Die Rettung im See

 

Im Elsenztal, bei den Ruinen von Steinsberg, zieht sich eine Niederung hin, die der „alte See“ genannt wird. Schlanke Silberpappeln erheben sich auf dem erhöhten Ufer des ehemaligen Sees, der jetzt durch frisches Grün und mannigfaltige Blumen das Auge ergötzt.

 

Auf dem Steinberg solleinst ein graulicher Recke gehaust haben, der das Entsetzen der ganzen Gegend war. Er beraubte die harmlosen Wanderer, trieb den Hirten ihre Herden weg und gerieten Frauen oder Mädchen in seine Hand, so schleppte er sie, trotz ihres herzzerreißenden Weinens und Schreiens, steinkalt und grausam auf seine unzugängliche Burg.

 

Eines Tages zog er auch an einer Marien-Kapelle vorüber, die am Ufer des Sees unter friedlichen Linden stand, und gewahrte darin eine Jungfrau von seltsamer Schönheit. Sie kniete vor dem Altar und verrichtete ihr Gebet zum Dank, dass der liebe Gott durch Mariens gnädige Fürsprache ihre Mutter von einer schweren Krankheit errettet hat. – Der Ritter riss alsbald mit höllischer Faust die schüchterne Jungfrau vom Altar hinweg und achtete nicht ihrer Tränen und Todesangst. Schon wollte er sie auf sein Ross heben und mit ihr davon sprengen, da bat ihn das Mädchen, ihr nur noch ein kurzes Gebet in der Kapelle zu gestatten. Der Räuber willigte ein. Sie warf sich vor dem Bild der heiligen Jungfrau zur Erde und rief mit heißester Inbrunst der Andacht und des Vertrauens: „O du Reine und allzeit Unbefleckte, nimm auch mich rein und unbefleckt zu dir!“ – Dies sagend, rafft sie sich auf, flieht aus dem Kirchlein und stürzt sich in den See. Aber die Flut teilt sich nicht unter ihren Füßen, sondern wie von unsichtbaren Händen getragen, schwebt sie darüber hin und erreicht glücklich das andere Ufer. Der Ritter, in blinder Raserei, will ihr nacheilen, aber die Wasser schlagen über seinem Haupt zusammen und er versinkt in die Tiefe. –

 

Noch jetzt hört der Wanderer manchmal in einsamen Nächten eine wehklagende Stimme, wenn er an dieser Stätte vorübergeht, und die Zitterpappel rauscht geheimnisvoll und erfüllt das Herz mit Grauen. –

 

(Aus: Sagen vom Rhein von Alois Schreiber)