast Du ihm dafür gelohnt mit jener unverwüstlichen inneren Ruhe und gewinnenden Heiterkeit, die alle Deine echten Diener beseelt! Und wie Du ihm im Herzen wohntest, das er Dir als eine Loretto-Kapelle geweiht hatte und dem, den Du im Arm trägst, so warst Du auch auf seinen Lippen von früh und spät; und konnte es da anders sein, als dass Du auch in mein Herz einzogst und dass auch mein Mund Freude gewann, Deinen verehrungswürdigen Namen oft anzurufen? Maria! Maria! Welch ein Reichtum, welch eine Fülle von himmlischer Süßigkeit birgt, mit welch wunderbaren Wonnen durchströmt, zu welcher tiefen Gottinnigkeit führt und entflammt dieser Dein Name, o Maria! Wer hätte ihn je genannt mit wahrer Inbrunst seines Herzens, und wäre doch trocken und kalt geblieben? Wer dich immer anruft bei diesem Namen, den der Vater Dir, der Braut, von Ewigkeit her gegeben hat, dem neigest Du Dich mild und gnädig, vor den trittst Du hin in Deiner ganzen Würde und Glorie als Gnadenvolle, dem zeigst Du Deinen Sohn, die Frucht Deines Leibes, den stellst Du vor Deinem Sohn, den versöhnst Du Deinem Sohn, den empfiehlst Du Deinem Sohn! Denn wie wärest Du von ihm, wie wäre er von Dir zu trennen? Wie Du ihn nicht nur stets begleitest, da er ein Kind, sondern auch da er ein Mann war, wie Du Zeugin seines lieblich schönen ersten Wunders in Kana, seines so furchtbar erhabenen letzten Wunders auf Golgotha warst; so bist Du nun auch Zeugin aller Wunder seiner Herrlichkeit! Gänzlich, ja gänzlich trugst und trägst Du ihn im Herzen, wie einst in Deinem unbefleckt-jungfräulichen Schoß; und so hat er auch gänzlich Dich, seine Mutter, in sein göttliches Herz eingeschlossen, so dass unauflöslich diese beiden Herzen verbunden sind; darum ist sein Wille der Deine, und Dein Wille ist der seine! Wenn darum Du gewährst, um was wir flehen, so gewährt er es; und dass Du gern gewährst, dass unerhört noch keiner sein Flehen zu Dir erhoben habe, das verkündigt einstimmig der Chor der Gläubigen, soweit die Erde reicht; das verkünden die Stimmen aller Jahrhunderte bis zu jenem glückseligen ersten herab, in welchem Deine heiligen Füße noch auf dieser Erde wandelten!

 

Darum, o Du meine liebste Mutter, alles mit Dir! Denn dann können wir uns in Wahrheit getrösten, dass wir alles mit dem Sohn tun und lassen in Leben und Tod, und durch und mit und für den Sohn alles durch und mit dem Vater und heiligen Geist, hochgelobt in Ewigkeit!

 

Dem Herrn Stamm kamen in seinem Streben besonders die vielen Marien-Kirchen und Kapellen zu Hilfe, die das alte Köln der Hochwürdigsten Jungfrau geweiht hat.

 

Schon in der ersten Zeit ihres Entstehens stellte sich die Stadt Köln, wie es scheint, unter ihren mächtigen Schutz, indem sie Ihr auf den Trümmern des heidnischen Kapitols, das Köln mit Rom gemein hatte, jene Kirche baute, die nachher sich immer reicher und schöner entwickelte, bis sie zur schönsten der Stadt wurde, den späteren wunderbaren Dom abgerechnet.

 

Vor Zeiten besaß die Capitols-Kirche ein Gnadenbild, das ihr später von ruchlosen Händen genommen wurde. Vor diesem Bild war es, wie die Legende erzählt, dass der heilige Hermann Joseph einst jeden Tag die heilige Muttergottes mit einem „Ave“ grüßte, wenn er in die Schule ging und wenn er aus ihr heimkehrte. Da hatte ihm seine Mutter einmal einen schönen roten Apfel gegeben, den nahm er mit sich in die Kirche. Als er nun vor dem Bild kniete und das Jesuskind mit den dem Himmel geöffneten Kinderaugen anschaute, da hätte er so gern dem göttlichen Kind etwas schenken mögen als Zeichen seiner Liebe, aber er besaß nichts, als den schönen roten Apfel, und das war das Beste, was er hatte und geben konnte; den reichte er empor. Und siehe! Das Kind neigte sich vom Arm der Mutter und nahm den Apfel aus der Hand des glücklichen Jungen.

 

Sinniger und schöner konnte die Legende es kaum ausdrücken, wie der Heilige sein ganzes Leben von frühester Jugend auf dem Dienst Jesu und Marias geweiht hat. Der Apfel, das war sein Herz, das er als Junge schon dem Jungen auf Marias Armen schenkte. Und der Heilige der Heiligen, der König aller Ehren wird bei dem Kind zum Kind, das gern den roten Apfel nimmt: ein hehres Bild, wie der Heiland allen alles ist, und – gleich dem rührenden Bericht der heiligen Schrift von seiner Liebe zu den Kindern, die er mit seinen ehrwürdigen Händen segnete – wohl geeignet, die Liebe der Kinder zu ihm zu erwecken und zu beleben!

 

Weiter berichtet die Legende, wie St. Hermann Joseph später gern Priester wollte werden, aber die Eltern kein Geld hatten, ihn studieren zu lassen. Da verzagte er aber nicht; er ging zu der heiligen Muttergottes und klagte ihr seine Not, und sie wies ihm einen Stein in der Kirche an, unter dem er in der Folge stets so viel Geld fand, als er gerade gebrauchte. Das war die Vergeltung für das geschenkte Herz, so reiche Frucht trug der rote Apfel!

 

Nächst der genannten Kirche zog mich – unter den Marienkirchen – die „Unserer Lieben Frau zu der Kupfergasse“ an, in der eine Nachbildung des heiligen Hauses von Loretto und darin das berühmte Gnadenbild steht.

 

Dieses Nachbilden der heiligen Stätten, die der göttliche Heiland durch seine erste Jugend und durch seinen Tod weihte, des armen Häuschens von Nazareth, des Kreuzweges und des heiligen Grabes zu Jerusalem ist ein ergreifend schönes Eigentum des Katholizismus. Sie sind den Gläubigen Bedürfnis, das beweist ihre große Zahl, das ihr öfteres Besuchtwerden da, wo der heilige Glaube noch in alter Kraft lebt. Dass sie dies aber sind, ist ein schwerwiegendes Zeugnis für die Lebendigkeit des Glaubens, mit der der Katholizismus seinen Erlöser erfasst hat, für die Sehnsucht, sich immer in seiner Nähe zu fühlen, ihm zu folgen auf Schritt und Tritt, für den Drang, alles, was ihn betrifft, recht genau zu wissen, ganz klar sich zu vergegenwärtigen, für die Freude an seinem Dienst, an seinem Haus. Da ist jeder Stein, jedes Maß auf das Allertreueste wiedergegeben und ganz kann sich der Gläubige in die Wohnung versetzen, in der Jesus einst seinen Eltern untertan war, in der St. Joseph treu und eifrig für ihn arbeitete, Maria über ihm wachte und er beiden durch seine göttliche Liebe alle Sorge tausendfach vergalt. Wie anders kann hier, kann auf dem Kreuzweg, am Kalvarienberg, am heiligen Grab in der Karwoche die Betrachtung sich entfalten, welches mächtige Hilfsmittel zu ihr ist hier allen gegeben. Kein Wunder darum, wenn diese Orte nicht einsam stehen, wenn nur in der Nacht das Gebet an ihnen schweigt und auch da nicht immer; denn mehr als einmal fand ich abends, wenn die Kapelle längst geschlossen war, auf dem Hof draußen am vergitterten Fenster, das in die Loretto-Kapelle führt, fromme Beter in kalter Winternacht knien, ungestört durch den Lärm, der in der nahen Straße an ihnen vorüberzog, ihr Herz vor Jesus und Maria ausschüttend.

 

Aber auch als Denkmäler echt katholischer Nächstenliebe sind diese Nachbildungen wichtig. Nicht jedem ist es gegönnt, nach dem fernen Palästina und Italien zu wallen und die heiligen Stätten zu besuchen; dies Glück haben im Gegenteil nur äußerst wenige! Es allein genossen zu haben, konnte aber die wenigen nicht befriedigen; der katholische Kommunismus trieb sie an, es mit denen zu teilen, die es entbehren mussten, weil Hunderterlei dabei hemmend im Weg standen, deren Sehnsucht danach aber nicht weniger groß, als einst ihre eigene gewesen war. Wohlan, so teilten es die wenigen mit den vielen, indem sie ihnen das lebendigste Bild jener heiligen Stätten schenkten, ein lebendigeres, als Feder und Pinsel zu liefern vermocht hätten; sie wandten einen Teil ihres Vermögens dazu an, ihnen diese treu aufzubauen, so treu, dass, wie eine belgische Überlieferung sagt, der Erbauer des heiligen Grabes zu Brügge zu dem Zweck drei Mal nach Jerusalem pilgerte. Nur Gott weiß es, was für ein Segen auf diesem Geschenk der Liebe und Frömmigkeit ruht, denn nur er kennt die Millionen von Herzen, die hier Trost suchten und fanden, die Millionen von Gebeten, die hier emporstiegen und noch immer emporsteigen!

 

Es spricht von selbst, dass die Hüterin einer Loretto-Kapelle nur die liebe Mutter Maria sein kann; und das ist sie auch in Köln. Zahlreiche Weihegeschenke hängen dort um ihr Gnadenbild; unter ihnen eines, das zeigt, wie rührend sinnig das Herz werden kann, wenn es im liebenden Verkehr mit ihr steht. Ein Fürst von Hessen – seinen Namen weiß ich nicht mehr – wurde in dieser Kapelle seiner Frau angetraut. Beide Gatten trugen eine besondere Andacht zu Maria, und der Fürst verfügte, im Einverständnis mit seiner Frau, dass ihre Herzen nach dem Tod in zwei Ampeln sollten eingeschlossen und sie vor dem Gnadenbild aufgehängt werden; zugleich bestimmte er eine Summe, von deren Zinsen das Öl beschafft wird, das Tag und Nacht in den beiden Ampeln brennt. So steigt gleichsam noch aus dem Staub der Herzen die helle Liebesflamme, die einst in ihnen für Maria glühte!

 

Wenn uns der Weg in der Nähe vorbeiführte, versäumten wir nie, in der Maria-Ablass-Kapelle die Muttergottes mit einem Ave zu grüßen.

 

Da steht im Altar das gemalte Bild Marias und ihres Sohnes, umreiht von Opfergaben aller Art, besonders aber von silbernen und wächsernen Herzen, denn der an ihm Kranken Zahl ist ja ohne Zahl; und wo fänden sie einen so bereiten Arzt, als in ihr, die wir anrufen als „Heil der Kranken“, als das „ehrwürdige Gefäß“, das den kostbaren Balsam der Erlösung in sich schloss, als die „geistliche Rose“, deren wunderbarer Duft gesundend und kräftigend die Welt erfüllte, und das „goldene Haus“, aus dem der Arzt des ganzen totkranken Menschengeschlechtes hervorging, als die „Trösterin der Betrübten“, die „Helferin der Christen“?

 

Von Zeit zu Zeit werden die Weihegaben herabgenommen und die silbernen zu heiligen Gefäßen, die wächsernen zu Kerzen verwendet. Wie schön ist das, und mit welcher Gebefreudigkeit muss das erfüllen. Da wird dein geopfertes Herz, du Betrübter, zum Kelch, in dem das Erlösungsblut des Opfers aller Opfer dem himmlischen Vater dargebracht wird, zur Patene, auf der dein Heiland ruht, dein Jesus, dein Gott und dein Alles! Da wird dein Herz, du Schwerbeladener, zum glühenden Weihrauchgefäß, aus dem für immer süßer Duft zum Altar des Allerheiligsten emporsteigt; da wird es zum Leuchter, der in seiner Nähe, auf seinem heiligen Berg steht und das Opfer deiner Freunde in der Weihekerze tragen darf; es wird vielleicht gar zur Monstranz, in der dein Jesus persönlich und leiblich wohnt Tag und Nacht, daraus er dich segnet und segnend dir lohnt mit hundertfacher Vergeltung! Und kann er anders, da du ihm dein Opfer durch sie, durch Maria, darbrachtest? Siehe, du hast es in ihre ehrwürdigen Hände gelegt, um es ihm zu geben, dass sie Vermittlerin bei ihm durch ihre mächtige Fürbitte werde, wie er Vermittler beim himmlischen Vater durch seine unendlichen Verdienste ist; und da hast du eine Stufenleiter zum himmlischen Vater gewählt, deren Träger fester als Erz, deren Sprossen stärker und leuchtender sind, als Diamant!

 

Außer diesen Weihegeschenken hängen noch zwei in der Kapelle, die nie abgenommen, die zu nichts anderem verwandt werden, zwei eiserne Denkmäler der Mach der „Virgo potens“, der Güte der „Virgo clemens“, eine schwere eiserne Kerkertür und schwere eiserne Fesseln. Zwei Ritter haben sie der Kapelle geschenkt, die beide in fernen Landen in Banden lagen und beide durch Marias Fürbitte wunderbar befreit wurden.

 

Warum denn das? „Ich habe mich“, antwortet dir der eine Ritter, „obgleich befreit, nicht eher dafürgehalten und angesehen, bis ich vor diesem Bild meiner Retterin meine Ketten ablegen konnte und sie als ein Zeichen ihres Schutzes für die spätesten Geschlechter hier aufhing!“ – „Und ich“, sagt der andere Ritter, „habe die Tür, welche Maria mir geöffnet hat, nicht für geöffnet angesehen, bis ich ihr hier danken konnte; darum hab ich sie über die Meere und durch die Länder auf meinem Rücken getragen und hier aufgehängt zum Trost und zur Erbauung, aber auch zum Preis und der Erhöhung des Vertrauens zu Maria für ewige Zeiten!“ Und das war der schönste Dank, ein besserer als Gold und Silber, ein weit kostbarerer, als Haufen von Edelgestein; denn diese Ketten, diese Tür – sie predigen mächtiger als jedes Wort es vermag: „Es ist noch nie erhört worden, dass jemand, der zu dir, o gütigste Jungfrau Maria, seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief, und auf deine Güte vertraute, jemals verlassen worden wäre!“

 

Uns näher lag die Kirche Marias zur Schnurgasse mit dem Gnadenbild, vor dem einst Maria von Medicis Kraft zum Leiden suchte und fand. Es ist von dem Holz der Eiche von Scherpenheuvel gefertigt, und die hohe Dulderin schenkte es – nach ihrem Tod – der Kirche zur Schnurgasse. Unter dem Namen „Königin des Friedens“ steht es im Hochaltar.

 

Auf dem Nebenaltar zur linken Seite des Chors sieht man in einem Glaskästchen einen Crucifixus von eigentümlicher Form. Davon erzählt die alte Überlieferung Folgendes:

 

In dem nahen Kloster der weißen Frauen lebte eine überaus fromme Nonne, deren äußeres Wesen schlicht und einfältig war, so dass die Unfrommen unter den Schwestern ihrer oft spotteten. Es mag zu jener Zeit nicht gerade der beste Geist im Kloster geherrscht haben, denn der schnöde Spott und die Neckereien gingen so weit, dass sie der armen Schwester selbst das Crucifix aus ihrer Zelle nahmen. Sie trug aber alles geduldig, weil sie stets standhaft im Wehe, wie die heilige Muttergottes unterm Kreuz, beharrte. Und als das hölzerne Kreuz ihr genommen war, da machte sie mit einer Kohle ein Kreuz auf die weiße Wand ihrer Zelle und betete umso inbrünstiger vor ihm.

 

Als sie eines Tages dort andächtig kniete und mit Tränen dem Heiland klagte: „wie hart es ihr sei, dasss selbst sein Bild ihr genommen worden“, da siehe! regte es sich wunderbar in der kalten Wand und aus ihr hervor wuchs der Crucifixus, den Schwestern zur Beschämung, der armen, einfaltvollen Kreuzträgerin aber zur Glorie.

 

Oft hat man in neuerer Zeit den Stoff des Bildes untersucht, aber vergebens, er bleibt unerklärt. Unser Wissen scheint ebenso an ihm zu scheitern, wie am Blut des heiligen Januarius. Und da bleibt denn nichts übrig, als eben zu glauben. Das tat wenigstens Herr Stamm und ich folgte ihm darin.

 

Noch eins fesselte mich an diese Kirche: die Überreste der heiligen Martyrer Albinus und Maricius. Sie ruhten ehedessen in der Stiftskirche des heiligen Pantaleon. Durch die Revolution von unten und den Kommunismus, den die Fürsten bald darauf von oben durch die sogenannte „Säkularisation der geistlichen Güter“ den Völkern tatsächlich predigten, wurde uns diese gleich tausend andern genommen und die Regierung übergab sie, wie auch die St. Antoniuskirche, den Protestanten, und zwar als Garnisonskirche. In feierlicher Prozession wurden die Gebeine der heiligen Blutzeugen von der Stätte, wo sie fast tausend Jahre geruht hatten, nach der Schnurgasse gebracht; unter lautem Schluchzen folgte ihnen die Menge der Gläubigen, besonders aber ein uralter Priester, dem dieser Gang der schwerste seines Lebens gewesen war. Das erzählte mir Herr Stamm oft, und jedes Mal kamen auch ihm dabei wieder die Tränen in die Augen. Von den Reliquien selbst wusste er vieles zu erzählen, da er sie oft gesehen hatte, wenn an dem Fest der Heiligen das Haupt eines von ihnen aus den durch die Revolutionszeit schmachvoll beraubten Särgen erhoben und dem Volk zur Verehrung ausgesetzt wurde. Die Körper sind noch erhalten. An dem einen der Häupter sieht man noch das anklebende Blut.

 

Tief ergriff mich dies alles und es half mehr und mehr die Andacht zu den lieben Heiligen in mir gründen und nähren.

 

Dass ich dort gern die liebe Muttergottes verehrte, daran war ein anderer Vorfall Schuld. Ein kleines Schwesterchen, das unterdessen zur Welt kam, hatte die fromme Mutter in der Taufe in den Schutz Marias und ihrer Mutter Anna gegeben. Ich hatte das „Marjännchen“ vor allen Geschwistern lieb und schlich oft zur Wiege, um es heraus zu nehmen und auf den Armen herumzutragen, denn eine größere Freude gab es kaum für mich. Kaum acht Wochen alt, wurde das „Marjännchen“ krank und kränker. Wie die Eltern, so war auch ich untröstlich, und wich nicht von der Wiege. Als alle Arznei nichts helfen wollte, da ging die Mutter zu einigen frommen Schwestern, die in klösterlicher Zurückgezogenheit nahe bei der Schnurgassen-Kirche lebten und eine kleine Nachbildung der „Königin des Fiedens“, aus demselben Holz wie das Gnadenbild geschnitzt, bewahrten, und bat sie um das Bild für das Krankenzimmer, - ein frommer Gebrauch, der in solchen Fällen die letzte Zuflucht war. Noch am selben Tag Nachmittags kam die eine Schwester und brachte das verschlossene Kästchen mit dem Marienbild; es wurde eine geweihte Kerze angezündet und die Eltern und alle Hausgenossen knieten nieder und beteten den Rosenkranz: „Gott möge es auf Marias Fürsprache, zum einen oder zum andern lenken; wollte Er das Kind zu einem schönen Engel im Himmel machen, dann möge Er gnädig seine Leiden abkürzen und uns Kraft geben, sich Seinem heiligen Willen demütig und still zu unterwerfen!“ Die Schwester betete vor, wir anderen antworteten. Während des Gebetes war das Kind, das bis dahin stets schrie und weinte, ruhiger geworden, die Schwester sprach Trost ein und mahnte zum Vertrauen auf Gottes Huld und Marias Fürbitte, und dann entfernte sie sich leise. Still weinend saß die Mutter an der Wiege, ich kniete zu ihren Füßen auf einem Schemel und freute mich, dass das „Marjännchen“ so ruhig war. Es mag eine halbe Stunde so verflossen sein, da hob die Mutter mich auf und sprach schluchzend: „Gib dem Marjännchen noch einen Kuss und sag ihm, es sollte für dich beten, - der liebe Gott hat es geholt!“

 

So führtest Du, o glorreiche Königin des Friedens, das arme, kranke Schwesterchen ein zum Frieden Deines, seines, unseres Herrn; so erhörtest Du das Gebet, das aus schwerbedrängten Herzen zu dir emporstieg; so bewiesest Du aufs Neue, wie Du in der schmerzvollsten Stunde Deines Erdenlebens das Wort vom Kreuz so gänzlich in Dein heiliges Herz geschlossen hast, das in Johannes uns alle Dir zu Kindern gab! O du überströmende Jesusliebe, wie können wir je nach Würden Dir für dies teuerste Vermächtnis danken! Wie groß musste die Liebe, die mütterliche Zärtlichkeit, die zarte Sorgfalt, die immerwache Teilnahme Marias an allem, auch dem Kleinsten, was Dich, o Jesus, betraf, sein! Wusste Sie doch besser, als irgendjemand hienieden, welchen Schatz aller Schätze sie in ihrem Kind, in Dir besaß; fühlte sie es doch tiefer und mehr, als in alle Ewigkeiten aller Gebornen Seelen es ihr nachfühlen können, wer Du warst und bist, und die aus dieser Erkenntnis entspringende Liebe, deren Fülle keine Sprache auszudrücken vermag, gegen die alle Liebe, die je im Menschenherzen gewohnt hat, zusammen genommen einem glimmenden Öllämpchen gegenüber dem Strahlenmeer der Sonne gleich ist, diese Liebe übergabst Du, o mein Jesus, als letztes Vermächtnis in Johannes uns, deinen Kreuzigern, indem du Maria uns zur Mutter, uns Marien zu Kindern gabst!

 

Wohl mögen wir da mit dem heiligen Barnardus sprechen: „Das war ein schlimmer Tausch, o Maria, Du musstest den Herrn hingeben und den Knecht empfangen, den Meister aufgeben und den Jünger annehmen! Du gabst, o Mutter, den Reinsten der Reinen gegen unwürdige Sünder, den Gott gegen die Menschen, den Schöpfer gegen die Geschöpfe; aber in Deinem Sohn sprach Dein Herr; und wie Er gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, so warst auch Du gehorsam bis zu diesem Umtausch selbst! All Deine Liebe zum Sohn übertrugst Du nun in gleichem Maß, in gleicher Fülle, in gleicher Glut auch auf alle seine Brüder, auf alle durch sein heiligstes Blut Erlösten, die, wie in Adam nach dem Samen fleischlicher Abkunft, so alle in Deinem Sohn nach dem Samen geistiger Abkunft sind!“

 

Wohl bist Du die „Mutter der schönen Liebe“; wohl bewährst Du Dich stets als sie und wirst es, solange ein Herz auf der Erde zu Dir emporfleht, Du, die Du aus dem Brunnen der unendlichen Liebe Dich genährt hast und in Ewigkeit Dich nährest, Maria, o Maria!

 

(Aus: Aus der Kindheit, Erinnerungen von Johannes Laicus)