Die Pfarrkirche zu Unserer Lieben schönen Frau in Ingolstadt

 

(Aus: Das alte Ingolstadt von Ludwig Gemminger)

 

Ein herrlicher Tempel, von ferne schon sichtbar und alle übrigen Gebäude weit überragend, ist die Pfarrkirche zu Unserer Lieben schönen Frau in Ingolstadt.

 

Am 5. Januar 1407 ließen die beiden Herzoge Stephan II. und Ludwig – ob der allzeit größeren Anwachsung des Volkes zu Ingolstadt – eine Urkunde ausgehen folgenden Inhalts: „Umb solch groß Gebrechen als unser lieb getrew die Burger gemeinlich reich und arm in unser Stat Ingolstat und an dem Freithof zu eng gewesen ist, haben unsre lieb und getreu, der Rat und Burger Unser Stat Ingolstat, mit Unser Hilf und Förderung Got dem Allmächtigen zu Lob und in den Ehren der hochgelobten Jungkfrauen Marien seiner Mutter der ewigen Maid eine Kirche und einen Cor mit Holzwerk gepawen und einen Freithof dabei mit einer Mawer umfangen, das ein Anfang sein soll und ain newe Pfarr, die wir daselbig meinen und wöllen pawen und stiften.“ – Solchergestalt sind am 3. Dezember 1407 nachmittags zur Vesperzeit in der St. Moritzkirche ein geschworner Notar, nicht minder Johann Hurner, Bürgermeister, Heinrich Abssperger, Stadtpfleger, und etliche Gezeugen – zum Teil aus dem Ritterstand – erschienen und sprachen in Beisein und mit Willen des Pfarrers bei St. Moritz Ulrich Warnhofer die Teilung in zwei Pfarreien aus, so die Straße vom Donautor bis zum Hardertor scheiden sollte. Über all das gingen wieder etliche Monate hinüber, bis die Teilung letztlich am 19. April 1408 durch Herrn Eglof von Hernbeck, Probsten zu Freising, wirklich vollzogen ist worden. Zu einer Pfarrkirche nahm man das ehemalige Michaelikirchlein mit einem angebauten Chor von Holz.

 

Mittlerweilen kam Herr Herzog Ludwig im Bart, so der Königin von Frankreich Bruder und der Gemahl der französischen Prinzessin Anna von Bourbon gewesen, aus Frankreich nach Ingolstadt, das ihm, als dem Sohn Stephans II., zu Eigen gehörte. Brachte auch mit sich einen Schatz, so auf fünf Millionen angeschlagen wurde, teils in Gold, teils in kostbaren Kleinodien. Selbiger Fürst war aber so kriegslustig und händelsüchtig, dass er zuletztlich das Land verlassen und gen Preßburg mit dem Kaiser Sigmund ziehen musste. Dort scheint er sich entschlossen zu haben, zu Ingolstadt eine neue Pfarrkirche zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria zu erbauen, was er auch bei seiner Rückkunft ausführte, denn so heißt es am südlichen Eingang der Frauenkirche: „Anno dmi MCCCCXXV an dem XVIII. Tag des Maien ist gelegt worden der erste Stain an die Pfarrkirchen unser Frawen.“ – Herzog Ludwig verwendete zu diesem Wrk außer den auf 42,375 Gulden geschätzten Kleinodien – fünfmal hunderttausend Gulden. Die Frauenkirche ist nach dem Muster der Pfarrkirche zu Ulm gebaut worden und die Baumeister sind Conrad Gläzl und Heinrich Schnellmüller gewesen. Sie ist 282 Schuh lang, 108 breit und 95 hoch. Zum Dachstuhl sind 3780 Baumstämme, jedweder zu 70 Fuß, verwendet worden. Die beiden Türme blieben unvollendet. Achtzehn Säulen teilen die Kirche in drei Schiffe, deren Hauptbau nur zum Teil im Jahr 1439 vollendet wurde. Auch die Ausführung des Hauptportals ist wegen Mangel der nötigen Mittel unterblieben und es wäre der ganze Bau ins Stocken geraten, wenn nicht die sogenannten „Butterbriefe“ in etwas wieder nachgeholfen hätten. Solche bewilligte Papst Innocenz VIII. am 16. August 1487 für die Kirche zu Ingolstadt und selbige erteilten die Erlaubnis zu gewissen Fastenzeiten, wo es verboten war, von Käse, Milch, Butter und Schmalz zu essen, solche Speise gegen Erlag von einem Geldbetrag, der ungefähr einen Taglohn ausmachte, zu genießen. Wie es aber im Lauf der Zeit immer schwerer geworden ist, die Mittel zum Bau aufzutreiben, davon gibt ein Brief des Ulrich Alberstorfer und Caspar Vorhart an den Herzog Georg deutlich Kunde: „Gnädiger Herr, Unsre Frauenkirche vermag des Pauens ohne Ew. Fürstl. Gnaden nit. Sy haben auch kein Geld, und wo Ew. Gnaden Hilf nit geschieht, so müssen Sie verzweifelt den Steinbruch lygen, auch den Bau ruhen lassen.“ – Also ist es gekommen, dass erst 1510 das Kirchenpflaster gelegt wurde, was mit roten Steinen auf dem Boden eingezeichnet und ein rechtes Wahrzeichen der Kirche ist. Auch wurde in selbigem Jahr die erste Kapelle St. Nikolai, - die heutige „Urlaubs-Kapelle“ erbaut, und nach und nach die andern, indem zuvor die Wände der Kirche in einer Flucht fortliefen. Von diesen Kapellen enthalten fünf eine Decke von solch kunstreicher Steinarbeit, dass darob männiglich erstaunen muss, ein Werk, wie man kein zweites in deutschen Landen findet, an Poesie des Gedankens als an Kunst der Ausführung ein wahres Unicum und herrliches Kleinod.

 

Den weltberühmten Schatz anlangend, so Herzog Ludwig im Bart seiner Kirche 1438 vermachte, ist das allervortrefflichste Stück darunter das Marienbild gewesen, denn es war von orientalischem und arabischem geschmelzten Gold und mit den köstlichsten Edelsteinen und Perlen geziert. Es ist selbiges insgemein auf 50.000 Kronen geschätzt worden. Der einzige Rubin auf der Brust der Muttergottes ist zu 40.000 Gulden geschätzt. Aventinus meldet, dass alle Stücke an diesem kostbaren Marienbild, da man jegliches an Gold, Silber und Edelstein gewogen, alles um 50 Tonnen Gold angeschlagen worden. Dann hat das Bild noch an sich 21 Smaragden, 1 Parill, 12 dunkelblaue Saphire, klein und großer Perlen 172. – Um dieses Bild willen, wollte auch Herzog Ludwig in seiner Schenkungs-Urkunde, dass die Kirche zu der „schönen Unser Lieben Frau“ geheißen werde. – Item: ein ähnliches Marienbild, so aber, in Folge der Verhandlungen über den Landshuter Erbfolgekrieg im Jahr 1509, in die Altöttinger Schatzkammer als Ersatz für die dort abhanden gekommenen wertvollen Gegenstände gelangt sein soll und noch wirklich dort sich befindet unter dem Namen: „das goldene Rößl“. – Die berühmten ehemaligen Schmelzkünstler zu Limoges in Frankreich lieferten diese plastischen kunstreichen Arbeiten von Gold, mit Email und mit Perlen und Edelsteinen übersät. – Zu dem Schatz gehörte auch wohl ein heiliger Kreuz-Partikel von konsiderabler Größe, so der Stifter Herzog Ludwig anher verschafft: „So geben wir zu solcher Gezierdt und Ornat erstlich den Spann des heiligen Kreuzes, das uns von dem Hochgebornen Fürsten und Lieben Herrn und Vatter Stephan seliger anerstorben. Und das Gold, darain es gefasset, wiegt mit samt dem Gestain und Perlein 22 Loth ein halb Quint und seynd in dem Gold am ehgenannten Kreuz versetzt 22 Perlein. Und steht das Kreuz auf ainem silbernen gefelsten Berg in Gedächtniß calvariae loci. Unter dem Kreuze stehen der Mutter Mariä Bild und St. Johannes Evangelisten Bild vergoldet; das Silber wiegt bei 11 Mark. Und wollen dass ewiglich bei der Stift bleibe, und nicht davon genommen werde.“ – Item war auch bei dem Schatz die goldene Bildniß St. Michaeli, so 7 Mark und 1 Unzen in Gold wog. Viele dieser Kostbarkeiten und noch mehr als: in Gold gefasste und mit Perlen und Edelsteinen besetzte Reliquien, dann Heiligenbilder und Meßgewänder mit mehren tausend Perlen geschmückt, sind aber, trotz der Androhung des göttlichen Gerichts von Seite des Gebers, durch die indessen erfolgten Kriegsereignisse verschwunden; der heilige Michael war schon seit 1780 für die zum Kirchenbau geleisteten Vorschüsse verpfändet; das wertvolle Marienbild aber musste – ungeachtet der Vorstellungen der Bürgerschaft – am 10. April 1801 den Kurfürstlichen Commissarien daselbst zu anderweitigen Dispositionen überantwortet werden!

 

Den Hochaltar, so aus der Übergangsperiode des gotischen in den Rokoko-Stil stammt und ein wahres Meisterwerk ist, hat der überaus lobwürdige Herzog Albrecht der Großmütige errichten lassen, wie eine Schrift auf ihm bezeugt. „Dem allmächtigen Gott zum ewigen Lob, der hochgelobten Himmelskönigin Maria zu Ehr und Zier der herrlichen Kirchen ist diese Chortafl auf Bevelch und Verlangen des Durchlauchtigsten, Hochgebornen Fürsten und Herrn Albrechts, Pfalzgraffen bei Rbain, Herzog in oder un nieder Baiern dahier verordnet und gemacht worden. Gott welle seine Fürstlichen Gnaden und der ganzen fürstlichen frömmen Catholischen Herrschaft den ewigen lohn geben. Amen. 1752.“ – Selbiger Hochaltar stellt in Bildern das Leben und Leiden Jesu Christi, nicht minder der Gottesmutter Mariä dar; auch sind darauf zu sehen die Propheten und Kirchenväter; die Rückwand nimmt die Besiegung des Heidentums durch das Christentum ein, vorgebildet durch St. Catharina, wie sie die Weltweisen durch ihre göttliche Wissenschaft überwindet. Ist ein Flügelaltar und man kann ihn dreimal verschieden auseinander tun. Das Hauptbild ist Maria, sitzend auf Wolken, mit blauem weit ausgebreiteten Mantel und das auf ihrem Schoß ruhende Jesuskind haltend. In den Wolken ist ein gar feines goldlockiges Mägdlein zu sehen, so die Prinzessin Maximiliana darstellt, Herzogs Albrecht früh gestorbene Tochter. Zur Linken knieen ebenfalls in ihrer Kindheit verstorbenen Prinzen Carl und Friedrich, nicht anders, denn wie holde Engelein anzuschauen. Zuvorderst in betender Stellung und ganz heharnischt Herzog Albrecht im kräftigsten Mannesalter, vierundvierzigjährig, so ein gar froh-frummes Antlitz maches; neben ihm Prinz Wilhelm, damals vierundzwanzig Jahre alt, mit einem Gebetbuch in Handen, zweifelsohne seinen Beinamen: der „Fromme“ anzuzeigen. Vor dem Herzog zwei kleine Prinzen, Ferdinand, damals zwölf, und Ernst, der nachmalige Kurfürst von Köln, achtzehn Jahre alt; diesen gegenüber kniet betend die Frau Herzogin Alma, des Kaisers Ferdinand I. zweite Tochter, eine schöne Frau; sie war damals 26 Jahre vermählt. Ihr zur Seite kniet die 21jährige Prinzessin Maria, spätere Erzherzogin von Österreich, ein gar anmutiges Fräulein. Über all das halfen noch mehr zu diesem Hochaltar, wie es auf einer Tafel heißt: „Dieses ansechlich werkh ist auf Fürstlichen bewelch durch der nachbenannten Herrn Symon Egkhen, der Rechte Doktor, Cantzlers; Konraten Zellers zu Lauberstorf Kammermeisters, und anderer Fürstlicher Räthe; auch der Hochlöblichen Universitet und dann Burgermeister und Rathe der Stadt Ingolstat hilff und befürderung Erstlich vom Maister HannsenWiesreuter, Kistlern, und hienach durch Maister Hannsen Mielich, Maaler, beede Bürger zu München, ververtigt und vollendet worden. Gott sei Lob und dankh gesagt!“ Aus dem geht hervor, wie dass Herzog Albrecht dem berühmten Maler Hanns Mielich auch zu ünchen, so zwanzig Jahre früher das Feldlager der schmalkaldischen Bundesarmee vor Ingolstadt dargestellt hatte, den Hochaltar zu malen übertrug. Ihn unterstützte Christoph Schwarz, Hofmaler zu München, 1560 zu Ingolstadt gebürtig und der letzte glänzende Meister der oberdeutschen Meisterschule, so die Bilder des Leidens Christi und der Propheten verfertigt haben soll.

 

Woher das Glasgemälde hinter dem Hochaltar stamme, erweist die Inschrift: „Von Gottes Gnaden Wilhelm und Ludwig Gebrüder Pfalzgraven bei Rain Herzogen von obern und nieder Bayern der Zeit regierend 1511. Anno dmi 1527.“

 

Die Chorstühle sowie die Kanzel sind von der ehemaligen Artisten oder nachmaligen philosophischen Fakultät gemacht worden.

 

Die großen Wandgemälde der zwölf Apostel, nicht minder das Altarblatt des heiligen Franziskus Xaveri sind von Ritter Carl Moratt, lauter Meisterstücke. Das große Gemälde: Christus mit dem Kreuz auf dem Calvariberg ziehend, ist von Eymart, einem Regensburger.

 

Der Oelturm hat seinen Namen vom Oelberg, der ehemals nahe bei selbem sich befunden und heißt eigentlich der „Oelbergturm“. Die Statuen dieses Oelberges, ein Alterthum aus dem 13. Jahrhundert und mehr als mittelmäßig gut bearbeitet, sind abhanden gekommen.

 

Es befindet sich ingleichen ein Marienbild allda, so man die „Muttergottes im Glas“ genennt, wovon Ingolstadt schon manche Gutthaten erfahren; sonderbar Anno 1704 in dem bayrischen Krieg, da die Stadt sollte belagert worden sein, hat man der Muttergottes zu Ehren unter besagtem Titel, als einer „Beschützerin und Erlöserin der Stadt“, einen Altar aufgerichtet, der alle Montag und Freitag privilegiert ist. Selbiges, gar anmuthiges Marienbildniß ist von Stein und nun schön gefasset auf einem neuen gothischen Altar aufgestellt.

 

Aus uralten Zeiten war noch ein Sakramentshäuschen vorhanden, so aber durch die Unbill der Zeit ganz und gar ruinenhaft geworden. Durch der Bewohner milde Gaben aber erstand es zu neuer Pracht und schmückt nunmehr auf eine ganz fürtreffliche Art das herrliche Gotteshaus.

 

Inmitten der Presbyterii, durch einen rothen Stein angezeigt, befindet sich die Gruft. Herzog Ludwig im Bart bestimmte diesen Tempel zu seiner und der Seinigen Grabstätte, und verordnete in dieser Absicht, laut einer Urkunde von Erchtag nach St. Ulrichstag 1429: dass nicht nur er selbst nach seinem Tod dorthin begraben werde, sondern „wir meynen auch, dass wir unseren lieben Herrn und Vater Herzog Stefan seel. Gedächtniß, der zu Niederschönefeld liegt, auch dahin zu uns führen und begraben wöllen lassen, das ist gänzlich unsre Meynung. Auch unsre liebe Gemahlin, Fraw Anna Bourbon, des benannten unsers lieben Suns Herzog Ludwigs Mutter und unser zween Sun soll man auch heraus von Frankreich führen, und daselbs zu unser liebe Fraven zu Ingolstadt begraben werde.“ Er selbst ward aber nicht hier begraben, sondern zu Raitenhalsbach. Sein Grabstein aber kam an das Feldkirchen-Thor, wo er noch zu sehen ist, ein gewappneter Mann mit einem Panner in der Hand vor der allerheiligsten Dreifaltigkeit knieend, wie ihn Ludwig für sein Grabmal bestimmt hatte.

 

Die Gruft enthält aber laut einer Tafel, so in der Frauenkapelle hängt und auf lateinisch geschrieben ist: Erstens – die Gebeine des bayrischen Herzogs Stephan III., + 1413. Zweitens – die Gebeine des Herzogs Ludwig des Höckers, Sohnes Herzog Ludwig des Bärtigen, + 1445. Drittens – die Eingeweide des Herzogs Georg des Reichen, + 1503. Viertens – das Herz der Anna von Bourbon, Gemahlin des Herzogs Ludwig, des Gebarteten, + zu Paris 1409. Auf Befehl des Königs von Bayern Max II. dem Andenken aufbewahrt. Im Jahre 1851.

 

In der St. Annen-Kapelle ist auf einem marmornen Piedestal ein metallener Engel zu sehen und hat eine Inschrift die zu Deutsch heißt: „Diese Metallplatte deckt die Eingeweide des am 27. September 1651 fromm verblichenen Max I., Herzogs zu Ober- und Niederbayern, des heiligen Römischen Reichs Erz-Truchseß und Kurfürsten, Pfalzgrafen bei Rhein, Landgrafen zu Leuchtenberg, welche im Hause der Himmelskönigin aufbewahrt werden sollten, wo der Sitz der Erbarmung ist. Derselbe hat im Rechte seiner Ahnen durch seine Verdienste und nach dem gerechten Lauf der Dinge das Kurfürstenthum an sein Haus zurückgebracht.“

 

Bereits im Jahre 1847 kamen große Bauschäden der Frauenkirche zum Vorschein. Nicht geringe Risse an den Spitzbogen-Wölbungen, nicht minder herabgefallene Rippen und Mauertrümmer geben davon laute Kunde, aus Ursach der öfteren Beschießungen der Stadt und der Sprengung der Minen bei der Festungs-Niederwerfung. Es musste von Grund aus geholfen werden, was auch geschah durch die Bemühungen des überaus würdigen und für seine Kirche hochbegeisterten Pfarrherrn Georg Angermaier, so es innerhalb drei Jahren dahin brachte, durch Beihilfe von Staats- und Stiftungsmitteln, diesen Marien-Dom in einer Weise zu erneuern, dass er in Wahrheit ein Muster und Exemplar erhabener und Styl-gemäßer Restauration genannt werden kann. Möge es ihm Gott und Unsre Liebe schöne Frau vergelten!