Der Zutritt zur Marienkapelle

 

(aus: Katholische Sonntagsblätter von H. Himioben, 1865)

 

In der Erziehungs-Anstalt zu Rüstroff befindet sich – außer der Kirche – noch eine kleine, der allerseligsten Jungfrau Maria geweihte Kapelle.

 

Es ist jedoch nicht allen Kindern gestattet, diese Kapelle zu besuchen. – In der genannten Anstalt gibt es nämlich einen besonderen Ehrentitel, „Tochter Marias“, mit dem nur diejenigen ausgezeichnet werden, die sich innerhalb einer bestimmten Zeit durch ihren frommen Sinn und ihr tugendhaftes, bescheidenes und auferbauliches Betragen hervorgetan haben, und am Ende des Schuljahres mit einer weißen Rosenkrone sind gekrönt worden. Diesen „Töchtern Marias“ allein ist der Zutritt zu der Marienkapelle gestattet.

 

Die Kapelle selbst ist einfach und ladet in ihrem blauen Gewand wie ein stiller Himmel, in dem im allerheiligsten Sakrament der Heiland und Freund der Kinder wohnt, die Unschuldigen, die Reinen, ein, auf deren Seele der himmlische Vater und Maria so freundlich herniederschauen. Beim Eintritt in dieses friedliche Heiligtum fühlt man sich gedrängt auszurufen: „O selige Wohnstätte meines göttlichen Erlösers, die durch keine Sünde entweiht ist! Da thronst du, mein Jesus, nicht nur im Tabernakel, sondern auch wahrhaft als ein König und königlich lohnend in so zarten, reinen Herzen, die deine gebenedeite Mutter Maria mit Wonne und Entzücken „ihre geliebten Töchter“ nennt.

 

Welch ein Antrieb zur Tugend muss dieser hehre Titel sein, mit dem man gewürdigt wird, einzutreten in den Kreis jener glücklichen „Marientöchter“ und mit ihnen in diese Kapelle, das weltabgeschiedene Heiligtum Marias!“