Die friedländische Brotmutter

 

In der Hauptpfarrkirche des heiligen Nikolaus in Znaim befindet sich auf dem Seitenaltar rechter Hand ein hölzernes Muttergottesbild, dreiundzwanzig Zoll hoch, und auf dieselbe Weise gekleidet, wie das Gnadenbild zu Maria-Zell.

 

In den heftigsten Kämpfen des dreißigjährigen Krieges, nicht lange nach Wallensteins tragischem Ende, war es, als Dorothea Anna Maria, geborene Gräfin von Lodron, vermählt mit dem Marschall Grafen von Gallas, an dessen Seite den Feldzügen in Deutschland beiwohnte. – Bei der Menge von Kirchen, woran die blinde Wut jener Tage ihre Frevel geübt hatte, fügte es sich, dass die Gräfin eines Tages in eine solche zerstörte Kirche eintrat und dort einige rohe Kriegsknechte antraf, die eben im Begriff standen, ein aus Holz geschnitztes hübsches Marienbild, auf dem rechten Arm das Jesuskindlein tragend, in die lodernde Flamme zu werfen. Kaum wurde die fromme, mit einer Sicherheitswache begleitete Frau dieses unheilige Beginnen gewahr, so nahm sie das Bild aus den Händen der Missetäter und trug es mit aller Ehrerbietung in ihre Wohnung und führte es seitdem beständig mit sich umher. Sie erachtete dieses Marienbild als ihren kostbarsten Hausrat und es verblieb der besondere Gegenstand ihrer täglichen Andacht.

 

Im Geleit ihres Mannes, unter den Stürmen des Krieges, wo übergroße Not und allgemeines Elend in unzähligen Schreckensbildern überall dem Auge entgegen starrte, führte die Gräfin von Gallas auch einen Feldkasten mit sich, worin sie, ein Muster vorsorgender Hausfrauen, das Brot für ihren Hofstaat aufbewahrte, mit dem sie indessen auch die kranken Soldaten speiste.

 

Diesen Brotkasten pflegte die Gräfin nur mit einem leichten Teppich zu bedecken und das dem Feuer entrissene Marienbild, umgeben von zwei Kerzen, auf ihn zu stellen. So war der Haus- und Feldaltar fertig. Und, was für ein Wunder, so oft und so lang das besagte Bildnis auf diesem Kasten gestanden, hat bei der Austeilung das Brot, und zwar zu eines jeden Verwunderung, sich nicht vermindert hat, soviel auch zur Nahrung für den Hofstaat und die kranken oder armen Soldaten daraus genommen wurde. Sobald aber das Bildnis der heiligen Muttergottes vom Feldkasten weggerückt wurde, hat sich das Brot darin verringert. Deshalb wuchs ganz besonders das ehrfurchtsvolle Zutrauen der Soldaten zu diesem Bild mit jeder Mahlzeit. –

 

Nach der Beendigung der Feldzüge verlieh Kaiser Ferdinand III. dem Grafen Gallas, „als seinem getreuen Feldmarschall, wegen vieler und wichtiger Dienste“, die große – nach Wallensteins erfolgtem gewaltsamen Tod der böhmischen Krone heimgefallene – Herrschaft Friedland, wohin denn auch die Gemahlin des Grafen das in den so traurigen Kriegsläufen ihr über alles teuer gewordene Marienbild mitbrachte und es in der Schlosskapelle feierlich aufstellte.

 

Der dem Bild vorangegangene wunderbare Ruf, und die Milde der neuen Herrschaft machten das Schloss Friedland bald zu einer Wohnstätte, wo die Ehrfurcht vor Gott, das Vertrauen auf die Fürbitten Marias und die Sorge für das geistige und leibliche Wohl der Armen ihre Engelschwingen regten, da bisher nur ein finsterer Geist diesen Ort beschlich und sein Burgfriede minder geliebt als gefürchtet war.

 

Das Marienbild selbst erhielt und erbte den Namen: die „Friedländische Brotmutter“, oder geradezu die „Friedländerin“ – bei den Einheimischen und den Fremden.

 

So blieb es bis zum Jahr 1654, in dem Gallas starb, und seine Witwe später mit Johann Ferdinand Fürsten von Lichtenstein, Herrn auf Mährisch-Kronau, zur zweiten Ehe schritt. Was seither das erste Kleinod ihres stillen Lebens und ihrer kindlichen Zuversicht gewesen ist, der Marien-Altar, wurde auch in den neuen Wohnsitz ihres Gatten mitgenommen.

 

Aus großer Zuneigung für die Nonnen der königlichen Ottokar`schen Klosterstiftung St. Clara in Znaim – kam das Bild im Jahr 1666, nach dem Ableben der Besitzerin, und zwar laut ihres Testaments, an das Kloster und verblieb ihm bis zu seiner im Jahr 1782 geschehenen Aufhebung. –

 

(Aus: National-Kalender für das Königreich Böhmen)