Erinnerung an den Marien-Mai

 

(Geschildert von Franz Alfred Muth, 1866)

 

Welch eine Gnade und Beseligung für uns, die wir alle in Maria, der glorreichen Himmelskönigin, gefunden haben! Wenn die ganze Erde ein Rosengarten wäre, so müsste man alle Rosen brechen und der gebenedeiten Jungfräulichkeit zu Füßen legen, die mit dem göttlichen Jesuskind im Schoß uns so mild-mütterlich ansieht, dass man weinen möchte, besonders aber wenn man daran denkt, wie die Mutter für uns unter dem Kreuz auf Golgatha gestanden hat und in den unnennbaren Schmerzen der Mutterliebe den Frieden in unserem daraus hervorblühenden Heil fand.

 

Als ich noch, ein kleines Kind, in der Heimat am Rheinlebte, nahm mich die Mutter oft an stillen Sonntagnachmittagen mit in die alte Marienkapelle, die über das Städtlein herunterschaut und mit schöner Kindesstimme ihre Glocken rührt. Fand ich dann am Weg einige Veilchen noch oder ein wildes Röslein, so musste ich es trotz der Dornen haben, und ich konnte so glückselig die Blutstropfen abwischen, wenn nur die Rose vor das Muttergottesbild zu liegen kam. Das waren glückliche Tage, denn man sagte mir: das Bild stelle Maria vor, die liebe Mutter des Christkindchens, das in der Weihnachtsnacht so hübsche Geschenke bringe, und da musste ich sie wohl liebhaben. Ich wurde zwar älter, aber es freute mich doch immer noch, an einer alten Linde einem Marienschrein zu begegnen oder mit einem Kerzchen heimlich zu Abend vor den Muttergottesaltar zu treten.

 

Aber erst nun, wenn der Mai wiedergekommen, wenn die Wolken lichtblau wanderten und die Bäume ausschlugen: Wer etwa am letzten Apriltag durch den grünen Hag geschritten kam, der über den Bergen meiner Heimat sich dunkellaubig lagert, konnte neben dem süßen Schlag der Nachtigallen auch noch andere Herzen sich ausjubeln hören – überall rosige Kindergesichter, bunte Kleider, Lachen und munteres Singen. Kinder vergessen gar leicht das, was ihnen trüb scheint, am liebsten aber die Schule mit Buchstaben und Zahlen. Es war April in den Köpfen und Mai in den Herzen. Laubwerk, Blumen, Moos, alles schien schon recht, denn alles, die ganze schöne Welt sollte in einem Kranz in die Muttergottes-Kapelle, dort zu lächeln, zu duften und zu sterben. In einem lichtgrünen Waldgrund saßen Mädchen und flochten die Blumen in das Laub – bis im allzu früh herniedersinkenden Abendrot der ganze Zug aufbrach.

 

Mit welcher Freude und mit welchem Selbstbewusstsein streckte sich schon am frühen Morgen des ersten Maitags manch Köpflein empor, um durch die Gitter der Kapellentür die Blumen und Lichter zu sehen. Und wer nicht mit in den Wald hatte gehen können, suchte zwischen Hecke und Gras noch einen Veilchenstrauß, ihn in das Kirchlein heimlich zu werfen. Das waren noch selige Kinderfreuden ohne allen Schmerz! – Am Vorabend, wenn die Glocken unten im Tal hell und freudig zu läuten anfingen, begann erst so recht der Jubel. Auch vom Bergkirchlein läutete es, ein leiser Duft wie an dem ersten anmutigen Herbstmorgen lag über aller Welt, man sah durch ihn die Fahnen wehen, und wie sehnsüchtige Lieder nach dem Himmel klang es empor. Nie hat mehr irgend eine Prozession einen solchen Eindruck auf mich gemacht, selbst mit aller Pracht in großen Städten, als diese einfache Wallfahrt aus dem Tal der Zähren zu dem Berg der heiligen Muttergottes! Der Himmel war so tiefblau, der Strom ging still im Grunde, der Mond begann sacht zu scheinen – als ob der ganze Zweck des Lebens, das Einswerden mit dem Himmel, schon jetzt erreicht sei. Aber so leicht wird es uns nicht gemacht, nur das sterbende Kind geht träumen auf Lilien und Rosen und doch auch wieder weinend in den Himmel, als ob der Schmerz des Todes auch ihm zum Lösegeld dienen müsse! Wenn dann alle die Kinder, die Jungfrauen und Männer neben hochbetagten Greisen, die noch mit zitternder Stimme sangen zum Lob der Himmelskönigin, in der Kapelle knieten und immerfort noch die Glocken läuteten und in die feierliche Stille der Mondnacht die hehren Lieder klangen und von der Linde die Nachtigall, gleichsam als Marien-Vöglein, darein schlug, so regte sich heißer als in der größten Freude die Sehnsucht, auch recht bald vor der allersüßesten und huldvollsten Mutter des Herrn selbst zu knien, so selig wie einst die Hirtenknaben von Betlehem. Und war die Andachtsübung vorbei, das Herz bebte und zitterte noch wie die Lotusblume, wenn der Mond sie anschaut. – Ich erinnere mich, wie wir bis in die Mitternacht auf dem Strohm fuhren, langsam, grüne Maien von allen Seiten im Schifflein, und dann kam es mir vor, als steuere Maria uns, kaum gesehen, an den Felsen vorbei, durch die ruhige Nacht des lang verlorenen Paradieses.

 

O ja, ich zweifle nicht, ich hab es ja oft erfahren, Maria ist freigiebiger im Spenden der Gnade, als wir bereit, sie zu empfangen! Sie wird auch die Schifflein unseres Lebens in den sicheren Port geleiten! O, wenn wir ihrer nur stets gedenken, so können wir nicht untergehen!

 

Am ersten Mai-Sonntag kamen dann die Prozessionen von nah und fern gezogen, auf allen Pfaden zwischen dem Grün der Berge nieder, im stillen Tal, vom fernen Wald her. Auf dem Fluss flatterten die Fahnen und in dem Städtlein sang es in allen Gassen durch die sonnigblaue Frühlingsluft. Und wenn dann im Abendrot die Fahnen sich zur Heimkehr entfalteten, die Glocken läuteten, in den Gärten die Rosen dufteten – und ferner, immer ferner die Lieder klangen, so musste der Wanderer auf einsamem Weg, wenn nur ein Laut sein Ohr traf, niederknien, und die gebenedeite Magd des Herrn grüßen, zu deren Lob die ganze Welt jetzt jubelte und sang, und gleichsam starb im Abendrot der Liebe. – Ach, als Kind, wie war es uns da zumute, an keiner Blume konnte das Auge sich satt sehen, an keinem Geläut sich satt lauschen! – Vorbei ihr huldigen Stunden und Tage, durchhaucht von Himmelslüften, durchzittert von Engelsharfenklängen! Es ist schon manches Herz seitdem gebrochen und sieht hienieden keine Mairose so mehr, und steigt nicht mehr am frühen Morgen über Berg und Tal den frühen Lerchenliedern nach. Aber der geistige Mai im Herzen und Maria in der einsamen Bergkapelle – und es ist gut, wenn auch alles bricht, wir zagen nicht, so lange dein süßes Angesicht, o Mutter der Barmherzigkeit, uns zulächelt. Im Marien-Mai soll das ganze Leben sein! Der Rosen-Mai welkt, er ist bald entblättert. Von den glänzenden Träumen der Welt-Minne bleibt nur das Weh des Lebens und die Dornen, die den Weg zum Himmel erschweren. Aber diese Rose, Maria, sie lässt uns nicht! O du anmutigste Seelenbraut, du unser Ruhm, unsere Freude, unsere Seligkeit! Mit dir erstürmen wir den Himmel – die Hölle mag rasen in Sturm und Blitz und Wetterschlag!

 

Es war schon etwas weh, wenn der letzte Maitag gekommen war, als ob die letzten Rosen blühten, die letzten Vögel sängen! – Das Pfingstgeläut war mit seinen hehren Schauern, seiner tiefen Wonne auch schon vorüber – wer soll denn nun mit uns sein während des glühenden Sommers, während des rauen Winters! Noch einmal naht man der Linde, die nur welke, duftlose Blätter streut. Das Auge muss weinen, als ob es einen ewigen Abschied gelte in die kalte Fremde! Ach ja, und ist es nicht auch so? Die Kindesfreude und die Kindesunschuld ist leider so oft und bald dahin. Der armselige, vom Weltdünkel aufgeblasene Verstand will nicht mehr glauben, das Herz kann darum nicht mehr hoffen, der Wille nicht mehr heilig lieben. Es geht der Sommer – er geht unbenützt vorüber, der Herbst kommt ohne Früchte, das Ende des kurzen Lebens naht, die vergeltende Ewigkeit tut sich auf – und dann? Ach ja – und dann? – und dann ist es noch die gnadenvolle Erinnerung an die allerseligste Jungfrau und Muttergottes Maria, die wir als Kinder so innig geliebt, und sie führt uns dann mütterlich sorgsam zu ihrem Sohn, dem guten Hirten zurück, damit wir noch in der elften Stunde des ewigen Himmelsmais nicht verlustig gehen.

 

Ach ja, diese paar Herzschläge, „Leben“ genannt, sind so kurz. Man sollte nur zu Marias Ehre atmen, denken und wollen, das brächte das echte Mai-Seligsein! Wüssten wir, wie lieb sie das hat, nie mehr würde das böse Herz sie beleidigen. Wenn du eine Seele kennst, die Maria bis jetzt noch nicht geliebt hat, führe sie doch mit mildester Hand zu ihr, damit der Marien-Mai in der Zeit und dereinst auch der Marien-Mai in der Ewigkeit ihr holdseligst erblühen und erduften möge! Ave Maria!