St. Philippus Neri, Stifter des Oratoriums

 

Die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria ist, wie St. Bernhard uns lehrt, der Nacken, durch den alle geistlichen Güter von Christus, dem Haupt, in den mystischen Leib der heiligen Kirche ausströmen. Der heilige Philipp Neri, Apostel von Rom und Stifter der Kongregation des Oratoriums, war ihr daher so innig ergeben, dass er ihren Namen beständig im Mund hatte, indem er sie „meine Liebe und mein Trost!“ nannte, und sie überall als die Spenderin aller Gnaden verkündigte, die die göttliche Güte den Menschenkindern zuteilwerden lässt.

 

Seine Liebe zu Maria war so zärtlich, dass er von ihr zu reden pflegte, wie kleine Kinder von ihrer Mutter reden, indem er sie geradezu „Mama mia! meine Mama!“ nannte. Er besuchte sehr oft ihre Bilder in den Kirchen von St. Maria del Popolo, von St. Agnes auf der Piazza Navona, von St. Maria in Trastevere und anderswo, und verweilte vor ihnen lange Zeit, indem er die Fülle seiner Andacht zu ihr freien Lauf ließ. Er brachte oft ganze Nächte im Gebet und in den schönsten Unterredungen mit ihr zu. – Einst war Philipp zu St. Hieronymus bedenklich krank, und die Ärzte hatten befohlen, dass er bei Nacht nicht allein gelassen werden, sondern immer jemand im Zimmer bei ihm bleiben sollte. In einer Nacht wachte P. Anton Lucci bei ihm; und da es Sommer war und das Zimmer äußerst klein, so wirkte die Hitze so drückend, dass er glaubte, er könne die Nacht durch nicht auf seinem Posten aushalten, und sich deshalb seiner Pflicht nicht sehr gerne unterzog. Dennoch brachte er die Nacht so angenehm, ja erbaulich zu, dass er, als man am Morgen das Ave Maria läutete, wähnte, es sei die Abendglocke, so schnell war ihm die Nacht vorübergegangen, denn der Heilige, nicht vermutend, dass jemand da sei, der ihn hören könne, unterredete sich immer mit der glorreichen Himmelskönigin in so zärtlichen Ausdrücken, dass es wirklich schien, als ob sie gegenwärtig wäre und er sich mit ihr persönlich unterhalte.

 

Er hatte auch zwei Schuss-Gebetlein, die er Maria zu Ehren beständig anwendete. Das erste lautete: „Jungfrau Maria, Muttergottes, bitte zu Jesus für mich!“ Manchmal verlängerte er es auch so: „Bitte Jesus, deinen Sohn, für mich Sünder!“ Das zweite bestand in den Worten: „Jungfrau Mutter Maria!“ denn er sagte, in diesen Worten sei alles mögliche Lob der heiligen Jungfrau kurz enthalten, einmal, weil sie bei ihrem Namen „Maria“ genannt werde, und man ihr jene zwei hohen Titel gäbe: „Jungfrau“ und „Mutter“, und dann jenen anderen unaussprechlich hehren: „Muttergottes“. Schließlich werde die heiligste Frucht ihres Leibes genannt „Jesus“, ein Name, dessen Erwähnung schon die Macht habe, dass Herz mit großer Liebe zu erfüllen. – Aus diesen zwei Gebeten lehrte er seine Pfarrkinder einen Rosenkranz bilden, und das eine oder andere mit dem Vaterunser dreiundsechzigmal zu wiederholen. Er selbst trug fast immer den Rosenkranz in der Hand, um diese Andacht zu verrichten, die Gott so angenehm war, dass viele von denen, die sie vollzogen, bekannten: in ihren Versuchungen eine große Stärke daraus gezogen zu haben.

 

St. Philippus bezeugte, dass er von der heiligen Mutter Gottes undenkliche Gnaden empfangen habe und insbesondere, dass er im Gebet vor einem Bildnis Marias von fürchterlichen Anfällen befreit wurde, womit der böse Feind ihn zu schrecken suchte. Die Erinnerung an diese Wohltaten, die er von ihr empfangen hatte, entschwand nie aus seinem dankbaren Herzen; und als man die Altäre in der Kirche der Kongregation aufrichtete, befahl er: dass man auf jeden von ihnen ein Geheimnis unseres Erlösers male und dass auch die Muttergottes in dem Geheimnis mitbegriffen werden sollte. – Daher beschlossen auch die Väter, nach der Seligsprechung des Heiligen, als sie sein Bildnis in seiner Kapelle aufzustellen hatten, dass das Bild der Gebenedeiten des Herrn gleichfalls in ihr angebracht werde, zum steten Gedächtnis: dass er – wie ein zweiter heiliger Bernhardin von Siena – sie so inniglich geliebt habe.

 

Als man die Kirche baute, hatte Johann Anton Lucci, der die Aufsicht bei dem Werk führte, ein Stück von dem Dach über einem Teil der alten Kirche stehen lassen, wo sich ein uraltes Gemälde der heiligen Muttergottes befand, das beim Volk hochverehrt war, dasselbe, das nun dem Hochaltar zur Zierde gereicht. Er hatte dies getan, damit man unter ihm die heilige Messe zelebrieren und die Eucharistie aufbewahren könne. – Eines Morgens schickte St. Philippus in aller Eile nach ihm und ließ ihn ersuchen, das Dach augenblicklich hinweg nehmen zu lassen, weil er gesehen habe: dass es in der eben vergangenen Nacht herabgefallen sein würde, wenn die glorreiche Jungfrau Maria es nicht mit ihren eigenen Händen gehalten hätte. Johann Anton schritt mit einigen Arbeitern ungesäumt zur Ausführung des Befehls und fand, dass der Hauptbalken sich von der Mauer getrennt hatte, und augenscheinlich ohne alle Stütze in der Luft schwebte, so dass alle, die es sahen, dies für ein Wunder erklärten.

 

Die Mutter des Herrn vergalt die Andacht des heiligen Philippus zu ihr, indem sie ihm eine Kirche gab, die ihrem lieblichen Namen geweiht war: damit der Sohn, der ihr so kindlich fromm stets diente, nicht von seiner Mutter getrennt sein möchte. Und ehe er starb, begnadete sie ihn noch mit ihrer wunderbaren Erscheinung, die ihn mit solcher Liebe und Freude erfüllte, dass er in der kurzen Zeit, die er noch lebte, nicht aufhören konnte, immer wieder auszurufen: „O meine Söhne, seid treue Verehrer der heiligen Muttergottes, liebt Maria!“ –

 

(Aus: Das Leben des Heiligen P. F. W. Faber)