Das Fest der Bräute

 

(aus: „Ein Jahr in Italien“, Adolph Stahr, 1854, Oldenburg Schulze)

 

Es war ein Sonntag und der 3. Mai, und wir sahen zu Perugia in der Kirche St. Maria Nuova das berühmte Bild von Nicolo Alunno, die „Verkündigung“. In der Mitte die Madonna an einem Betpult, vor ihr der Engelsbote, darüber Gott Vater mit singenden und musizierenden Engeln, unten eine Anzahl Heiliger. Der Ausdruck im Gesicht Marias ist still, sanft, keusch; und als höchst gelungen erweist sich der Ausdruck ehrfurchtsvoller Scheu, mit der der Verkündigungs-Engel der Gottesbraut sich nahet.

 

Draußen vor der Kirche rauschte plötzlich lustige Militärmusik empor; die hier in Garnison liegende Geschütz-Reiterei spielte kriegerische Weisen zu Ehren des heiligen Kreuz-Festes, an dem sechs Jungfrauen in der Kirche eine Aussteuer als „Marianischen Tugendpreis“ erhalten sollten. Bald darauf trat der Zug in die Kirche ein, gefolgt von zahlreichen Zuschauern aus allen Ständen. Ein Hochamt wurde gehalten, dann begann die Prozession durch und um die Kirche und über den stattlichen Platz in der Nähe. Voran die Marianische Bruderschaft, die zu der Kirche gehört, dann der Bischof, von Priestern begleitet, nach ihm städtische Beamte und Volk und allen voran die Militär-Musik. Alles befand sich im festlichen Putz. Die sechs Marien-Bräute, paarweise, geführt von Frauen aus den ersten Adelsgeschlechtern der Stadt, erschienen in grüne Seide gekleidet, mit weißen, lang vom Haupt herabwallenden Schleiern, fast alle bildschöne Mädchen, keine über zwanzig Jahre; das Skapulier bezeichnet sie als „Töchter Marias“. Die Brautkronen, die sie trugen, gehören der Kirche an und werden alljährlich bei diesem Fest gebraucht.

 

Das Fest ist die Stiftung eines wohlgesinnten Bürgers aus Perugia und frommen Verehrers der gebenedeiten Jungfrau Maria und ihrer Tugenden, der eine bedeutende Geldsumme zu diesem Zweck der Stadt hinterlassen hat, von deren Zinsen-Ertrag jährlich sechs junge Mädchen der ärmeren Volksklasse, die durch ihren unbefleckten Wandel in der treuen Nachfolge Marias sich empfohlen haben, eine Aussteuer erhalten. Über das sittliche Verdienst der Preisbewerberinnen entscheidet die Geistlichkeit.

 

Die junge Peruginerin, die uns diese Dinge erzählte, war, in ihrem Sonntagsstaat von schwarzblauem Samt und dunkelrotem Untergewand, vom langen, weißen Schleier umflossen, das lebendige Abbild einer Madonna Pietro Peruginos.