Eine würdige Feier des Marien-Mai

 

(Aus: Erinnerungen an den römischen Jüngling Paolo Piazzesi von P. T. Manzotti)

 

Paolo Piazzesi, am 2. Januar 1829 zu Rom von wohlhabenden Eltern geboren, erhielt in der heiligen Taufe nebst dem Namen des heiligen Paulus auch noch den von St. Aloysius und St. Makarius. Es scheint, dass diese drei berühmten Heiligen, deren weltbekannte Namen er führte, es von da an mitsammen übernommen haben, dieses Kind besonders sorgfältig zu beschützen. Und jeder von ihnen scheint ihm eine innige Vorliebe gerade zu derjenigen Tugend eingeflößt zu haben, die ihm selber (das heißt – dem bezüglichen Namens-Patron) eigen gewesen war. In der Tat, zum jungen Mann herangewachsen, war Piazzesi als Paulus ein junger Apostel rücksichtlich der guten Beispiele, die er allen gab, die mit ihm verkehrten. Als Aloysius erwies er sich als der reinste Spiegel jungfräulicher Keuschheit. Und als Makarius kann er ein kleiner Anachoret oder Einsiedler genannt werden in Ansehung der stillen Einsamkeit und Zurückgezogenheit, worin er stets mit größter Freude zu leben suchte. Die schönsten Namen eines jeden frommen Christen „Jesus“ und „Maria“ hatte er sich zu seinen täglichen Leitsternen gewählt.

 

Schüler bei den Jesuiten im „römischen Collegium“ geworden, empfing er am 27. März 1839 zum ersten Mal die heilige Kommunion. Mit großer Andacht wohnte er den geistlichen Übungen bei, die den Erstkommunikanten recht würdig zu diesem ersten Gottgenuss vorbereiten sollen. Besagte Exerzitien werden gewöhnlich erteilt in jenen Zimmern, die einst der heilige Aloysius von Gonzaga bewohnte und die seit geraumer Zeit in heilige Kapellen umgewandelt worden sind. Paul erhielt bei dieser Gelegenheit ein Bildnis des heiligen Aloysius, das er gar sehr schätzte, nicht etwa wegen des bedeutenden Kunstwertes, den es besaß, sondern um stets vor Augen zu haben jenen ersten Eifer der Liebe, Andacht und Demut, womit er sich zum ersten Mal dem Tisch des Herrn genähert hatte, und als ein Hilfsmittel, um ja nicht zu erkalten in der Ehrfurcht diesem allerheiligsten Sakrament gegenüber.

 

Es gab im Collegium keinen Verein, keine fromme Verbrüderung, an der Paolo Piazzesi nicht den lebhaftesten Anteil genommen hätte. Überall leistete er etwas. – Es gesellen sich nämlich in den Schulen des „römischen Collegiums“ alljährlich die fleißigsten und sittsamsten Schüler zueinander und bilden unter sich immer eine Bruderschaft zu Ehren des heiligen Aloysius. An jedem Vakanztag kommen sie zusammen und begeben sich nach verschiedenen Übungen der Frömmigkeit in einen Garten, wo sie sich unter mancherlei Spielen und Ergötzlichkeiten von den Mühen erholen, die ihnen das Studium in den vorhergehenden Tagen verursachte. Mit der Erholung werden zu gewissen Zeiten auch Übungen in der Religionslehre verbunden. In jedem Monat wird ein Tag der stillen Zurückgezogenheit gewidmet, wo dann Betrachtung gehalten und über die eigenen Fehltritte nachgedacht wird. An den Hauptfesten des Herrn und der allerseligsten Jungfrau Maria werden neuntägige Andachten gefeiert und damit kleine Abtötungen, Tugendakte und Gebetsübungen verknüpft. All dies pflegt man „Fioretti, geistliche Blumensträußlein“ zu nennen. Jeden Morgen ist eine kleine Betrachtung, eine kurze geistliche Lesung und Gewissenserforschung vorgeschrieben. Darüber bestehen bestimmte Bruderschaftsvorschriften, und etliche allgemeine Regeln, welche sich auf die gegenseitige Erbauung und den guten Wandel beziehen. – Mehrere Jahre war Paul Piazzesi Mitglied dieser frommen Bruderschaft. Besonnen, klug, verständig, ehrbar, heiter, gesellig, wie er sich stets gezeigt hatte, stellte er das wahre Bild eines jungen Mannes dar, der Mitglied der Bruderschaft des heiligen Aloysius ist, eines jungen Mannes nämlich, wie er sein soll vor Gott und Maria, vor seinen Vorgesetzten und vor seinen Mitschülern.

 

Während einiger Hauptmonate des Jahres und besonders während des Maimonats, der der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht ist, ließ er sich die Übung gewisser Marianischer Tugenden ganz besonders angelegen sein. – Unter den Papieren, die sich nach seinem Tod in seinem Schreibpult vorfanden, hat man von fünf Jahren die Betrachtungsfrüchte gefunden, die er jedes Mal im Monat Mai täglich aufgezeichnet hatte.

 

Am Anfang jedes Heftes oder Blattes stand die Aufschrift: „Blumenkränze, gesammelt von mir, Paul Piazzesi, als Weihegeschenk für die allerseligste Jungfrau Maria im Augenblick meines Absterbens!“ – Und siehe da! Der Glückliche säumte nicht lange, dieses Weihegeschenk Maria darzubringen und als Lohn dafür entgegenzunehmen eine unverwelkliche Krone ewig dauernder Herrlichkeit.

 

Auf einigen Blättern sind die Tugendübungen und Betrachtungsfrüchte ausführlich aufgeschrieben, während sie auf anderen Blättern nur leise angedeutet sind. Von diesen Aufschreibungen sollen hier nur einige vorgeführt stehen als Beweis für den frommen Sinn dieses gottgefälligen jungen Mannes und als nachahmungswürdiges Muster für seine Altersgenossen.

 

Er schreibt:

 

„Aus Liebe zur allerseligsten Jungfrau Maria – habe ich mir den und den guten Bissen versagt . . . habe ich einem Armen mein Frühstück gegeben . . . habe ich einen Spaziergang unterlassen . . . habe ich einen religiösen Vortrag in der Kirche angehört . . . habe ich mein Studium eifriger betrieben . . . bin ich schneller vom Bett aufgestanden . . . habe ich des Abends mein Gewissen gründlicher erforscht . . . u.s.w.“

 

Ein anderes Mal erzählt er:

 

„Ich habe zu Ehren Marias das Officium (die kirchlichen Tagzeiten) gebetet . . . Ich habe einem Mann etwas von meinem Mittagessen mitgeteilt . . . Ich habe oft und mit großer Andacht Stoßgebetlein gebetet . . . u.s.w.“

 

Da Paul Piazzesi sein ganzes Leben lang ohne Unterbrechung Werke der Frömmigkeit, sowie der Gottes- und Nächstenliebe ausgeübt hat, so erscheinen bei ihm diese Liebesbezeigungen als wie eine in Gold gefasste Kette wertvoller Perlen. Sieht man auch die Absicht, warum er diese Dinge aufgezeichnet hatte, so wäre es weit gefehlt zu glauben: er habe es aus geheimem Anlass oder Ehrgeiz getan, sondern er hat bei diesen Aufzeichnungen nur eine ihm obliegende Pflicht erfüllt, denn solche Betrachtungsfrüchte musste er von Zeit zu Zeit in die Schule mitbringen und sie demjenigen aushändigen, der mit deren Einsammlung betraut war. Der überreichte sie dann dem Vorstand der Bruderschaft, der daraus alljährlich bei zwei Hauptgelegenheiten „Geistliche Blumenkränze“ anfertigte, die dann zu Ehren Marias, der glorreichen Himmelskönigin, und zur gegenseitigen Erbauung im Hörsaal vorgelesen wurden, nämlich: am Sonntag nach dem Titularfest der Unbefleckten Empfängnis Marias und am Schluss des Maimonats.

 

Außer dem besagten Verein des heiligen Aloysius besteht im römischen Collegium auch noch ein anderer, den man die „Bruderschaft der heiligen Apostel“ nennt, weil sie unter den Schutz derselben gestellt ist. – Die studierenden jungen Männer, die in diese Bruderschaft aufgenommen werden, sind gewöhnlich aus der vorgerückten Altersklasse und zwar aus den Lehrkursen der Philosophie und Theologie, und hie und da sogar solche, die ihre theoretisch-wissenschaftliche Laufbahn bereits ganz vollendet haben. Jeden Freitag um fünf Uhr abends versammeln sich die Vereinsmitglieder und ermuntern sich durch erbauliche Vorträge, durch geistliche Lesungen und gegenseitige Ermahnungsreden zur Frömmigkeit und zum Fortschritt in der Tugend. Auch sie haben Bruderschaftsvorschriften, durch die sie angehalten werden, zum eigenen und zum fremden Seelenheil alles Mögliche beizutragen. Die eifrigsten unter ihnen pflegen sich oft freiwillig in den Werken des Seeleneifers und der Nächstenliebe zu üben. Obwohl Laien, unterrichten sie an Sonntagen, mit der nötigen Vollmacht ausgerüstet, die Gefangenen, trösten sie, stärken sie, und bereiten sie an gewissen Hauptfesten auch zur heiligen Beichte und Communion vor. Besonders finden sie sich während des schönen Maimonats täglich in den Gefängnissen ein, und halten mit den Gefangenen in der Hauskapelle die liebliche Maiandacht. Es ist ein wahrhaft erbaulicher Anblick, diese seeleneifrigen und liebeglühenden Jünglinge zu sehen, wie sie die Verehrung Marias, der Gebenedeiten des Herrn, fördern, und wie sie die unglücklichen Gefangenen in den notwendigen Heilswahrheiten unterrichten und sie, indem man sie zum Vertrauen auf Maria, Die „Zuflucht der Sünder“, ermutigt, auf einen besseren Weg zu geleiten suchen. – Jene Vereinsmitglieder, die bereits Priester sind, predigen von der Kanzel aus das Wort Gottes und hören gleich danach die Beichten an. In bester Ordnung sind die übrigen behilflich und tragen alles Mögliche bei zur heilsamen Erbauung. Sichtbar erlaben sich an diesen geistlichen Übungen die armen Gefangenen. Anfangs werden sie eingenommen von der Artigkeit, Bescheidenheit und Liebe dieser jungen Apostel. Später trachten sie selbst danach, sich von diesen liebevollen Glaubenspredigern in den Heilswahrheiten unterrichten und in der Lebensbesserung unterstützen zu lassen. – Am Schluss des Marianischen Monats, - nachdem nämlich die Maiandacht mit der gemeinschaftlichen heiligen Communion beendet ist, - treten die jungen Apostel auch noch zu den einzelnen Gefangenen in die Kerker und teilen ihnen reichliches Almosen an Lebensmitteln aus, wodurch bei diesen armen Leuten die Marianische Festfreude erst so recht ihren Gipfelpunkt erreicht. Durch die empfangenen Marianischen Maimonats-Liebesgaben erfahren sie ja tatsächlich, dass Maria auch die „Mutter der Barmherzigkeit“ ist. – Man sah im Jahr 1846 bei zwanzig solcher jungen Männer, wie sie in den Gefängnissen von mehr als fünfhundert Verurteilten eine solche Festfeier Marias ausübten. Dann sah man wieder zwölf von ihnen, die in den verschiedenen Korrektionshäusern an fast zweihundert Gefangenen das Beispiel der ersteren nachahmten. – Die frommen Jünglinge beabsichtigten: dass wie der Mai der Natur draußen alles mit seiner Blütenpracht irdisch verklärt, so innerlich der Mai der Gottesgnade durch die heißerflehten Fürbitten Marias alle Seelen im Geist Jesu geistig verkläre. Des Himmels Maitag sollte durch Marias Huld und Erbarmen allen und jedem erblühen! –

 

So lebte Paul Piazzesi, mit Ausübungen heiliger Handlungen beschäftigt, bis zum Monat Mai 1846, das sein siebzehntes und letztes Lebensjahr war. Mit gewohntem Liebeseifer wand er auch in diesem Jahr während des wonnigen und süßen Marien-Mai-Monats geistliche Blumenkränze, um sie, wie er bisher immer im Sinn hatte, in seiner Sterbestunde der heiligen Muttergottes als ein Weihegeschenk darzubringen. Es war aber die Stunde seines Todes, ohne dass er es vermutete, nicht mehr fern. – Bei den älteren Zöglingen des römischen Collegiums, die der Aloysius- und Apostelbruderschaft angehörten, bestand die Sitte, im Monat Mai die sieben Hauptkirchen zu besuchen. – Unter vielen anderen Bruderschaftsmitgliedern fand sich dieses Mal auch Paul Piazzesi bei dem genannten Wallfahrtsgang ein, und zwar ganz freiwillig. Für ihn war das die allerbeste Vorbereitung auf seinen nahen bevorstehenden Übergang in die Ewigkeit. Ich habe die besagten frommen Jünglinge dieses Mal bei dem Besuchen der sieben Hauptkirchen begleitet und mit Wehmut erinnere ich mich noch an jenen Augenblick, wo wir, nach dem Austritt aus der Kirche des heiligen Kreuzes in Jerusalem, auf dem Weg zur Kirche des heiligen Laurentius in einen Kreis zusammentraten, um einen Rosenkranz für die Seele dessen zu beten, der unter uns als der erste in die Ewigkeit durch den Tod abberufen werden würde. Und ach! Wer hätte es gedacht? – Paul Piazzesi, der brave Sohn Marias, war der Auserlesene. Denn schon nach wenigen Tagen – am 19. Juli, früh um halb zehn Uhr, hatten wir seinen Tod zu betrauern. Versehen mit den heiligen Sakramenten, hört Paul noch von seiner Umgebung den trostvollen Marianischen Hymnus „Ave maris stella!“ anstimmen, den er sofort mit leiser Stimme repetierte, jedoch ohne Zusammenhang und nur in abgerissenen Worten. Später setzte er ein wenig aus und versank in einen leichten Schlummer, einer Person vergleichbar, die im Stillen betet, denn er bewegte fortwährend die Lippen und bezeichnete sich sehr oft mit dem heiligen Kreuz. Unter Anrufung der allerheiligsten Namen „Jesus, Maria und Joseph“ starb er wahrhaft als ein Gerechter und seine Seele ging ein in den Gottes- und Marienmai der himmlischen Herrlichkeit.