Der Raub einer goldenen Krone Marias

 

Die alte Volkssage erzählt folgendes Ereignis, das sich in der Kapelle zu St. Johann bei Pünderich zugetragen hat:

 

Ritter Clodwig besaß feste Burgen und schöne Güter am Rhein. Aber er war ein Mann von rauer und trotziger Gemütsart, ungerecht und habsüchtig. Wohl zeigte er Mut und Tapferkeit, aber mehr auf Raubzügen, als für edlen Zweck. Auch waren die meisten seiner Reichtümer durch verwegene Gewalt oder tückische List errungen. Darum hatte er keinen wahren Freund, denn alle wohldenkenden Ritter mieden seinen Umgang, und seine Tochter, obwohl eine schöne und tugendsame Jungfrau, blieb ohne Freier, weil niemand aus ehrenwertem Geschlecht der Schwiegersohn eines Mannes von solchem Charakter sein wollte. – Dies kränkte seinen Stolz und seine Eitelkeit, und es befremdete ihn sehr, dass jedermann sich von ihm abwandte, weil Geld und Gut bei ihm über Tugend und Rechtschaffenheit ging. – Da sprach er eines Tages bei sich selbst: „Sie wollen keinen Bund mit meinem Haus schließen. Das ist nur Neid, weil keiner mich an Glanz und Reichtum übertrifft, ja wenige mir gleich sind! Wohlan! Zum Strand der Mosel will ich ziehen. Dort thront auf Burgen so mancher herrliche Stamm. Dort will ich mir den Eidam (Schwiegersohn) schon gewinnen, und dann, hochmütige Toren, werd ich verstärkt euch bald mit Fehde drängen!“ –

 

Schon am folgenden Tag, als eben die ersten Strahlen des Morgens über den uralten Soon-Wald emporglänzten, sah man Clodwig, von zwei Knappen gefolgt, auf der Straße gen Simmern herreiten. – Dort lenkt er nun rechts ab durch die Gebirge des Hundsrückens der Mosel zu. Und als jetzt der silberne Strom in seinen malerischen Windungen erschien, da stieg hinter der Felsenhöhe von Marienburg ein schwarzes Gewitter auf, das plötzlich ein wild sich erhebender Sturmwind herbeijagte. Das Gewölk öffnete seine Schleusen und in Strömen goss der Regen herab, während die Wälder auf den Höhen sich dem Orkan beugten, schlängelnde Blitze die Luft durchzuckten und des Donners Schläge tobend in den Bergschlünden wiederklangen.

 

Der Ritter, unkundig dieser Gegend, sah kein Obdach, denn das nahe Dorf Pünderich liegt unter dichtbelaubten Bäumen versteckt.

 

Er sprengt aufs Geratewohl durch die ebene Flur, seine Knechte weit hinter sich lassend, denn sein Leibross war wohl das schnellste im ganzen Land. Da erblickt er die Kapelle zu St. Johann, mit ihrem kleinen spitzen Turm aus dem Getreidefeld hervorragend, und rasch eilte er hin, um sich zu schirmen. – Aber nicht frommen Herzens und ehrfurchtsvollen Sinnes eilte der Trotzige durch die offene Pforte. Keck drängt er seinen Rappen bis zum Altar vor, und rastete nun, sich von dem Ritt erholend, auf den Stufen, doch ohne Gott zu danken, der ihm Schutz in dem Heiligtum gewährt hatte. Indes zog ein feierliches Licht, das auch im dunklen Wetter die Kapelle durchschimmerte, seine Augen auf sich. Es stand hier ein anmutiges Marienbild, das mit einer goldenen Krone geschmückt war.

 

Als jetzt die Wolken sich wieder geteilt hatten und lieblich die Sonne Wald und Auen beschien, dachte Clodwig auf weiteren Ritt und auf Erkundigung nach seinen Knappen. Zugleich jedoch erhob sich in des Übermütigen Seele die gewohnte Raubgier. Er griff nach dem prächtigen Schmuck des heiligen Bildes und rief: „Du sollst die Zierde meines Rosses werden, zum Dank, dass es mich so treu unter das Obdach hierher getragen hat!“ – Als er aber die strahlende Krone vom Haupt der göttlichen Gnadenmutter nahm, da rollten dumpfe Donner im fernen Gebirge, wie eine drohende Warnung des Himmels für den Frevler, der an gottgeweihter Stätte den schnöden Raub beging. Doch der Verstockte achtete es nicht, er befestigte die goldene Last auf dem Haupt seines Rosses und schwang sich in den Sattel. Kaum aber fühlte das Tier die neue Bekleidung, so durchfuhr es dasselbe wie glühendes Feuer. Rasend bäumte es sich hochauf, und als der Ritter fluchend ihm den kräftigen Sporn gab, da rannte es, wie auf Adlerschwingen, mit erhobenem Schweif, mit sträubender Mähne und flammenden Augen, über Felder und Hügel davon. Vergebens wollte der Ritter seinen Lauf hemmen, kein straffgehaltener Zügel, kein Zureden half. Erschrocken fühlte Clodwig jetzt das Bewusstsein böser Tat und erkannte die Strafen des Himmels. Aber zu spät! Das Pferd jagte wild schnaubend mit ihm fort bis an das Gestade der Mosel, und in einem langgestrecktem Satz sprang es hinab in die Flut und war mit seinem Reiter wie ein Blitz verschwunden.

 

Die beiden Waffenknechte, die das Ungewitter von ihrem Herrn getrennt und sogar von seiner Spur abgelenkt hatte, waren dem nächsten Pfad gefolgt, der sie bald in das wirtliche Dorf Pünderich führte. – Als der Horizont sich neu verklärt hatte, eilten sie hinaus in das Feld und bis an das Ufer des Stroms, um ihn zu erspähen. Da erzählte ihnen ein Fischer, was geschehen war. Aus seiner Hütte, die jenem Felsen nahe stand, hatte er das schreckliche Schauspiel gesehen. Umsonst forschte man in den Fluten und am Strand: Ritter, Ross und Schatz waren auf immer dahin, und den Dienern blieb kein anderer Weg, als nach der Heimat umzukehren und der Tochter Clodwigs die trostlose Kunde zu bringen. – Aber an jener Unglücksstelle, wo vorher die Strömung sanft dahin floss, steigen seitdem die Wellen schäumend empor und brechen sich mit tobendem Geräusch jenseits am schroffen Gestade, so dass der Schiffer stets voll Schauer den Kahn hindurchlenkt, indem er den Mut seiner Seele stärkt durch ein andächtiges Gebet. Auch sahen Bewohner des Ufers in schauriger Nacht, wenn dunstumzogen der Mond herabschien, des Ritters Geist auf schwarzem Ross einherbrausen. In der Linken hielt er glühende Zügel, in der Rechten das geraubte Diadem Marias, und stürzte hier mit samt seinem Ross in die Fluten hinab. –

 

So meldet die treuherzige Sage aus längst vergangener Zeit. –

 

Auch jetzt noch flutet der Strom an dem hohen Felsenufer, der „Pündericher Stein“ oder die „Pündericher Furt“ genannt, sehr schnell und unruhig dahin, so dass hier die Schifffahrt zu Zeiten belästigt, ja bei stürmischem Wetter nicht ohne Gefahr ist. –

 

In der Kapelle zu St. Johann, die sich eine Strecke landeinwärts auf üppigen Fluren zeigt, während blumenreiche Auen um das Dorf sich ausbreiten, im Hintergrund die freundlichen Nebenhügel und jenseits waldige Höhen emporblicken, sieht man noch auf dem steinernen Altar das Bild der heiligen Muttergottes, von einem weißen Schleier umflossen. Statt des geraubten Goldschmucks prangt nun eine lichte Silberkrone in ihrem Haar, und fromme Dorfbewohner umher schmücken oft mit Blumen das Kirchlein, zu dem sie gern in stiller Andacht wallen. –

 

(Aus: Handbuch für Reisende durch das Moselland von K. Geib)