Das Wunder am Lichtmesstag über die unbefleckte Jungfrauschaft Marias

 

Bonifatius IV. war ein Papst, der in Rom viele Wohltaten erwies und den Heidentempel, genannt „Pantheon“, am 13. Mai 609 – unter Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria und aller heiligen Martyrer – zu Ehren des wahren Gottes einweihte.

 

Da man diesen Gottesdiener zu Rom auf dem heiligen Stuhl sah, trug es sich daselbst zu, dass die Juden gegen die Christen Streit erhoben. Bald führten sie hier und da schlechte Reden und behaupteten unter anderem: „dass Maria, da sie Christus gebar, keine reine jungfräuliche Magd mehr gewesen sei und Joseph wäre ihr richtiger Mann“. Sie sprachen weiter: „Nun seht, es entbehrt jeder Mensch, was ihm die Natur nicht gewährt. Nun ist es aber doch offenbargegen die Natur, dass eine Jungfrau einen Sohn habe und dabei keusch bleibe.“ Die Christen erwiderten ihnen sogleich das: „Der große Gott hat wohl in seiner Herrlichkeit Gewalt über die Natur, mit der er macht, was er will, weil er ihr Erschaffer und Herr ist!“ und bestätigten diese ihre Aussage durch die Propheten und Weissagungen, die es in ihren Tagen bekannten, und ließen sie in ihren eigenen Büchern suchen, dort stände es wahrhaft geschrieben. – Die Juden ließen sich jedoch nicht abbringen von ihrem falschen Streit, wie oft man auch belehrend gegen sie auftrat.

 

Nun lebte ein Blindgeborener in der Stadt Rom, den empörte der Streit. Der Unglückliche hatte seit seiner ersten Jugend, wie es jetzt noch oft die Blinden tun, die heilige Schrift erlernt. Seines Herzens Weisheit begriff den tiefsten Sinn, dass er, eingedenk der erhabenen Würde Marias, als der heiligen Muttergottes, die „voll der Gnade“, den Gottmenschen Jesus Christus, den verheißenen Messias, in wunderbarer Weise empfangen hat, indem der Engel Gabriel zu ihr, die keinen Mann erkannte, gesprochen hat: „Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden!“ (Lk 1,35) – öffentlich bekannte: „Maria ist eine keusche Magd gewesen und hat in rechter und unbefleckter Keuschheit Christus, den Gottmenschen empfangen und auch in unbefleckter Keuschheit und unter Freuden zur Welt gebracht, wie es Gottes Wille von Anfang war.“ – Da entstand gegen ihn aufs Neue ein Lärmen und Geschrei von den Juden. Wie ein Wild von den Rüden wurde er angebellt. „Dein Leib ist unrein!“ schrien sie, „du Blinder! Du sollst dich entfernen, weil du in Sünden geboren bist und darin deine Augen verloren hast! Du solltest billig trauern, denn wegen der Sünde sind deine Augen geschlossen und wegen dieses Fehlers bist du nicht an Gliedern vollkommen wie ein Mensch gestaltet! Du solltest billig den Streit mit uns vermieden haben! Gehe nur heim und schweige, weil dein Beweisenwollen dir misslungen ist! Dein Christus und deine Maria – ach, wie fern sind sie dir! Du bist ihr Diener und bist doch blind! Du hochrühmtest und priesest Maria und sie kann dich nicht von der Plage deiner Blindheit befreien! Rede uns doch ja nicht mehr von ihrer himmlischen Macht!“ – Da überkam es den Blinden, dass er auf Gottes Allmacht und Marias Fürsprache bei ihm sein festes Vertrauen setzte, der ihn trotz dieser Worte um seiner Mutter willen rechtfertigen möge. Er wollte die Juden zum Schweigen bringen. Die aber erwiesen sich fortwährend als höchst übermütig. „Nun hört mich“, sprach er, „ein wenig, was ich euch öffentlich sage! Am dritten Tag werdet ihr alle es sehen, wie Gott an mir bezeugt: dass er in seiner Herrlichkeit über alle Natur ist, wie mir seine Güte verleiht, was mir von Natur mangelt, ich meine – meiner Augen Licht, das ihr mich seither und auch jetzt noch entbehren seht!“ Und die Juden schrien: „Hört, hört, wie dieser hier im Wahnsinn fabelt! Du Tor, sieh du zu, wie dir dein Christus frommen mag, den unsere Väter ehedessen gefangen genommen und an das Kreuz genagelt haben! Er konnte sich damals selbst nicht helfen, weil man ihm viel Leid antat, was er auch erdulden musste! Man sah, dass es ihm an jeglicher Hilfe gebrach! Wir wollen dir dein Anerbieten gleich zugestehen und uns verpflichten: hilft er dir Blinden, dass du mit Augen sehen magst, wir wollen uns dann alle zu ihm bekennen und uns taufen lassen!“

 

Da geschah ein Zulauf des Volkes in der Stadt und man bat die Juden ihr Gelübde zu verbürgen und zu halten. Da sprachen die Senatoren, die edlen Römer: „Wenn es so geschähe, dass der Blinde von seiner Blindheit Last durch die Fürsprache Marias und durch die Gnade Gottes erlöst würde, so sollten alle Juden ihren Glauben zu Jesus Christus hinwenden. Wollte sich aber jemand dessen entziehen, dann solle sein Vermögen frei erklärt, er aber aus der Stadt mit Schande scheiden müssen.“ – Die Juden hatten ihren Spott, die Christen aber beteten alle zum Herrn, dass er den Glauben in Ehren aufrichte, weil in den Juden nur Hohn wohne.

 

Der Blinde bat, dass man ihn zum Papst Bonifatius führe. Das Oberhaupt der Kirche wusste noch nicht, um was es ging, als er ihm aber alles erzählte, gefiel es ihm, weil er ein frommer Mann war, und er stimmte ihm bei: Gott werde zum Preis der glorreichen Himmelskönigin ihn schon erhören und den Spott vernichten, der in den Herzen der Juden niste. – Es war gerade zu dieser Zeit der Tag, der von den beiden Parteien bestimmt worden, der „Lichtmessen“ ist genannt, da Maria das Jesuskind zum Tempel trug. Der Papst befahl nun, wie es ihm sein Herz geraten hatte: dass alle Juden sich an dem Tag versammeln und zum Gottesdienst in das Münster Unserer Frau komme, da sollte man schauen, ob Christus, der Jungfrauen Sohn, nicht ein Wunder aus göttlicher Macht tun werde.

 

Seht, da kam ohne Säumen Jung und Alt von Christen und Juden, Priestern und Laien, und wollten sehen, wem der Sieg würde. – Man sang da viele schöne Metten, weil sich viele Priester eingefunden hatten. Als man die achte las, da wurde jener Blinde von einem Kind vor den Altar an eine Stelle geführt, wo er öffentlich stand, dass ihn jedermann wahrnehmen konnte. Dort sprach er sein Gebet. Das Kind lief von ihm hinweg und ließ ihn stehen an seinem Stab, auf den er sich stützte. Sein Herz tat wie diejenigen, die nicht zweifeln an Gottes Allmacht und an der Macht der Fürbitten Marias. Im frommen Glauben war er seiner Augen gewiss. – Da die Lektion zu Ende war, schwieg der Chor und er sang mit Freuden, wie ihn der Wille zwang, ein Responsorium, das ihm aus dem Herzen kam und das er selbst vorher in seiner Andacht gedichtet hatte. Er erhob seine Stimme und sang in richtiger Melodie bis zum Schluss. Da der Vers aus war, lohnte Gott ihn auf der Stelle damit: dass er zwei schöne Augen hatte. Christus erleuchtete seinen Knecht, weil er offenbar seiner gebenedeiten Mutter großes Lob und ihre unverletzte keuscheste Jungfräulichkeit wohl dadurch bekundete. Seiner Worte Sinn, die er öffentlich sang, lautete: „Freu dich, Maria, du Unsere Liebe Frau! Du hast die Blüte des Unglaubens zerstört! Was von dir Gabriel, der Bote Gottes, gesprochen hat, das ließest du vor Gott in rechter Tugend schauen! Du allerreinste Jungfrau gebarst, nach Gottes Willen, den Menschen und Gott, den Gottmenschen, und bliebst keusch vor – in und – nach der Geburt! Dass ich kurz bin: Der Jude werde zu Schanden, der da wähnt, dass Jesus Christus, unser lieber Herr und Heiland, ein Sohn Josephs sei, der doch nur sein Pflege- und Nährvater gewesen ist, seit ihn die erlauchte Jungfrau Maria in wohl bewahrter Keuschheit geboren hat!“

 

Es blieben die Priester durch die Mette bis zum Amt versammelt und schauten alles, was hier geschah, wie der Mensch nunmehr vollkommen sah, der vorher blind gewesen ist. Nun genaß denn auch ein jeglicher von des Zweifels Not, die eben groß war. Laut sangen alle das Lob des Allerhöchsten, vor dessen Allmacht und Heiligkeit der Juden Spott und Prahlerei verstummte. . Von den Juden ließen sich gegen fünfhundert taufen. Wer sich aber davon ausnahm und nicht seinen Starrsinn durch das Wunder erweichen ließ, sondern wie ehedem verstockt blieb, diesen schickte man bald, wie es gesagt war, aus der Stadt.

 

Da wurde denn auch vom Papst – ob des großen Wunders – der Gesang zur Mette an dem Tag Unserer Lieben Frau für alle Gläubigen festgesetzt, daran sie ihr Lob und ihrer Ehre Preis schauen möchte, weil Maria ihren Freunden zu helfen weiß. Es dünkt sie, „die Mutter der Barmherzigkeit“ nicht zu viel: wer sie in Treue anruft, dem will sie, in welcher Not er auch immer sei, vollen Trost verleihen. – Darum sei gelobt und gepriesen die Himmelskönigin! –

 

(Aus: Das kirchliche Jahr von J. Gebhardt)