Die christliche Jungfrau

 

(aus: Das Familienleben, Leopold Kist, 1865)

 

Eine christliche Jungfrau wollte sich in eine Familie verehelichen, die ein großes Haus besaß, dessen Portal mit einem schönen Muttergottesbild geschmückt war.

 

Nun redeten die leichtsinnigen Jugendfreunde des Bräutigams auf ihn ein: dieses unzeitgemäße, mittelalterliche und ultramontane Bild entfernen zu lassen und durch einen berühmten Mann, z.B. Goethe, Schiller, oder Hecker (den Mann der Revolution), oder auch durch den heidnischen Gott Amor oder Bacchus zu ersetzen. Der Bräutigam billigte diesen Vorschlag und zeigte sich nicht abgeneigt, ihn in Ausführung zu bringen, setzte aber vorher seine Braut davon in Kenntnis.

 

Voll tiefer Entrüstung erklärte nun die christliche Braut: „Wenn das Bild der lieben Muttergottes, unter deren Schutz dieses Haus schon mehr als hundert Jahre stand, einem Menschen oder Götzen weichen muss, so werde ich niemals als christliche Frau in dieses Haus einziehen und nehme hiermit mein gegebenes Versprechen der Verehelichung zurück!“

 

Durch diese entschiedene Erklärung war das Muttergottesbild gerettet; und es steht heute noch da über dem Portal, und wirkt in diesem Haus dieselbe christliche Braut als christliche Hausfrau und Mutter, und erzieht durch ihr erbauliches Vorbild wahrhaft Marianische Kinder.

 

Ehre, dem Ehre gebührt!