Das Gelübde vor dem Gnadenbild auf dem Monserrat

 

Schwester Margareta vom Kreuz, geboren am 25. Januar 1567 zu Wien, ist die Tochter des römischen Kaisers Maximilian II. und der Maria, einer Tochter des großmächtigsten Kaisers Carl V., in dessen Reich bekanntlich die Sonne nicht unterging.

 

In der kaiserlichen Familie Österreichs war es damals Brauch und Sitte, dass die gekrönten Eltern in Frömmigkeit ihren Kindern voranleuchteten und alle Sorge einer christlichen Erziehung für sie aufboten. Die Kaiserin Maria war eine vortreffliche Frau und eine große Verehrerin der heiligen Muttergottes. Sie ließ es sich darum sorgsam angelegen sein, diese Liebe auch in die Herzen ihrer Kinder zu pflanzen.

 

Um nun ihr liebes Töchterchen Margaretha zu einem echten Marienkind auszubilden, bekleidete sie es mit einem Habit von der unbefleckten Empfängnis Marias. Und so war die Seele dieses Kindes in der Welt des Gebets und der göttlichen Dinge frühzeitig daheim. Was man so oft an Kindern bemerkt, dass sie mit gottesdienstlichen Sachen selbst die Zeit ihrer Spiele ausfüllen, das geschah auch bei dieser Erzherzogin. Aber es war eine besondere, ungewöhnliche Herzlichkeit bei ihr, wenn sie in der Erholungszeit nach Tisch in der Betkammer Altärchen baute und die kleine Statue der Mutter des Herrn mit Sonn- oder Festtagskleidern schmückte. Das Kindlein Jesus war es vorzugsweise, mit dem sie sich viel beschäftigte. Sie bettete es weich in der Krippe, gab ihm warme Kleidchen und sprach mit ihm, wie Kinder miteinander sprechen.

 

Von ihrer Mutter hatte Margaretha einen Rosenkranz erhalten. Den verschenkte sie aber. Sie erhielt wieder einen, den sie jedoch gleichfalls verschenkte. Sie tat es in der Absicht, dass auch andere den Rosenkranz beten möchten, und wusste sogleich, dass die Huld der Mutter nicht müde würde, ihr für den verschenkten Rosenkranz stets einen neuen zu geben. Als dies nun von den Kammerfrauen der Kaiserin klagend hinterbracht wurde, hatte diese ernst gesagt: „Margaretha, nimm diesen Rosenkranz und merke, dass du ihn behalten und seiner Acht haben sollst durch die ganze Zeit deines Lebens!“ Und niemals vergaß die willige Tochter des ihr gewordenen Auftrages. Sie behielt den Rosenkranz noch lange, auch nachdem ihre Mutter längst tot war, bis an ihr Lebensende.

 

Eine besondere Freude gewährten ihr die Feste des Herrn und Unserer Lieben Frau. Sie sind ja die freundlichen Sonnenblicke in dieses Tal der Tränen herein.

 

An den Samstagen kamen arme Kinder aus der Stadt. Mit ihnen sang sie auf dem Chor der Kirche, der an den kaiserlichen Palast stieß, auf den Knien und mit erhobenen Händen das „Salve Regina!“ und andere Muttergotteslieder. Danach wurden die Kinder mit einem Marien-Almosen entlassen. Diese Andacht an den Samstagen machte ihr so viel Freude, dass sie die genannten Tage der Mutter Jesu immer mit Sehnsucht herbeiwünschte.

 

Margaretha hatte eine Abneigung vor den Freuden der Welt, noch bevor sie sie kannte. Sie suchte die Freuden, die am Fuß des Kreuzes erblühen, um in der Ewigkeit zu unvergänglichen Kronen zu werden. Sie ging immer gern zu den Klosterfrauen. So oft sie durfte, benutzte sie ihre Ausgänge zu diesen Besuchen. Sie begann sich mit dem Klosterleben zu beschäftigen. Unter der Jugend des Hofes sonderte sie diejenigen aus, die mit ihr in diesem Punkt zu harmonieren schienen. Das bildete sich dann zur Genossenschaft von „kleinen Bräuten Christi“. Margaretha hatte die Nonnen über ihre Übungen ausgefragt, und diese wurden nun in der Hofburg nachgeahmt. Da gab es dann Einkleidungen, Prozessionen, Chorgesang und dergleichen. Was aber anfangs kindliches Spiel schien, gestaltete sich nach und nach in ihr zum einzigen Wunsch ihres Herzens. Und da die Kaiserin die unzweideutigsten Beweise von Hochschätzung des geistlichen Lebens gab, so nährte sich die kindliche Seele Margarethas mit den seligsten Hoffnungen: dass die mütterliche Hand ihr die Klosterpforten nicht verriegeln, sondern eher bereitwillig und mit Freuden eröffnen werde. Aber wie weit lag noch der heiß ersehnte Tag, an dem – nach menschlicher Berechnung – diese Worte für Margaretha sich auftun würden, da sie ja noch ein Kind war!

 

Er kam jedoch früher, als Margaretha mit den kühnsten Hoffnungen es hatte erwarten dürfen.

 

Am 12. Oktober 1576 starb ihr Vater, der Kaiser Maximilian II. im rüstigsten Mannesalter, noch nicht neununddreißig Lebensjahre zählend. Die Kaiserin fasste alsbald den Entschluss, das Deutsche Reich zu verlassen und zu Madrid im königlichen Stift der Barfüßerinnen im Orden der heiligen Clara ihre Wohnung aufzuschlagen. Und sie nahm ihre Tochter Margaretha dahin mit. Ihre Brüder baten sie flehentlich, bei ihnen zu bleiben; sie stellten ihr alles Mögliche vor, aber die einzige Antwort Margarethas war nur immer diese: „Leben und Sterben mit meiner Mutter!“

 

Im August 1580 begann die Reise. Auf dem Weg von Genua nach Barcelona schlug die seither gute Witterung um, schwere, schwarze Wolkenmassen zogen sich zusammen und ein entsetzlicher Sturm brach los, so dass das Geschwader sich nicht beisammen halten konnte. Auf dem königlichen Schiff herrschte Angst und großer Jammer. Die armen deutschen Frauen, die einen Sturm noch nie bestanden hatten, ergossen sich in fruchtloses Jammern und Weinen, sie verlobten sich zu diesem oder jenem Gnadenbild in der Christenheit, sie klagten sich auf den Knien über ihre Sünden an; und als der Kapitän, selbst ängstlich geworden, die Kajüte hinter ihnen dich verschließen ließ und sie wie in einem Grab sich eingeschlossen sahen, da mussten die Kaiserin und Margaretha alles aufbieten, die entfesselte Trostlosigkeit ihrer Frauen nur auch einigermaßen zu bannen. Diese beiden wahrhaft frommen Seelen empfanden keine Unruhe. Sie riefen die allerseligste Jungfrau Maria, den „Stern des Meeres“, um Beistand an; und die Erzherzogin hat später oft davon gesprochen, dass sie hierauf eine so große Unerschrockenheit und starken Mut, so lebhaftes Vertrauen auf den göttlichen Schutz durch die angerufene Fürbitte Marias in sich verspürt habe, dass, je ärger der Sturm toste und die Wellen das Schiff hin und her schleuderten, die Heiterkeit ihres Gemütes nur gewachsen sei. Endlich ließ das Unwetter nach und über der beruhigten Flut stieg friedlich das spanische Gestade auf.

 

In Barcelona benützte die Kaiserin die Gelegenheit, eine Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau von Monserrat zu unternehmen; Margaretha hüpfte das Herz im Leib, als sie davon hörte, denn schon längst war ihr dieses Heiligtum durch Erzählungen und Schilderungen in Büchern bekannt, und hatte sich gesehnt, den steilen Felsenpfad zum wunderreichen Gnadenbild hinauf erklimmen zu dürfen.

 

Es lässt sich denken, mit welchen Gefühlen die junge Erzherzogin das Heiligtum der Jungfrau von Monserrat betreten hat; aber wir haben die genauesten Nachrichten darüber.

 

Sie bekannte, dass der glücklichste Tag der Reise der gewesen sei, an welchem sich ihr die Kirche des Berges, diese „Herberge der Wunder Marias“, erschloss; dass sie von dem Augenblick, da sie hineingegangen und vor das Bildnis Unserer Lieben Frau sich hingekniet habe, ihre Seele mit solcher Freude und Wonne und geistlicher Lieblichkeit übergossen gewesen sei, dass sie sich Gewalt antun musste, damit ihr innerlicher Trost nicht sichtbar und den anderen auffällig wurde.

 

Das Gnadenbild unverwandt anschauend, aus innerstem Herzensgrund betend, brach sie in die Worte aus: „Meine allerseligste Frau, ich bitte dich, dass du meiner Treue und meiner Liebe Hilfe bieten wollest! Ich möchte eine Braut deines wunderbaren, göttlichen Sohnes sein: ach, verleihe mir diese Gnade! Solltest du sie mir nicht erweisen? Wem hat doch dein Schutz nicht Hilfe geleistet? Wer erkennt nicht allezeit deine allerinnigste Fürbitte?“

 

Da hat sich ja das Gnadenbild freundlich zu Margaretha verbeugt, worauf die Glut ihres Herzens sich noch mehr entflammte, so dass sie eines Tages ein Messer ergriff und die Haut sich wund ritzte und mit dem eigenen Blut dieses Gelöbnis niederschrieb: „Mit dem Blut meines Herzens opfere ich mich auf zu einer Braut Jesu Christi und bitte die allerseligste Jungfrau Maria, dass sie meine Mittlerin sein wolle! Zu dessen Versicherung unterzeichne ich mich: Margaretha.“

 

Die Erzherzogin war vierzehn Jahre alt. Wovon sie in den Tagen der Kindheit selig geträumt, was sie mit der Zunahme der Jahre immer ernster gewollt, das war nun vor Marias Gnadenbild reif geworden: ihre volle, ungeteilte Hingabe an den Herrn im geistlichen Leben. Sie kostete nun die süßen Freuden eines großen, in der Liebe Jesu und Mariens gefassten Entschluss.

 

Die Erzherzogin wurde, nach noch vielen schweren Bedrängnissen, weil sie die ihr angetragene Vermählung mit dem König von Spanien, Philipp II., entschieden ausgeschlagen hatte, die Schwester Margaretha vom Kreuz im Kloster der Barfüßerinnen vom Orden der heiligen Clara zu Madrid und starb daselbst im Geruch der Heiligkeit am 5. Juli 1568.

 

Sie hat ihr Gelöbnis, das sie vor dem Gnadenbild Marias auf dem Monserrat abgelegt hatte, unter ihrem steten Geleit gar treulich erfüllt. Im Sterben vernahm sie schon die himmlische Musik. Sie lächelte freudig, und als man sie darüber fragte, antwortete sie: „Große Dinge begegnen mir; wundert euch nicht, dass ich frohlockte!“ In den letzten Zügen jubilierte sie laut in Jesus und Maria, denen sie ihr ganzes Leben gedient und zu denen sie glückselig heimging.

(Nach: Katholische Trösteinsamkeit)