Sanct Alphons von Liguori zu Loretto

 

(aus: Leben des heiligen Alphons von Liguori von M. Jeancard)

 

Am 11. April 1762 kam der heilige Alphons von Liguori nach Rom, um vom Papst selbst zum Bischof von St. Agatha de Goti geweiht zu werden. Die Wohnung, die der Fürst von Piombino ihm in seinem Palast anbot, schlug er aus und zog in das Convent der Väter der frommen Werke, das an die Kirche „Unserer Lieben Frau vom Gebirge“ angrenzt.

 

Da der Papst eben zu Castel-Gandolfo sich aufhielt, beschloss St. Alphons, diesen Umstand zu benützen und eine Wallfahrt nach Loretto zu unternehmen. Als er merkte, dass sein Begleiter P. Andreas Villani keine Lust habe, dahin zu gehen, sprach der eifrige Diener Marias: „Wie, Sie zaudern!? Denken Sie doch nur an das Glück, unsere gute Mutter Maria zu besuchen, und es wird Ihnen nichts zu beschwerlich sein! Nie werden Sie eine günstigere Gelegenheit, ihr Ihre Ehrfurcht in jenem Haus zu bezeigen, wo das Wort Fleisch geworden ist, wiederfinden!“

 

Auf dieser Reise des heiligen Alphons entsprach alles der Heiligkeit des Beweggrundes, aus dem er sie unternahm. Da bemerkte man keine Pracht, keine Liebe zur Bequemlichkeit, keine Auszeichnung, keine Erschlaffung im strengen klösterlichen Leben, worin er immer ein Vorbild war. Er gestattete sich nicht einmal die gewöhnlichen Erholungen, noch die geringste Befriedigung der Neugierde. Während der Reise verharrte er immer im Gebet. Und wenn er in eine Stadt eintrat, so ging er alsbald in eine Kirche, um den Gottmenschen Jesus Christus, den Sohn Marias, im allerheiligsten Altarsakrament anzubeten, und schloss sich dann ein. In den Herbergen zeigte er sich mit allem zufrieden und erbaute bei Tisch durch seine äußerste Abtötung. Abends, ehe er sich zur Ruhe begab, brachte er mit seinem Begleiter noch im Gebet zu und unterließ nie, mit ihm den Rosenkranz zu beten.

 

Seine Lebensweise während der vierzehn Tage, die er zu Loretto verlebte, war nicht weniger bewunderungswürdig. – Morgens las er die Heilige Messe in der „Heiligen Kapelle“, wo immer seine Gebete und besonders die Danksagung lange Zeit einnahmen, und abends verbrachte er dort immer eine Stunde vor dem Sanctissimum. Er ging nie sonst aus und lebte in der tiefsten Zurückgezogenheit.

 

Der Gedanke, dass dieses Heiligtum durch die Bewohnung der Heiligen Familie Jesus, Maria und Joseph geweiht wurde, rief in seiner Seele eine lieb- und andacht-flammende Ehrfurcht hervor, und man wurde von Bewunderung und unwillkürlicher Rührung ergriffen, wenn man ihn in heiliger Freude und mit leuchtendem Antlitz vorangehen sah, um die kostbaren Reliquien der heiligen Familie zu küssen. Hier pflegte er lebhaften Verkehr mit dem Himmel. Sein größtes Vergnügen war es, wenn er bei diesen Gelegenheiten nur allein vor seinem Gott verweilen und Maria seine Herzenshuldigungen darbringen konnte. Als ihn eines Tages eine noch größere Inbrunst beseelte und er sah, dass außer P. Villani niemand in der Kirche sei, schickte er auch ihn fort, und blieb mehrere Stunden in diesem Gnadenort allein. Unmöglich kann man das Geheimnis aller Gnaden durchschauen, die ihm zuteilwurden, als er unablässig die unendliche Erniedrigung und die unaussprechliche Güte des göttlichen Wortes, die Jungfräulichkeit und Huld Marias und die diensttreue Sorgfalt St. Josephs betrachtete; und er dann noch erwog, wie der Eingeborene Sohn Gottes aus Liebe zu den Menschen es nicht verschmähte, dieses so arme Häuslein unter der Aufsicht Marias und Josephs zu bewohnen. – Er beschaute lebhaft die kleinsten Umstände dieses Hauses und man hörte ihn von Zeit zu Zeit in Ekstase ausrufen: „Hier ist das Wort Gottes Fleisch geworden! Hier hielt den Erlöser die heilige Jungfrau Maria in den Armen!“ – Man zeigte ihm auch den Schatz der Kirche und er fühlte eine unbeschreiblich große Freude, als er sah, wie viele Votiv-Zeugnisse der Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria sich in diesem allerehrwürdigsten Heiligtum vorfänden.

 

Unterdessen hatte St. Alphons erfahren, dass der Papst bald nach Rom kommen werde, und eilte deshalb dorthin. Es wurde ihm äußerst schwer, Loretto, diese von gar so vielen frommen Erinnerungen geheiligte Stätte, zu verlassen. Auf der Reise sprach er von nichts als von diesem heiligen Haus. So ganz erfüllt blieb er von den seligen Empfindungen, die ihn während seines Aufenthalts in dieser Stadt durchdrungen hatten. Oft jubelte er im andächtigsten Verzücktsein: „Heilige Maria, gib mir die Liebe, die du zum Jesuskind hattest! Heiliger Joseph, gib mir die Liebe, die du zu Maria hattest! O Gott, bewahre mich stets in der Liebe zu Jesus, Maria und Joseph!“