Die erste Marien-Mai-Andacht zu Nazareth

 

(Aus: Andacht zur allerseligsten Jungfrau in Beispielen von P. Huguet)

 

Der Kanzler des Patriarchen von Jerusalem, Th. Dequevauillers, gibt in einem seiner nach Paris gerichteten Briefe folgende Schilderung von der ersten Marien-Mai-Andacht, wie sie zu Nazareth gefeiert wurde. Er berichtet:

 

Nazareth in Galiläa, am 31. Mai 1856

 

Ich schätze mich wahrhaft glücklich, indem ich Ihnen von dem hochbegnadigten heiligen Städtlein Nazareth schreibe, das ich in diesem Augenblick zum fünften Mal zu besuchen die Freude habe, und auf welches Ihre Frömmigkeit gewiss recht oft die Gedanken Ihres Geistes und die Sehnsucht Ihres Herzens hinlenkt. Nie setzte ich ohne sanfte Rührung den Fuß auf diesen heiligen Boden, der unter den Wanderungen unseres göttlichen Heilandes und seiner gebenedeiten Mutter, der unbefleckten Jungfrau Maria, erbebte. Alles in Nazareth ist noch voll frommer und lieblicher Erinnerungen an die heilige Familie. Wie wohl tut es, an der Stätte der Menschwerdung Gottes zu knien und die von Liebe zitternden Lippen auf den Marmor zu drücken, der die Stelle bezeichnet, wo das Wort hat Fleisch angenommen! Wie erträgt man mit Geduld die Last und die Mühseligkeiten des Lebens, wenn man in der demütigen Werkstätte gebetet und sich gesammelt hat, wo der Gottmensch Jesus Christus und St. Joseph, sein Nähr- und Pflege-Vater gearbeitet und ihr Brot im Schweiß ihres Angesichts verdient haben! Wie tröstet man sich über die Undankbarkeit der Menschen, an diesem Plätzchen, dem bleibenden Zeugen der Undankbarkeit der Landsleute dem Eingeborenen Sohn Gottes gegenüber, der unter ihnen die Knechtsgestalt angenommen hatte, um die ganze Welt von ihren Sünden zu erlösen! Wie sehr fühlt sich das Herz erleichtert und erfrischt, wenn der Blick, nach Osten hinschweifend, auf der Kuppe des Hehren Tabor ruht, der durch den Ruhm der Verklärung für immer denkwürdig sein wird!

 

Allein heute will ich Ihnen nicht diese heiligen Stätten beschreiben. Die guten, bescheidenen Ordensschwestern, die aus Frankreich hierher kamen, sind es, denen man die Einführung der Marien-Mai-Andacht zu Nazareth verdankt. Wo konnte diese volkstümliche Andacht besser am Platz sein, und wo konnte sie sich gedeihlicher entfalten, als im Geburtsort der allerseligsten Jungfrau Maria? Welchen tiefsten Trost empfand ich, als ich die Kinder, Jungen und Mädchen, mit den Greisen im Silberhaar herbei kommen und vor der Statue der Jungfrau von Nazareth niederknien sah, die in einer Nische ihrer bescheidenen Kapelle aufgestellt war. Diese erwies sich leider als zu klein, um all die frommen Araber zu fassen, die jeden Abend herbeiströmten, um an den an die gnadenreichen Mutter des Heilandes gerichteten Gebeten und an den kraftvollen Gesängen Anteil zu nehmen, die die Jugend von Nazareth an dieser ehrwürdigen Stätte erschallen ließ. Der maronitische Pfarrer wohnte alle Tage dieser Andacht mit vielen seiner Schäfchen bei, ebenso ein griechisch-katholischer Priester, der jeden Abend eine Lesung, oder eine Unterweisung in arabischer Sprache vortrug. Wir waren aber entzückt, als wir Schlussverse geistlicher Lieder in französischer Sprache von dieser interessanten Jugend mit Ausdruck und Begeisterung singen hörten. – Der Orient ist aber auch das Land der Wohlgerüche. Man verbrennt die köstlichen Duftstoffe überall. In jeder Kirche und Kapelle wirbelt der Weihrauch in dichten Wolken empor. Warum sollte man keinen verbrennen vor dem in der Kapelle der Ordensschwestern von Nazareth errichteten Marien-Altar? Ein Hemmnis stand indessen noch im Weg. In ihrer Armut hatten die guten Frauen sich noch kein Rauchfass anschaffen können. Eine Schwester jedoch hat diesem Missstand teilweise abgeholfen. Es war ihrer Sorgfalt gelungen, aus einem Blechstück eine Art von Räucherpfännchen zu machen. Bei jeder Andacht bemächtigte ein arabischer Chorknabe dieses seltsamen Räucherpfännchens, kniete davor nieder, füllte es mit glühenden Kohlen und bedeckte sie mit Weihrauch, den er durch beständiges Anblasen vor der Bildsäule Marias brennend erhielt. – Ich gestehe, dass ich durch diese Handlung des arabischen Chorknaben mehr erbaut als zerstreut wurde, und ich bin überzeugt, dass sein Weihrauch-Opfer derjenigen, die auf dem Boden von Nazareth das Drückende der Armut gekannt hat, nicht weniger angenehm war, als jener, der ihr in reichen goldenen und silbernen Rauchfässern dargebracht wird!