Die Marien-Linden-Kirche bei Windeck

 

Zwischen Bühl und Ottersweier, nicht weit vom Hubbade und der Burg Alt-Windeck, liegt eine freundliche Wallfahrtskirche, „zur Linden“ oder „Marien-Linden-Kirche“ genannt. Diesen Namen hat sie von einer uralten Linde, die wenige Schritte von ihr entfernt steht. Gegenwärtig sind es sieben Linden. In uralten Zeiten soll das Marienbild, das nunmehr auf dem Hauptaltar der Kirche aufgestellt ist, in einer Blende des alten Lindenbaumes gestanden haben. Als nun in einer Zeit des Krieges ruchloses Gesindel die Gegend überschwemmte, das die Kirchen neben ihren Gerätschaften und Bildern zerstörte, da wuchs die Rinde über die Blende des Madonnenbildes, so dass es dicht in den Baumstamm eingeschlossen und jedem Auge verborgen blieb, bis Friede und Ordnung im Land wieder hergestellt war.

 

Ein Hirtenmädchen, das in der Nähe der Linde seine Herde hütete, vernahm eines Abends einen lieblichen Gesang, der aus dem Baum zu klingen schien. Dies wiederholte sich am zweiten und dritten Tag darauf. Und nun erzählte es von diesem wundersamen Ereignis seinem Vater. Der meinte, so etwas könne nur ein Blendwerk sein, das von einem bösen Geist herrühre und machte sich mit seiner Holzaxt auf, um die Linde zu fällen. Als er aber kaum die Linde berührte, fiel der Teil des Baumes, der die Blende überwachsen hatte, herunter und das Muttergottesbild lächelte ihm aus dem Baum entgegen. Die Wundermähr verbreitete sich bald in der ganzen Umgegend und alles Volk strömte herbei, das Wunder zu sehen und seine Andacht dem Bild darzubringen. Die Ritter von Windeck erbauten auf diesen Anlass hin neben der Linde eine Kapelle, in der das Marienbild ausgestellt wurde.

 

Schon im Jahr 1270 war Maria zur Linden eine vielbesuchte Wallfahrt, wie es aus einer Urkunde vom besagten Jahr zu ersehen ist, die als Unterschrift die Namen des Grafen Otto von Eberstein, sowie des Ritters Reinbold von Windeck trägt.

 

Im Jahr 1484 wurde die jetzige Kirche zu den Linden mit der Erlaubnis Alberts, Pfalzgrafen bei Rhein, Herzogs von Bayern und Bischofs zu Straßburg, dessen Wappen man im Chor erblickt, von verschiedenen Guttätern in schönem gotischen Stil erbaut. Im Chor befinden sich vierzehn alte in Holz geschnittene Heiligenbilder, teils vergoldet, teils versilbert. Sie sind aus der besten Zeit der altdeutschen Bildschnitzerei, und standen vielleicht noch in der alten Kapelle. An den drei Knäufen an der Wölbung des Chors befinden sich mehrere Wappen und namentlich über dem Hochaltar das badische Wappen in reicher Vergoldung. Mitten auf dem Hochaltar steht das uralte „Marianische Gnadenbild“, das ehedessen in der Linde gefunden worden war. Die Zwischenräume in den Bogen des Chores sind mit Darstellungen aus der biblischen Geschichte ausgefüllt. Das Deckengemälde enthält in der Mitte den englischen Gruß, auf der einen Seite die Geburt Christi und die Anbetung der Heiligen Drei Könige, und auf der anderen Seite die Himmelfahrt Marias. Über der Kirche erhebt sich ein schönes altes Türmchen mit Glocken. Die Kirche selbst ist mit einer starken alten Mauer umgeben.

 

Schirmherren dieser Kirche und dieses Wallfahrtsortes waren zu verschiedenen Zeiten die Herren von Windeck, dann auch Glieder aus dem markgräflich badischen Haus. Später wurde die Kirche von Priestern der Hochstifte Trier, Speyer und Konstanz besorgt, bis sie Markgraf Wilhelm von Baden den Jesuiten überließ.

 

Der Ruf der Wallfahrt „Maria-Linden“ drang bis in das kaiserliche Hoflager zu Wien, und Kaiser Ferdinand III. übergab im Jahr 1650 – durch seine markgräfliche Braut – der Kirche große Geschenke.

 

In verschiedenen Zeiten begaben sich große Prozessionen in diese Wallfahrtskirche, so z.B. im Jahr 1640 von Baden aus, die Markgraf Wilhelm selbst begleitete. Von den frommen Gesängen dieser Prozessionen sind noch verschiedene aufbewahrt. Als Nachweis ihres schönen Inhalts stehe nur ein Lied an Maria hier. Es lautet:

 

Jedem Alter, allen Ständen

Woll`st du deinen Schutz zuwenden,

Volk zugleich und Priestern gib,

Proben deiner Mutterlieb!

 

Lass die Hirten, lass die Herde,

Staat sowohl, als Kirch` auf Erde,

Jung und Alt, Groß und Klein,

Deiner Sorg` empfohlen sein!

 

Lass uns deine Hilf` erfahren,

So in Leibs- als Seelgefahren,

Wider aller Feinde Stürmen

Mögest du uns schützen, schirmen!

 

Halt` das Volk in Tugendschranken,

Lass es nie im Glauben wanken,

Und die ganze Christenheit

Stärk` in Fried` und Einigkeit!

 

Segne unser Vaterland,

Segne Eltern mit den Kindern,

Segn` uns all` mit deiner Hand,

Felder, Reben, Matten segne,

Vieh, Haus, Hof, wie Leib und Seele,

Dass kein Unglück uns begegne,

Deinem Sohn uns anempfehle!

 

Nahe bei dieser Wallfahrtskirche, zwischen zwei alten Lindenbäumen, in einem kleineren Heiligenhaus von Stein ist noch ein großes Muttergottesbild aufgestellt. Es ist dies ebenfalls eine alte anmutige Skulptur. Vom Haupt Marias, das eine Krone trägt, wallt reichliches Haar herab. Oben steht die Überschrift, wohl aus der neueren Zeit stammend: „Trösterin der Betrübten! Heil der Kranken!“ Das genannte Bild wurde im Jahr 1642 in einer Kirche zu Eckenstein von einem Jesuiten unter einem Dachstuhl aufgefunden, und in Anwesenheit vieler Wallfahrer auf den Stock eines alten Lindenbaumes unweit der Kapelle, wo das ältere Marienbild gestanden hatte, aufgestellt. Ein Mann von Unter-Kappel ließ das Bild neu vergolden und in dem dazu erbauten Heiligenhaus aufstellen.

 

Auch einige Sagen knüpfen sich an dieses Bild.

 

Einmal wollte ein loser Geselle dem Bild die Schnur Granaten nehmen, die es um den Hals trägt. Er bekam aber von unsichtbarer Hand einen so derben Schlag ins Gesicht, dass ihm alle Lust zum Stehlen verging.

 

Ein anderes Mal wanderten auf der Landstraße, an der das Bild steht, zwei Neufranken. Als sie das Bild erblickten, schlug der eine sein Gewehr darauf an, und rief seinem Kameraden zu: „Wart`, ich will der Jungfrau Maria eine Kugel geben!“ Aber siehe da. Das Gewehr ging nicht los, und er erstarrte in so schrecklicher Weise, dass er regungslos in der Stellung verblieb, in der er das Bild verhöhnt hatte. Da flehte sein Kamerad die heilige Mutter Gottes um Hilfe für ihn an, und erlangte dadurch auch, dass sein Gefährte sich wieder bewegen konnte. Seitdem hat er niemals mehr gewagt, die glorreiche Himmelskönigin zu verunglimpfen.

 

http://maria-linden.de/

 

(Aus: Alemannische Lieder und Sagen von Aloys Schreiber, 1817)