Der Maienkönigin

 

Von Heinrich von Heiden

 

O Herrin des Maien, o Mutter,

Ich schmücke als Kind dir den Thron

Und wand dir bunte Kränzlein

Aus blauen Zyanen und Mohn.

Dir bracht ich die ersten der Primeln,

Die ersten Schneeglöckchen dar

Und stellte mit kindlicher Liebe

Die Blumen auf deinen Altar.

Dann sang ich im Kreise der Kinder

Dir, Maienkönigin,

Die schönsten der Maienlieder

Mit kindlich frommem Sinn.

Mir wars, als schaute dann heller

Dein gütiges Auge mich an,

Dein mildes Auge, das nimmer

Seitdem ich vergessen kann.

Ach, Jahre kamen und schwanden,

Mein Leben verfloss wie die Flut

Und Sorgen und Mühen verzehrten

Mein Herz mit irdischer Glut.

Doch selbst auf den wirren Pfaden

Hab immer ich deiner gedacht

Und habe statt Blumen dir Tränen

Der Reue dargebracht.

Und heute, wenn sich wieder

Im Lenze schmücket die Welt,

Dann mein ich, du kämst geschritten

Mit deinem Kind durchs Feld.

Ich meine, es blühten die Blumen

So lieblich nur dir zum Gruß,

Wo du auf Fluren und Auen

Nur setzest den reinen Fuß.

Mir ist´s, als hört ich die Englein

Dir singen im wonnigen Mai

Und stille knie ich beiseite,

Zu lauschen der Melodei.

Und weine, dass nicht mehr singen

Wie einst in der Jugend ich kann –

Und weine, dass dennoch dein Auge

Mich blickt so mütterlich an.