Das Gnadenkirchlein der schmerzhaften Muttergottes zum guten Wasser in Oberplan

 

(Nach: Studien von Adalbert Stifter, 1864)

 

Wenn man die Karte des Herzogtums Krumau ansieht, das im südlichen Böhmen liegt, so findet man viele dunkle Stellen darin angezeigt, die die großen Wälder zwischen Böhmen und Bayern bedeuten.

 

In diesen Waldungen ist auch da, wo sie sich gegen das österreichische Land hinziehen, ein helles lichtes Tal geöffnet. Das Tal ist sanft und breit, es ist von Osten gegen Westen in das Waldland hineingeschnitten, und ist fast ganz von Bäumen entblößt, weil man, da man die Wälder ausrottete, viel von dem Überfluss der Bäume zu leiden hatte. In der Mitte des Tales erblickt man den Marktflecken Oberplan, der seine Wiesen und Felder um sich hat, in nicht großer Ferne auf die Wasser der Moldau sieht, und in größerer Ferne auf mehrere herumgestreute Dörfer. Das Tal ist selbst wieder nicht eben, sondern besteht aus kleineren und größeren Erhöhungen. Die bedeutendste ist der „Kreuzberg“, der sich gleich hinter Oberplan erhebt, frei von Waldumsäumung. Er trägt diesen Namen von dem blutroten Kreuz, das von seinem Gipfel winkt. Von ihm aus überschaut man das ganze Tal.

 

Aber nicht nur wegen seiner Aussicht kommt der Kreuzberg in Betracht, sondern es sind auch noch verschiedene Dinge auf ihm, die ihn den Oberplanern bedeutsam und merkwürdig waren.

 

An einer Stelle ragen Felsen hervor, auf die man einerseits eben von dem Rasen hinzu gehen kann, und die andererseits tief und steil abfallen, fast viereckige Säulen bilden und am Fuß viele kleine Steine haben. Man nennt sie „Säulen der Milchbäuerin“ weil eine solche (wie die Volkssage wissen will) hier ehedessen von einem bösen Geist in Stein verwunschen worden sein soll. Die Säulen der Milchbäuerin sind durch kleine aber deutlich unterscheidbare Spalten geschieden. Einige sind höher, andere niedriger. Sie sind alle von oben so glatt und eben abgeschnitten, dass man auf den niederen sitzen und sich an die höheren anlehnen kann. In der sonnigen Tiefe unter der Milchbäuerin sind die Pflanzbeete der Oberplaner, das ist, aufgelockerte Erdstellen, in denen sie im ersten Frühling die Pflänzchen des Weißkohls ziehen, um sie später auf die gehörigen Äcker zu verpflanzen.

 

Nahe an der Milchbäuerin stehen zwei Häuschen auf dem Rasen. Sie sind rund, schneeweiß und haben zwei runde spitzige Schindeldächer. Sie haben keine Fenster und Simse, sondern nur eine kleine Tür. Wenn man bei dieser Tür hineinschaut, so sieht man keinen Fußboden, sondern unten, durch den Kreis der Ummauerung eingefangen, ein ruhiges klares Wasser, das den Sand und den Kies seines Grundes herauf schimmern lässt, wie durch ein feines geschliffenes Glas. Auf jedem dieser zwei Wasserspiegel schimmert ein kleiner hölzerner Kübel, der einen langen Stiel hat, der bei der Tür herausragt, dass man ihn fassen und sich Wasser herauf schöpfen kann. Zwischen des zwei Häuschen steht eine sehr alte und sehr große Linde. Ihr Stamm ist so mächtig, dass eine kleine Wohnung darin Platz hätte, und ihre mannsdicken Äste gehen weit über die zwei spitzigen Schindeldächer hinaus.

 

Wieder nicht weit von dem Häuschen, so dass man etwa mit zwei Steinwürfen hinreichen könnte, steht ein Kirchlein. Es ist das „Gnadenkirchlein der schmerzhaften Muttergottes vom guten Wasser“, weil ein Bildnis der heiligen Jungfrau mit den Schwertern des Schmerzes im Herzen auf dem Hochaltar steht. Zwischen dem Marktflecken Oberplan und dem Kirchlein ist ein Weg, mit jungen Bäumen an den Seiten, so wie von dem Kirchlein zu dem Brunnenhäuschen ein breiter Sandweg führt, den uralte Linden beschatten.

 

Von Oberplan bis zu dem Kirchlein ist der Berg mit feinem dichten Rasen bedeckt, der wie geschoren aussieht, und an manchen Stellen den Granit und den steinigen Gries des Grundes hervorschauen lässt. Von dem Kirchlein bis zu dem Gipfel – und von da nach Ost, Nord und West hinunter stehen dichte, knorrige aber einzelne Wacholderstauden, zwischen denen wieder der genannte Rasen grünt, aber auch manches größere und gewaltigere Stück des verwitternden Granitsteines hervorragt.

 

Von der Entstehung des Kirchleins und der Brunnenhäuschen gibt eine alte Erzählung folgende Aufklärung:

 

In dem Haus zu Oberplan, auf dem es „zum Sommer“ heißt, und das schon zu denjenigen gehört, die sehr nahe an dem Berge sind, so dass Schoppen und Scheune schon manchmal in ihn hinein gehen, träumte einem Blinden drei Nächte hintereinander, dass er auf den Berg gehen und dort graben solle. Es träumte ihm, dass er dreieckige Steine finden würde: dort solle er graben, es würde Wasser kommen, mit dem solle er sich waschen, und er würde sehen. – Am Morgen nach der dritten Nacht nahm er eine Haue, ohne dass er jemandem etwas sagte, und ging auf den Berg. Er fand, indem er mit den Händen nach dem Boden sorgsam prüfend tappte, die dreieckigen Steine und grub. Als er eine Weile gegraben hatte, hörte er es rauschen, wie wenn Wasser käme, und da er genauer hinhorchte, vernahm er das feine Geriesel. Er legte also die Haue weg, tauchte die Hand in das Wasser, und fuhr sich damit im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit drei Mal über die Stirn und die Augen. Als er die Hand weggetan hatte, sah er. Er sah nicht nur seinen Arm und die daliegende Haue, sondern er sah auch die ganze Gegend, auf die die Sonne recht schön hernieder schien, und den grünen Rasen und die grauen Wachholderbüsche. Aber auch etwas anderes sah er, worüber er in fürchterlichen Schrecken geriet. Dicht vor ihm – mitten in dem Wasser – saß ein Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes. Das Bildnis hatte einen lichten Schein um das Haupt, es hatte den toten gekreuzigten Sohn auf dem Schoß und sieben Schwerter im Herzen. Er trat auf dem Rasen zurück, fiel auf seine Knie und betete zu Gott und pries die schmerzensreiche Jungfrau, die Königin der Martyrer. Als er eine Weile in Andacht versunken gewesen war, stand er auf, und rührte das Bild an. Er nahm es aus dem Wasser und setzte es neben dem größten der dreieckigen Steine auf den Rasen in die Sonne. Dann betete er noch einmal, blieb lange auf dem Berg, ging endlich nach Hause, breitete die Sache unter den Leuten aus, und blieb sehend bis zum Ende seines Lebens. Noch an demselben Tag gingen mehrere Menschen auf den Berg, um vor dem Bild der schmerzhaften Mutter ihre Andacht zu verrichten, später kamen noch andere. Und da noch mehrere Wunder geschahen, besonders an armen und gebrechlichen Leuten, so baute man ein Dächelchen über das Bild, dass es nicht vom Wetter und der Sonne zu leiden hätte.

 

Man weiß nicht, wann sich das begeben hat, aber es muss in sehr alten Zeiten geschehen sein. Ebenso weiß man nicht, was später mit dem Bild geschehen sei, und aus welcher Ursache es einmal im Lauf der Zeiten nach dem Marktflecken Untermoldau geliehen worden: aber das ist gewiss, dass der Hagelschlag sieben Jahre hintereinander die Felder von Oberplan verwüstete. Da kam das Volk auf den Gedanken, dass man das Bild wieder holen müsse, und ein Mann aus dem Christelhause, das auf der „kurzen Zeile“ steht, trug es auf seinem Rücken aus Untermoldau nach Oberplan. Der Hagelschlag hörte auf und man baute für das Bild eine sehr schöne Kapelle aus Holz und strich sie mit roter Farbe an. Man baute die Kapelle hinter das Wasser des Blinden, und pflanzte hinter ihr eine Linde. Auch fing man einen breiten Pflasterweg mit Linden, vor der Kapelle bis nach Oberplan hinab, zu bauen an. Allein der Weg ist in späteren Zeiten nicht fertig geworden.

 

Nach vielen Jahren war einmal ein sehr frommer Pfarrer in Oberplan. Und da sich die Kreuzfahrten zu dem Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes stets mehrten, ja sogar andächtige Scharen über den finstern Wald aus Bayern herüber kamen, so machte er den Vorschlag, dass man ein Kirchlein bauen solle. Das Kirchlein wurde auf einem etwas höheren und tauglicheren Ort erbaut und man brachte das Gnadenbild in einer frommen Pilgerfahrt in dasselbe hinüber, nachdem man es vorher zierlichst ausgeschmückt hatte. Die rote Kapelle wurde weggeräumt, und über dem Wasser des Blinden, das sich seither in zwei Quellen gespalten hat, wurden die zwei Brunnenhäuschen errichtet. Dadurch geschah es, dass die Linde, die hinter der Kapelle gestanden war, nun zwischen den Brunnenhäuschen ihr ehrwürdiges Geäst ausbreitet.

 

Das Kirchlein ist das nämliche, das noch heutzutage steht. Das Türmchen mit den hellklingenden Glocken hat die Richtung gegen Sonnenaufgang, die Mauern sind weiß, nur dass sie an den Simsen und Fenstern hochgelbe Streifen haben; die langen Fenster schauen alle gegen Mittag, dass eine freundliche Helle ist, und an schönen Tagen sich der Sonnenschein über die Kirchenstühle legt. Das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes befindet sich auf dem Hochaltar, so dass, wenn am Morgen die Sonne aufgeht, ein lichter Schein um sein Haupt glänzt, wie einstens in dem Wasser, da es sich dem Blinden entdeckte. Manche Menschen haben Kostbarkeiten und andere Dinge in das Kirchlein gespendet. Jetzt wird immer, wenn nicht gar ungünstiges Wetter ist, die zweite heilige Messe oben gelesen, und stets finden sich Andächtige ein, die ihr anwohnen. Selbst in der heißen Erntezeit, wo alles auf den Feldern Beschäftigung hat, knien oder sitzen wenigstens einige Mütterlein da und verrichten vor dem wundertätigen Bild den schmerzhaften Rosenkranz. Die Bewohner der Gegend verehren das Kirchlein sehr, und mancher, wenn er in den fernen Wäldern geht und durch einen ungefähren Durchschlag derselben das weiße Gebäude auf dem Berg sieht, macht ein Kreuz und tut ein kurzes Ave-Gebet.

 

Die Oberplaner wallen sehr gerne auf den Berg, besonders an Sonntag-Nachmittagen, wenn es Sommer und schön ist. Sie besuchen das Kirchlein, halten daselbst ihre Gebets-Rast, und gehen dann außen unter den Wacholderstauden herum, gehen zu dem roten Kreuz und zu den zwei Brunnenhäuschen. Da kosten sie von dem Wasser, und waschen sich ein wenig die Stirn und die Augenlider.

 

Viele, viele Presshafte, die, vom schwersten Weh gebeugt, zu diesem Kirchlein auf die Höhe hingewankt, steigen getröstet ins Tal hernieder, weil sie sich süß erquickt haben an dem Anblick des Gnadenbildes, der schmerzhaften Muttergottes!