Die Kapelle Liebfrauenbronn bei Werbach

 

Auf dem Berg zwischen den Ortschaften Werbach und Werbachhausen befand sich vor Zeiten eine Quelle, deren klares, wohlschmeckendes Wasser unter den Landsleuten weithin berühmt war. Oft kamen sie aus ziemlicher Entfernung während ihrer Feldarbeit dahin, um sich zu laben. Besonders oft geschah dies aber im Sommer, wo das herrliche, frische Wasser mehr als sonst erwünscht war.

 

Der Acker, auf dem die Quelle sprudelte, konnte jedoch aus leicht begreiflichen Gründen nicht den Ertrag gewähren, wie das andere Feld in der Gegend. Der Boden des Ackers, wenn gleich gut und fruchtbar, wurde durch die vielen Besucher festgetreten, so dass der ausgestreute Samen nicht aufgehen konnte. Stand endlich einmal etwas Frucht auf ihm, so sah man sie zumeist beschädigt. Häufig floss auch die starke Quelle, besonders zur Frühjahrszeit, über und riss Wasserfurchen in das Gelände. Deshalb besaß dieser Acker, ein sehr ansehnliches Grundstück, doch im ganzen genommen nicht den Wert, den er unter anderen Umständen sicherlich gehabt hätte. Er ging von Besitzer auf Besitzer gewöhnlich um ein Spottgeld über. Keinem aber, dem jemals dieser Acker zu eigen gehörte, fiel es ein, den Leuten den Zutritt zur Quelle zu verwehren, denn der Besuch der Quelle und der Gebrauch ihres köstlichen Wassers war im Laufe der Zeit gewissermaßen eine öffentliche Berechtigung geworden. Auch erwies sich der Sinn der jeweiligen Besitzer als gottesfürchtig genug, um eine Sünde gegen die Nächstenliebe darin zu sehen, wenn man Dürstenden die Benutzung des Brunnens verwehrt hätte.

 

Einst – es mögen so gegen zweihundert Jahre her sein – kam der Acker mit der Quelle in den Besitz eines reichen Mannes von Werbach, namens Martin Stürmer, gewöhnlich der „reiche Stürmersmärtel“, hinter seinen Rücken aber gar oft der „Geizmärtel“ genannt. Er, der seinen Beinamen nicht umsonst führte, denn Reichtum und Geiz sind oft zwei Geschwister, bemerkte mit großem Missfallen, dass ihm der Acker wenig ertrug und dass dies einzig und allein daher rühre, weil durch den Besuch der Durstigen sein neuerworbenes Besitztum nicht gehörig angebaut werden konnte. Auf alle mögliche Weise suchte er daher von seinem Gut die Leute abzuhalten. Er zog einen Dornhag um die Quelle, verstopfte mit Steinen ihre Mündung, grub Abzugslöcher und tat alles, was man nur anwenden kann, um dem Wasser eine andere Bahn unter die Erde anzuweisen – aber umsonst. Die herrliche Quelle sprudelte stark wie zuvor und ließ sich nicht vertreiben. Martin Stürmer war dadurch aufs Äußerste gereizt. Kam, während er auf seinem Acker zu diesem Zweck arbeitete, einer der Nachbarn, um Wasser zu schöpfen, so wurde er mit Schimpf- und Drohworten zurückgestoßen. Bei jeder Gelegenheit sprach er sich mit heftigstem Unmut darüber aus: er werde gewiss noch den Leuten das Laufen auf seinen Acker vertreiben. Und wirklich gelang es ihm. Als alle Mittel, die ihm zunächst zu Gebote standen, nicht helfen wollten, ging er in die Stadt und kaufte, wenn gleich sein Geiz scheele Augen zu der Geldausgabe machte, einige Pfund Quecksilber, das er in die Quelle warf. Diesem starken Feind unterlag der volle Strudel. Das Quecksilber verstopfte die feinen Felsritzen, aus denen die Flut quoll, und der Geizhals sah seinen Plan gelungen. Freudigst bestellte er nun sein Feld, säte es ein, und lachte unbegrenzt schadenfroh, wenn einer der entfernteren Nachbarn, unbekannt noch mit der Vertreibung des Labequells, herbeieilte, um Wasser zu holen. Und bald verbreitete sich nun in Werbach und Werbachhausen die Sage: „der Stürmersmärtel hat die Quelle auf seinem Acker vertrieben; aber wills Gott, so wird er wenig Segen davon erlangen, dass er so vielen Menschen ihre Erfrischung und Erquickung in den heißen Tagen der Sommerzeit entrissen hat!“

 

Die Verwünschungen, die bei dieser Gelegenheit auf den Geizigen herabregneten, schienen vom Himmel nicht unbeachtet zu bleiben. Martin Stürmer hatte von dieser Zeit an viel Unglück.

 

Das erste Unglück, das ihn traf, war der gänzliche Verlust der Ernte auf dem neubestellten Acker. Ein fürchterliches Gewitter, das über der Gegend kurz vor dem Schneiden aufzog, schleuderte eine solche Hagelmasse herab, dass in wenigen Augenblicken die Ernte-Hoffnungen des reichen Mannes völlig vernichtet wurden. Kein Halm und keine Ähre war ganz geblieben. Die Felder der Nachbarn hatten zwar auch Schaden gelitten, aber bei Weitem doch nicht in dem Maße als Martin Stürmers Gut. Das musste jedermann auffallen und es blieb nicht ohne geheime Hindeutungen auf Martins früheres Treiben und seinen von den Ortsnachbarn oft gerügten Geiz.

 

Die Welz im Tal war durch eben dieses Gewitter sehr angeschwellt worden und hatte längere Zeit hindurch Hochwasser. Martin Stürmers einziges Kind, ein schöner Knabe von etwa zwölf Jahren, spielte einige Tage nachher unfern der Pelzmühle an den rauschenden, schnellen Wellen. Da ergriff ihn plötzlich die wilde Flut und der liebliche Knabe war unrettbar verloren. Man fand seinen Leichnam erst einige Wochen danach um Rechen der nächsten Mühle hängen. Dieses Unglück erschütterte das Herz der Mutter des Kindes so sehr, dass sie plötzlich erkrankte und in kurzer Zeit ihrem Liebling in die Ewigkeit nachfolgte.

 

Beide Verluste beugten den reichen Mann sehr, vermochten aber doch nicht, ihn dahin zu bringen, dass er seine Gedanken auf sein Gewissen richtete. Er fuhr vielmehr fort, Reichtum auf Reichtum zu häufen, und ließ sich zu diesem Zweck nicht leicht ein Mittel gereuen, wenn es nur halbwege nicht zu gerichtlichen Erörterungen führte. Da seine große Feldwirtschaft ihm eine tätige Lebensgenossin als sehr wünschenswert erscheinen ließ, so verlobte er sich ein Jahr nach dem Hinscheiden seiner Hausfrau mit einem Mädchen aus Werbach, das ein sehr schönes Vermögen besaß. Dadurch gedachte er die Verluste des vorhergegangenen Jahres in jeder Beziehung auszugleichen. Die Hochzeit wurde gegen Ende der Heuernte festgesetzt und der reiche Bräutigam schwelgte schon im Geiste im Vollgenuss seines Glücks. Aber es heißt nicht umsonst: „Der Mensch denkt, Gott lenkt!“ Gleich Martin glaubte mancher schon, die Früchte seiner Sehnsucht pflücken zu können, aber wenn es im Rat der Vorsehung anders beschlossen ist, so wird alles Dichten und Trachten des menschlichen Herzens zunichte. Die Hand, die bereits nach dem nahen Ziel ausgestreckt war, muss matt und trostlos sinken, der Becher der Lust, den schon die Lippen zu berühren wähnten, ist auf immer dem durstenden Mund entzogen.

 

Da Martin während der Heuernte außerordentlich viel zu tun hatte, so half die Braut, da man nur noch wenige Tage bis zum Hochzeitsfest zählte, ihrem Bräutigam bei den dahin einschlagenden Geschäften, kochte für das Gesinde und die zahlreichen Taglöhner und arbeitete am Nachmittag auf den Wiesen mit. Der reiche Martin zeigte sich dabei überaus heiter. Er scherzte auch fortwährend aufs Freundlichste mit seiner Braut, der emsigen Mähderin. Da wollte diese, eben als sie eine Bürde Gras aufhob, dem nach ihr haschenden Martin ausweichen, glitt aber auf dem feuchten Wiesenboden aus und fiel in die neben liegende Sense. Eine tiefe Wunde am linken Arm, die das Blut unaufhörlich herausströmen ließ, war die Folge dieses Falls. Voll Todesangst bei diesem Anblick sandte Martin seine Leute nach Hilfe aus, verband mit einem Tuch die schwere Wunde, um das Blut zu stillen, jedoch alles vergeblich. Da mehrere Hauptadern sich durchschnitten fanden, war eine tödliche Verblutung nicht zu hemmen. Ehe noch seine Leute zurückkamen, lag Martins Braut als Leiche am Boden.

 

Dieses neue entsetzliche Unglück, das Martin Stürmer traf, bewirkte, dass die verschiedensten Urteile unter den Ortsnachbarn über ihn laut wurden. Einige fühlten Mitleid mit ihm, andere aber sagten: „diese Ereignisse seien Gottes Strafgericht wegen seiner Herzenshärte und seines Geizes!“ und bedauerten nur die unglückliche Braut, die auf so traurige Weise ihr junges Leben hatte enden müssen. Im Ganzen gestalteten sich diese fortwährenden schweren Unglücksfälle zu der Folge für den reichen Märtel, dass er von allen gemieden wurde. Niemand wollte gern etwas mit ihm zu schaffen haben. Man scheute ihn öffentlich, und er konnte deshalb gar oft nicht einmal die nötige Anzahl Dienstboten und Taglöhner für seine weitläufige Feldwirtschaft erhalten.

 

Aber noch hörten Gottes strenge Heimsuchungen nicht auf. Der Verlust seiner nächsten Lieben war es bisher, wodurch er in so verschiedene schmerzliche Verhältnisse geriet. Plötzlich aber erfasste das Unglück, das ihn beständig verfolgte, seine eigene Person. Eine schwere, qualvolle Krankheit warf ihn aufs Siechbett, an das er Jahre lang gefesselt blieb. Die geschicktesten Ärzte der benachbarten Städte erschöpften vergebens ihre Kunst an dem Kranken. Kein Mittel brachte Gedeihen. Als er endlich bis ins fünfte Jahr, von unsagbaren Peinen gefoltert, auf dem Schmerzenslager gestöhnt hatte, da schien es, als ob der Tod sich seiner als Beute bemächtigen wollte. Seine Entkräftigung nahm so überhand, dass eine baldige Auflösung als unabwendbar schien. Martin selbst glaubte dies und fing jetzt an, seine Gedanken auf sein Inneres zu richten und des Gerichts jenseits eingedenk zu sein, vor dem er nun bald werde erscheinen müssen. Er ließ, im Geist bußfertig unter dem heiligen Kreuz unseres göttlichen Erlösers kniend, die Bilder seiner Tage vor dem Auge seiner Erinnerung vorüberziehen und hielt in einer ernsthaften Gewissenserforschung die aufrichtigste Seelenschau. Wie viel hatte er da zu bereuen. Ach, viel Böses hatte er getan, und wie so viel Gutes unterlassen. Über keine seiner Sünden aber machte ihm sein Gewissen mehr Vorwürfe, als darüber: dass er lediglich aus Habsucht und Missgunst, aus Gier nach vergänglichem Geld und Gut jene kostbare Quelle, die seit Jahrhunderten so vieler Menschen Labung gewesen war, mit dem Einschütten des Quecksilbers vernichtet hatte. Das bitterste Herzleid wandelte ihn an, wenn er dieser seiner so schnöden Missetat gedachte. Von ganzem Herzen wünschte er, diese Sünde wieder gutmachen zu können, und tat daher feierlichst das Gelübde: „wenn je Gottes Gnade ihn von seiner martervollen Krankheit befreien würde, so solle sein erstes Geschäft sein, die vertriebene Quelle wieder aufsuchen zu lassen, und dabei eine kleine Kapelle zu Gottes Lob und Marias Ehre zu gründen.“

 

Und siehe was von keinem Menschen, von Martin selbst nicht, am wenigsten aber von den Verwandten, die sich schon heimlich auf die baldige reiche Erbschaft gefreut hatten, vermutet wurde, geschah nach Gottes Willen. Martins Krankheit nahm unversehens eine Wendung zum Besseren, und es konnte bald kein Zweifel mehr obwalten, dass völlige Genesung eintreten werde. Als die Nachricht davon sich in Werbach verbreitete, war jedermann erstaunt. Noch mehr aber steigerte sich die Verwunderung, als man hörte: Martin habe viele Taglöhner gedungen, um von ihnen die vertriebene Quelle wieder aufsuchen zu lassen. Viele schüttelten ungläubig die Köpfe. Jeder Zweifel jedoch, den noch einige Nachbarn darüber hegten, musste bald verstummen, als man den Wiedergenesenen an einem schönen Frühlingstag seinen ersten Ausgang machen und in Begleitung seiner Arbeiter den Berg, wo sich sein Gut befand, ersteigen sah.

 

Nun ging Tag für Tag ein emsiges Schaffen auf dem Acker vor sich. Bis zu beträchtlicher Tiefe wurde der Boden durchwühlt, aber die Quelle zeigte sich leider nicht. Martin kaufte schließlich für viel Geld die Grundstücke, die sein Gut begrenzten, um auch da seine Nachforschungen fortzusetzen, allein auch hier schien es, als ob kein Lohn der unendlichen Mühe zuteilwerden sollte.

 

Mittlerweile bestellte er bei einem geschickten Künstler eine Bildsäule der heiligen Muttergottes für die gelobte Kapelle, und einen Bildstock, den er auf der Stätte wollte errichten lassen, wo seine Braut ihm vor fünf Jahren so plötzlich entrissen worden war. Beide Bildwerke kamen nach Verlauf einiger Monate an, aber noch war die Quelle nicht aufgefunden. Da gab Martin den Befehl, einstweilen den Bildstock zu errichten, die Nachforschungen nach der Quelle sollten dann um so eifriger fortgesetzt werden. Und dem geschah also.

 

Als er nun eines Tages den Ort besuchte, um nachzusehen, wie weit die Arbeit vorgerückt sei, da berichteten ihm die Werkleute: sie hätten ganz in der Nähe am Ufer der Welz eine Quelle entdeckt, die noch keiner von ihnen so wie auch keiner der alten Männer, die sie bereits darum befragt hätten, jemals an diesem Ort gesehen habe. Martin ließ sich die Quelle zeigen und erstaunte sogleich über die Stärke ihres Sprudelns und den Wohlgeschmack ihres Wassers. Sie befand sich fast auf gleicher Höhe mit dem Spiegel des Baches im dichten Erlen- und Weidengebüsch, das sich am Ufer hinzog. Auch Martin hatte hier, obgleich er der Gegend überaus kundig war, noch nie etwas von einer Quelle bemerkt. Als er nun weitere Nachforschungen bei und mit erfahrenen Männern anstellte, da lautete endlich aller Urteil dahin: „diese und keine andere könne die einst vertriebene Quelle sein, denn sie vereinige alle die kostbaren Eigenschaften in sich, wodurch sich jene vor sämtlichen Quellen in der ganzen Umgegend ehedessen ausgezeichnet.“

 

Da Martin durch dieses einstimmige Urteil Gewissheit erhielt, so traf er Anstalten, seinem Gelübde gemäß, die Kapelle zu erbauen. Das war jedoch kein leichtes Unternehmen, indem man sich keinen ungünstigeren Bauplatz denken kann, als den, den eine höhere Fügung sich dazu auserlas. Indes ließ Martin sich durch kein Hindernis abschrecken. Alle Einwendungen der Bauleute wusste er zu überwinden. Ja, es schien, als ob gerade durch die Schwierigkeiten sein Eifer um so größer und sein Gottvertrauen um so stärker würde. Und so geschah es denn, dass die Giebelmauer der Kapelle mitten in die Welz hinein zu stehen kam, und dass, um zum Eingang zu gelangen, ein hölzernes Brücklein nötig war, wie man es in unseren Tagen noch sieht. Die Quelle selbst wurde schön in Stein gefasst und mit einem Gewölbe überdeckt, auf dem der Altar des Kirchleins sich erhebt. Besagtes Gewölbe unter dem Chor ist mit weisem Vorbedacht an beiden Stirn-Enden offen, damit, wenn die Welz bei Überschwemmungen höher steigt, sie mit einem Teil ihres Gewässers durch das Gewölbe strömen und dadurch nicht so leicht das Gebäude beschädigen könne.

 

Bald war durch Martins Eifer das Gelübde gelöst. Der Tag der Einweihung seiner Stiftung brach an. Er empfing vorher, würdig vorbereitet und andachtsvoll, die heiligen Sakramente und empfahl sich den Fürbitten der heiligen Muttergottes. Mit welchen heiligen, wohltuenden Empfindungen konnte er jetzt diesen Tag begrüßen. Wie freute sich seine im Feuer der Trübsal geläuterte Seele des gelungenen Werkes. Als er eine Menge Volks aus dem ganzen Tauber- und Welz-Grund, von nah und fern, herbeiströmen sah, um der feierlichen Einweihung anzuwohnen, hob er freudig die gefalteten Hände empor und innige Worte des Gebetes entströmten seinem vollen Herzen. „Dank dir, Allgütiger,“ rief er, „dass du so wundersam mich führtest, dass du durch schwere Züchtigungen von dem Erdentand mich erhobst, um in deine heilige Huld zu gelangen. Ja, ich fühle es – o ewiger Dank meiner Seele, sprich es jubelnd aus, - in der Nacht meiner Trübsale ging mir der Stern des Glaubens und der Liebe auf. Meine Sünden sind getilgt. Gottes Antlitz leuchtet mir wieder in väterlicher Milde, denn, auf die heiß erflehten Fürbitten Marias, machte seine unendliche Gnade mich zu einem besseren Menschen, als der ich war, und ich weiß mich nun versöhnt mit ihm, dem Allbarmherzigen, mit Maria und mit meinen Mitmenschen!“

 

Die Kapelle erhielt – nach Martins Wunsch – den Namen „Liebfrauenbronn“, den sie noch heute führt.

 

Von dieser Zeit an hatte Martin Stürmer lauter Glück und Segen. Seine Gemeinde erhob ihn einstimmig zu ihrem Vorstand, denn einen besseren Mann wussten sie nicht dazu zu erküren. Er, der sich nun überall so hoch geehrt und geliebt sah, fand auch bald eine Lebensgenossin wieder, die durch frommen Sinn und Herzensgüte seiner würdig war. Ihre stets so reichlich an die Armen gespendeten Almosen, stets im Namen der allerseligsten Jungfrau Maria verabreicht, nannte das dankbare Volk deshalb geradezu das „Marien-Almosen“.

 

Als Martins Augen wenige Jahre vor seinem Tod so schwach wurden, dass er fürchtete zu erblinden, da half ihm ganz allein das Wasser des Liebfrauenbronns, womit er sich jeden Morgen, und immer nur im Namen Marias, wusch. Und gleich ihm hat es noch manchem geholfen, die in demselben Anliegen ihre Zuflucht zu Maria und ihrem herrlichen Born nahmen, der im Sommer zwar eiskaltes Wasser hat, aber auch im härtesten Winter nicht mit Eis sich bedeckt.

 

Es sind mehr als hundert Jahre verflossen, seit Martin Stürmer die Kapelle „Liebfrauenbronn“ und den nahe dabei stehenden Bildstock stiftete. – Im Ganzen hat sich alles ziemlich unverändert erhalten. Die Welz zerstörte zwar einmal bei einer großen Überschwemmung einen Teil der Kapelle, allein es waren sogleich viele mildherzigen Seelen bereit, den Schaden zu verbessern und die Kapelle wieder ganz, wie sie gewesen war, herzustellen. Gar lieblich nimmt sie sich mit ihrem glänzenden Glockentürmchen auf dem dunklen Grund in ihrer waldigen Umgebung aus, die noch heut zu Tag den Namen „Stürmersholz“ und „Stürmersgut“ führt. Auf der Wiese umher stehen alte, reichbezweigte Weidenbäume. – Kein geringer Schmuck des lieblichen Plätzchens ist aber auch der Bildstock, den Stürmer setzen ließ. Er ist mit langen grauen Flechten dicht überwachsen, die ihm ein gar ehrwürdiges Ansehen geben. Durch die häufigen Überschwemmungen der Welz, die vielen Schlamm niederschlugen, erhöhte sich zwar der Wiesenboden des Tales so beträchtlich, dass fast der halbe Sockel des Bildstocks in der Erde wie versunken ist. Allein der größte Teil der Inschrift, wenn auch etwas verwittert, kann doch noch bequem gelesen werden.

 

Die Inschrift lautet:

 

„Betracht` den Tod, o Wandersmann,

Wie ungefähr er kommen kann,

Und was sich hier begeben.

Ein Bürd von Gras aufheben will,

Durch Unglück in die Sensen fiel,

Verluhr dabei das Leben.“

 

Weiter unten steht der Name der Braut, Maria Franziska Ehrlembachin, und die Jahreszahl 1747, den 4. Juli.

 

(Aus: Die Burgen, Klöster, Kirchen und Kapellen Badens und der Pfalz, von Ottmar Schönhuth, 1863)