Das Marien-Leuchten in der St. Stephanskirche zu Prag

 

Auf dem Hochaltar der St. Stephanskirche zu Prag befand sich sonst ein uraltes Marienbild, das große Verehrung genoss. Als aber ein böhmischer Maler das Konterfei des Schutzheiligen der Kirche gemalt hatte, stellte man dieses Bild auf und verschloss das Frauenbild in ein angrenzendes Gewölbe, wo es verblieb, bis im Lauf des dreißigjährigen Krieges der fromme Domherr Wenzel von Blumenberg sich vor den Schweden hierher flüchtete und einige Zeit lang die Amtsführung des erkrankten Pfarrers versah. Er erfuhr, was mit dem Bild vorgegangen war. Und da zu damaliger Zeit ein Wetterstrahl den Hochaltar spaltete, ohne jedoch zu zünden, so wurde er aufmerksam, legte das Ereignis als ein Warnungszeichen aus und bestand darauf, dass das Marienbild wieder in der Kirche aufgestellt werde, worauf man zur Nachtzeit die Kirche hell erleuchtet sah. Seinen Sinnen misstrauend, nahm er mit den Kaplänen und einigen benachbarten Bürgersleuten eine Untersuchung vor, die alle das helle Licht sahen, das, als sie in die Kirche eintraten, von dem Marienbild aus entströmte, dann aber gleich schwand.

 

Nicht lange nachher starb der Pfarrherr, und als sich die Schweden zur Einnahme der ganzen Stadt rüsteten, erschien eines Tages die heilige Jungfrau Maria mit dem Kind, und gänzlich so, wie sie auf jenem Bild gemalt war, auf einem hellschimmernden Regenbogen, der sich über der alten und neuen Stadt wölbte und sie zu beschützen schien.

 

Viele Einwohner sahen dies und auch die Feinde, die die Belagerung alsbald aufhoben, und die nächtlichen Erleuchtungen der Kirche, in der man das Wunderbild nun mit hoher Verehrung aufbewahrte, wurden gesehen, so oft ein Pfarrherr von St. Stephan im Sterben lag. –

 

(Aus: National-Kalender für das Königreich Böhmen)