Das Mädchen mit den verbundenen Augen

 

Die prachtvolle Domkirche zu Bamberg hat auf der Seite gegen die Residenz hin einen Nebeneingang, über dessen Tür man ein sonderbares steinernes Bild sieht. Es stellt nämlich eine Jungfrau vor, die mit verbundenen Augen über dem Eingang steht und fünf Ziegel unter dem Arm hält.

 

Davon erzählt eine alte Sage:

 

Auf dem Jakobsberg, einer Anhöhe zwischen dem Michaelsberg und dem Domberg, auf dem ein dem heiligen Jakobus geweihtes Kirchlein recht freundlich da liegt und auf den Domberg herunter sieht, lebte vor vielen Jahren ein Mann mit seiner einzigen Tochter Bertha. Der Vater war sonst rechtschaffen, nur hatte er den Fehler, dass er den Einflüsterungen böser Nachbarn zu viel glaubte, die ihm und seiner Tochter ihr stilles bescheidenes Glück missgönnten, ihnen allerlei gottlose Dinge nachsagten und nicht eher nachgaben, bis ihnen der schwache Mann endlich Gehör schenkte und seine unschuldige Tochter für ein verdorbenes Mädchen hielt. Vergebens waren die Beteuerungen des armen Kindes, vergebens ihr Weinen und Flehen, der leichtgläubige Vater wurde durch die giftigen Zungen der Verleumder in seinem Wahn bestärkt und erachtete seine Tochter als eine Missetäterin und verstockte Sünderin. Es genügte ihm nicht, sie durch schwere Misshandlungen zum Geständnis bringen zu wollen, sondern er verklagte sie sogar beim Gericht.

 

Der Richter tat, was seines Amtes war, und ließ Bertha vor sich führen. Aber auch hier beteuerte die Angeklagte ihre Unschuld und rief Gott zum Zeugen an, dass sie die Wahrheit rede. Der Richter stand im Zweifel, was er tun sollte, doch musste er dem Vater, der sein eigenes Kind verklagte, mehr Glauben schenken als dem armen Mädchen, das keinen Menschen zum Verteidiger hatte, und Bertha wurde den Folterknechten übergeben, um ihren Lippen durch Martern ein Geständnis zu erpressen. – Im Gefühl des größten Schmerzes sagte sie leider aus, dass sie alles Unrecht, dessen man sie beschuldigen wollte, begangen habe. – Bertha wurde nun zum Tod verurteilt.

 

Am folgenden Tag wurde sie mit verbundenen Augen vom Jakobs- und Domberg heruntergeführt, um auf den Richtplatz gebracht zu werden. – Als sie am Dom angekommen war, bat sie um die letzte Gnade: „dass man sie an die Seitentür geleiten möge, um dort, wo sie so oft ehedessen in das Gotteshaus gegangen war, noch einmal beten zu können.“ –

 

Diese Bitte wurde ihr gewährt.

 

An der Tür angekommen, warf sie sich nieder und betete inbrünstig: „Heilige Maria, o du Mutter meines Erlösers, du Beschützerin der Unschuld, bitte für mich bei deinem göttlichen Sohn, nicht, dass er mein Leben erhalte, sondern dass ich nicht durch des Henkers Hand sterben muss! Sende du mir den Engel des Todes, den ich als einen Befreier von meinen Leiden begrüßen will! Hilf mir, o himmlische Gnadenmutter, dass meine Unschuld an den Tag komme!“

 

Und horch! da rasselt es von oben, wie eine Antwort auf die so inbrünstig ausgesprochene Bitte, herab, und in demselben Augenblick stürzten fünf Ziegel vom Dach herunter und zerschmetterten dem armen Kind das Hirn!

 

Der Vater und die Richter sahen sich betroffen an, und die Unschuld der getöteten Jungfrau war nun kein Zweifel mehr, denn – Gottes Barmherzigkeit hatte es auf Mariens Fürbitte nicht zugelassen, dass die fromme Bertha durch Henkers Hand den Tod erlitt. –

 

Dies bedeutet die Jungfrau mit den verbundenen Augen und den fünf Ziegeln unter dem Arm, die man heute noch wohlerhalten über dem Seitentor am Dom zu Bamberg sehen kann. –

 

(Nacherzählt von Ludwig Baumblatt)