Die selige Margaretha vom heiligen Sakrament

 

Gott, der die Vorerwählung der allerseligsten Jungfrau Maria von der seines eingeborenen Sohnes Jesu Christi nicht trennen wollte, hatte sie vor der Sünde des ersten Menschen bewahrt, damit sie eine würdige Muttergottes wäre. Er beabsichtigte selbst, dass unser unglücklicher Stammvater, der durch die Sünde des Ungehorsams die Unschuld verloren hatte, sie als die erste Quelle seines Heils betrachtete, und darum verhieß auch der Herr: sie werde der Schlange den Kopf zertreten und von ihr werde der Samen alles Segens geboren werden, Jesus Christus. Das Evangelium erhebt überdies ihre Glorie so hoch, dass es uns bezeugt: „der Sohn Gottes war ihr untertan“. Und die Heiligen lehren uns, dass Maria in der göttlichen Bildung des mystischen Leibes des Gottmenschen, unseres Erlösers, nicht allein dem Haupt, sondern zu seinem Hals angeordnet wurde, also zugleich auch der Kanal ist, durch den alle Gnaden den Gliedern zufließen.

 

Es darf uns daher nicht wundern, wenn Gott, nachdem er Maria mit einer so erhabenen Größe und Macht begabt hat, auch allen erleuchteten Heiligen sie als sein Meisterwerk zu verehren eingeflößt habe. Es darf auch nicht unser Erstaunen erregen, wenn er sie mit ihr, wie mit ihrer Herrin, ihrer Mutter und Wohltäterin, in Verbindung gesetzt hat, und wenn die ganze Kirche, geleitet vom Heiligen Geist, tagtäglich eine neue Sorgfalt offenbar werden lässt, Maria durch ihr Lob, ihre Ehrfurchtserweise, durch Anrufungen und Dankbarkeitsbezeugungen zu ehren.

 

So geschah es denn auch unter der Leitung desselben Heiligen Geistes, dass die gottselige Schwester Margaretha vom heiligen Sakrament, aus dem Orden der Karmeliterinnen im Kloster zu Beaune, mit der gebenedeiten Gottesgebärerin in einen besonderen Bund trat, und dass Maria sie nicht allein für eine Tochter des Berges Karmel, sondern überdies noch für eines der kostbarsten Werke der Gnade, und gänzlich der „Kindheit Jesu“ geweiht ansehen sollte, denn Margaretha wurde ja die Stifterin der „Genossenschaft der Diener des Kindes Jesu“.

 

Dieses göttliche Jesuskind, das sie als Braut angenommen hatte, stellte sie von ihren ersten Jahren an unter den Schutz seiner Mutter. Margaretha, dieses der Gnade so treue Kind, verweilte seit ihrem siebenten oder achten Jahr gewöhnlich zwei oder drei Stunden vor dem Bildnis Unserer Lieben Frau in der großen Kirche zu Beaune, und die glaubwürdigten Personen bezeugten: sie haben sie dort oft bei langem Gebet in tiefem Stillschweigen gesehen, wie sie ihre Augen zu der allerseligsten Jungfrau Maria erhoben hielt, und einen solchen Strom von Tränen vergoss, dass das Pflaster damit bedeckt wurde. Und dann schien sie so von Gott erfüllt, dass niemand es wagte, sie anzureden oder sie in ihrem Gebet zu unterbrechen.

 

In allen Ereignissen oder Anliegen nahm Margaretha ihre Zuflucht zu Maria. Und als ihr der Tod ihre leibliche Mutter entrissen hatte, ging sie sogleich in die Kirche zu Unserer Lieben Frau, und bat die Königin des Himmels, sie als ihre Tochter anzunehmen. Dies gefiel auch Maria, der „Trösterin der Betrübten“, so wohl, dass sie sich ihr in großer Majestät zu erkennen gab. Und indem Margaretha versprach, sie als ihre Mutter anzusehen, versicherte sie Maria: sie werde umso mehr Sorge tragen, ihr in der Erfüllung der Absichten ihres Sohnes Hilfe zu leisten. – Von dieser mächtigen Beschirmerin erflehte Margaretha, gewöhnlich mit schleunigstem Erfolg, Beistand, wenn sie von den Versuchungen des bösen Feindes bestürmt wurde und gar Schweres zu leiden hatte. Maria war es, die ihr am Tag ihres Eintritts in den Orden die Arme reichte, und Hoffnung auf ihre Huld und ihre Hilfe gab. Margaretha ließ der „Mutter der göttlichen Gnade“ in ihrem Oratorium, das sie zu „Unserer Lieben Frau von der schnellen Hilfe“ nannte, ein Bild besonders weihen, weil sie von ihr für andere und für sich tausenderlei Gnaden erlangt hatte. Margaretha verehrte sie noch in ihrem Todeskampf unter dem Titel: „Unsere Frau von der Gnade“, indem sie eins der Marianischen Bildnisse neben ihr Bett stellen ließ, und sich inbrünstigst mit einem Kloster ihres Ordens im Geist vereinigte, das an demselben Tag das Fest: „Unsere Frau von der Gnade“ feierte. Maria war es, bei der sie, wie ein Kind bei der Mutter, ihre Zuflucht nahm. Und sie versicherte: „dort habe sie stets ihren Schutz und ihre Kraft gefunden“.

 

Lange vor den Festen der allerseligsten Jungfrau bereitete sich Margaretha besonders vor, um sie im Geist der Kirche auch auf heilige Weise zu begehen. So viel als möglich oblag sie den Marianischen Andachtsübungen und guten Werken mit den Schwestern vom weißen Schleier, die sie am liebsten zur Genossenschaft hatte, weil sie am einfältigsten und die Geringsten des Hauses waren. Vor den Bildnissen der heiligen Gottesgebärerin brannte sie Kerzen und Weihrauch, und nie ging sie vor ihnen vorüber, ohne sich auf die Knie niederzuwerfen, zur demütigsten Begrüßung die Erde zu küssen und ein andächtiges Ave Maria zu sprechen. Kein Tag verging, an dem sie nicht eine große Anzahl Gebete – Maria zu Ehren – verrichtete. Was aber alles übertrifft, und was sich nicht beschreiben lässt, war ein gewisser Eifer des Geistes und eine heilige Freude, die auf ihrem Angesicht wie rosiges Himmelsleuchten strahlte, wenn sie von dieser göttlichen Mutter sprach, von der sie so erhabene Gnaden offenbarte, dass man daraus leicht auf die innigliche Liebe, die sie für Maria in ihrem Herzen hegte, und auf die besonderen Offenbarungen, mit denen sie hierüber war begnadet worden, zu schließen vermochte.

 

Durch ihr kindlich-sinniges Aufschauen zu der Muttergottes in der Herrlichkeit – feierte Margarethas Geist oft und öfter, und zwar zu ihres Herzens süßestem Seligsein – „Maria-Himmelfahrt“.

 

(Aus: Leben derselben von Dr. P. Amelotte)