Die Schule auf freiem Feld

 

(aus: Leben der seligen Germana Cousin von L. Veuillot)

 

Die selige Germana Cousin, geboren im Jahr 1579 zu Pibrac im Stadtbezirk von Toulouse, wurde, sobald sie fähig war, von ihrer Stiefmutter, die sie nicht zu Hause dulden wollte, hinaus aufs Feld geschickt, die Schafe zu hüten. Und sie blieb eine arme Hirtin bis zu ihrem Tod.

 

Zu den frommen Werken, die Germana, von Liebe zu Jesus und Maria gedrängt, verrichtete, gehörte auch die schöne Gewohnheit, dass sie, wo sie nur konnte, die kleinen Kinder des Dorfes um sich versammelte, um sie in den Wahrheiten der Religion zu unterrichten. Sie redete ihnen alsdann sanft und liebevoll zu und ermahnte sie, Jesus zu lieben und seine göttliche Mutter Maria andächtig zu verehren. Man nannte deshalb diese Schule geradezu die „Jesus- und Maria-Schule.“ –

 

Welch ein Schauspiel, würdig der Bewunderung aller himmlischen Geister und angenehm in den Augen Gottes, diese kleine Schule hier, abgehalten im Schatten eines Gesträuches, versammelt auf freiem Feld, und oft singend ein schönstes Jesus- oder Marienlied! Es war dies eine Schule, in der der Lehrer, der selbst vielleicht nicht lesen konnte, seinen ungebildeten, noch rohen Zuhörern einen Unterricht erteilte, dem die berühmtesten Weltweisen aus dem Heidentum mit Staunen und Entzücken zugehört, der einem Plato über alles, wonach er forschte, Aufschluss gegeben und dem die größten Gelehrten der Kirche zuzulauschen sich nicht entwürdigt hätten!

 

Sicher waren die sorgfältigsten Bemühungen einer solchen bezaubernden Liebe nicht verloren, und der liebe Gott, der da gesagt hat: „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich!“ hat ohne Zweifel auf die Fürbitten Marias alle die Seelen, die auf so sanfte Weise durch seine treue Dienerin ihm und Maria zugeführt wurden, auf dem Weg des Heiles bewahrt! –

 

Das aber weiß man bestimmt, dass die Marianischen Tugenden der demütigen Jungfrau Germana in dem Dorf einen tiefen Eindruck auf alle Gemüter machten. – Als lange Zeit nach ihrem Tod Gott in Wundern die Herrlichkeit seiner Dienerin der Welt zu offenbaren begann: da erinnerten sich die Bewohner noch recht wohl ihres demütigen Lebens, ihrer engelhaften Anmut und Milde. Sie erzählten, mit welch wunderbarem Glanz Germana umleuchtet schien, wenn sie der heiligen Messe anwohnte oder die heiligen Sakramente empfing; mit welchem Seligsein sie den Kindern die süßen Namen Jesus und Maria auszusprechen lehrte, und ihre emsigen Zöglinge geradezu ihre „Marien-Feldblümchen“ nannte. Es lebten alle der festen Überzeugung: dass die fromme Hirtin niemals durch irgendeine Handlung in ihrem Leben den kostbaren Schatz der Taufunschuld verloren habe. –