Trostvolle Erscheinungen Marias

 

1. Dem heiligen Arnulph, Bischof von Soissons, der eine der reinsten Zierden der Kirche von Frankreich und einer der innigsten Verehrer der heiligen Muttergottes gewesen ist, erschien Maria kurz vor seinem Tod, um ihm einen klaren Beweis ihrer Huld und Fürsorge zu geben. Maria zeigte ihm nämlich an, dass sein letztes Stündlein nahe und dass Gott ihn zu sich zu rufen beschlossen habe, um ihm den ewigen Lohn, der dem treuen Knecht verheißen ist, zu verleihen.

 

Hierauf sprach St. Arnulph: „O du Mutter meines Gottes, Königin des Himmels und der Erde, süße Hoffnung meiner Seele – du weißt es, wie ich dich stets geliebt und dir gedient habe, nicht wie du es verdienst, aber denn doch nach meinen schwachen Kräften! Zur Vergeltung dessen, was ich zu deinem Wohlgefallen während meiner Pilgerschaft tun durfte, flehe ich dich um eine Gnade an, nämlich: an dem Tag zu sterben, an dem du selbst gestorben bist, dieses Tränental an dem Tag zu verlassen, wo du selbst es verlassen hast, an dem Tag in den Himmel aufzusteigen (weil du mir einen Sitz dort verheißen hast), an dem du selbst von ihm, als von deinem unvergänglichen Reich Besitz genommen hast! Und so bitte ich dich, du wollest mir mit deinen Händen an dem Tag die Krone der Gerechtigkeit verleihen, an dem du selbst als Herrscherin über alle Kreaturen bist gekrönt worden!“

 

„Mein Sohn“, erwiderte die Jungfrau, „deine Bitte soll dir gewährt werden, bereite dich denn auf den Tag meiner Himmelfahrt zum Sterben vor!“

 

Von diesem Augenblick an dachte der fromme Bischof an nichts weiter, als seine ohnedies heilige Seele immer mehr zu reinigen. Und als er am Vorabend des Himmelfahrttages Marias seine Kräfte schwinden fühlte, versammelte er um sein Lager die Priester seines Hauses und sprach mit gebrochener Stimme zu ihnen: „Bereitet alles zu meinem Tod, denn ich habe durch eine Offenbarung vernommen, dass ich nur noch eine kurze Zeit unter euch leben werde. Außer dem heiligen Petrus, dem heiligen Michael und mehreren anderen Engeln, die sich herabließen, mich zu besuchen, habe ich auch die ausgezeichnete Gnade, das unaussprechliche Glück des Besuches der Herrscherin über sie alle genossen! Maria ist, begleitet von einer glänzenden Jungfrauen-Schar, zu mir gekommen, mich in meinen Leiden zu trösten, und meinen gerechten Schrecken über die Last meiner Sünden, die mir mein Seelenheil rauben konnten, zu beschwichtigen. Sie begnadigte mich: mir die Verbürgung der ewigen Seligkeit und der Aufnahme ins Reich der Auserwählten zu geben. Sie hat noch mehr getan: sie versprach mir auf meine Bitte, dass ich diese Welt an demselben Tag verlassen dürfe, da Himmel und Erde den Triumph ihrer eigenen Aufnahme in den Himmel feiern. Dieser Tag ist nahe. Ich steh also ganz nah der Schwelle der Ewigkeit und werde morgen zur Seligkeit des Herrn eingehen!“

 

Nachdem St. Arnulph dies gesagt hatte, begann er ein stilles, durch kein lautes Wort mehr unterbrochenes Gebet zu beten, und starb am folgenden Tag, genau in jenem Augenblick, in dem die streitende und triumphierende Kirche die Krönung Marias bei ihrem Eingang in die ewige Glorie mit Freudengrüßen zu feiern beginnt.

 

2. Im Jahr 1609 starb Claudius Ponceot, Rektor des Jesuiten-Collegiums in Puy. In der schweren Krankheit, die ihn befallen hatte, empfahl er sich, als ihn die Ärzte aufgegeben hatten, gänzlich in den Willen Gottes und Marias. Bald nach dieser Hingebung erschienen ihm zwei Engel in menschlicher Gestalt, aber in himmlischer Anmut leuchtend. Ihre Gewänder waren von blendender Weiße und sie hielten zwei Fläschchen in der Hand, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt waren, die sie durch Übergießen miteinander vermengten. Als dies geschehen war, ermahnten sie den Kranken, sowohl durch dieses symbolische Zeichen, wie auch in deutlich vernehmbaren Worten, seine Leiden mit größerer Geduld und Ergebenheit zu ertragen. Alsdann kam ein dritter Engel, der sich als einen Boten der glorreichen Himmelskönigin ankündigte und ihm versicherte, dass seine Leiden bald zu Ende sein würden. Er redete noch mit ihm, als auch die heilige Muttergottes selbst in sichtbarer Gestalt erschien. Sie trug das göttliche Jesuskind auf dem Arm, und war vom heiligen Claudius, dem Namenspatron des Kranken, vom heiligen Ignatius von Loyola, dem Stifter der Gesellschaft Jesu, und von anderen Seligen, die diesem Orden ehedessen angehörten, begleitet. Alle umstanden sein Lager und versprachen ihm: „dass er seine Meister in der Stadt des Friedens bald wieder sehen würde!“ Dieses Wissen erfüllte den Kranken mit neuem Mut, und durch diese Gnaden-Vermehrung mächtig unterstützt und gelabt, erhöhte er nun seine Aufmerksamkeit und seine frommen Anstrengungen, um sich würdig zum Tod vorzubereiten, den ihm auch Gott nach drei Tagen als einen Freund zusandte, den er unter einem himmlischen Lächeln und mit den Worten empfing: „Kommt, ihr Heiligen! Kommt, ihr Engel! Kommt alle, ihre Auserwählten des Herrn! Und Du, o Mutter Gottes, bitte für mich!“

 

3. Der heilige Johannes von Gott, Stifter des Ordens der barmherzigen Brüder, war einer der großmütigsten Wohltäter der Menschheit. Dieser Held der christlichen Opferwilligkeit nimmt eine ausgezeichnete Stelle unter den Seelen ein, die die allerseligste Jungfrau Maria mit den Gnaden ihrer Vorliebe begabte, und diese Gnaden verdiente er durch seine wahrhaft erhabene Liebe zu den Armen, Gebrechlichen und Kranken, mit einem Wort: zu allen Unglücklichen, die die Welt von sich stößt. In einer innigen Andacht zu Maria gleichsam geboren, ehrte er sie von frühester Jugend an, indem er täglich den Rosenkranz ihr zu Ehren betete, die Schmerzen, die ihr das Leiden ihres göttlichen Sohnes verursachten, öfters betrachtete, und in seinem eigenen Herzen diese Leiden und Qualen mit ihr mitfühlte. So oft er nur konnte, sprach er liebend und andachtsvoll von ihr. Die Königin des Himmels kam aber auch, von dem heiligen Erzengel Raphael und dem heiligen Evangelisten Johannes begleitet, um ihn in seinen letzten Augenblicken beizustehen. Sie besänftigte die Schrecken, die dieser getreue Knecht Gottes bei der Annäherung des Todes und vor dem Gericht in der Ewigkeit empfand. Sie ging in ihrer Güte sogar so weit, ihm mit einem Schweißtuch den auf seinem Angesicht hervordringenden Todesschweiß abzutrocknen. Wahrlich, ein würdiger und kostbarer Lohn für ähnliche Dienste, die er im Namen Jesu und Marias den Kranken und Sterbenden geleistet hatte!

 

4. Peter von Urbino, aus dem Franziskaner-Orden, lag um das Jahr 1572 im Sterben. Am Vorabend seines Todes hatte er die schrecklichsten Kämpfe gegen den Satan und seine Genossen zu bestehen, sie erschienen ihm in Drachengestalt. Von ihnen bedrängt, wendete er sich mit dem Ruf an seine Brüder: „Zu Hilfe, meine Brüder, zu Hilfe! Die Ungeheuer des Abgrundes wollen mich zerreißen!“ Die anwesenden Mönche knieten hierauf nieder, sangen die Litanei der allerseligsten Jungfrau Maria und flehten sie um ihren mütterlichen Beistand für den Sterbenden an. Sie selbst kam ihm zu Hilfe. Und kaum war sie erschienen, so zerstob die höllische Meute, und das Angesicht des Sterbenden strahlte von einer solchen Heiterkeit, dass seine Brüder darin den Glanz der Schönheit der Engel zu erblicken glaubten. Während sie diese überraschende Veränderung in den Zügen des Antlitzes ihres Bruders bewunderten, das bereits von einem Schimmer der Herrlichkeit der Seligen verklärt zu sein schien, sagte er plötzlich mit dem Ausdruck einer himmlischen Sanftmut und Milde zu ihnen: „Ach, meine Brüder, wie schön ist die Muttergottes! Welch eine anmutige Frau besucht mich da! Der Glanz der Sonne umgibt sie. Steht doch auf, ihr Brüder, und macht dem Chor der Jungfrauen Platz, der sie begleitet!“ Bei diesen Worten drückte sich auf seinem Angesicht ein solches Zufriedensein, in seiner Rede ein so lebhaftes Gefühl der Seligkeit aus, dass keiner von den Umstehenden länger zweifelte: Petrus habe in der Tat die heilige Jungfrau Maria und mit ihr mehrere Auserwählte aus dem ewigen Sion geschaut.

 

5. Am 1. Januar 1262, um Mitternacht, befiel den gottseligen Bonfilius Monaldi, den ersten der sieben Stifter des „Ordens der Diener und Dienerinnen Mariens, der schmerzvollen Gnadenmutter“, bei seiner großen Körperschwäche auch ein heftiges Fieber. Dennoch wollte er nicht unterlassen, den Metten anzuwohnen. Nach dem Schluss derselben versammelten sich die Brüder zu geistlichen Gesprächen über das Geheimnis der Beschneidung des Herrn. Auch Bonfilius war zugegen. Und da seine Seele in der Betrachtung der unendlichen Liebe Gottes versenkt blieb, wurde er gewürdigt, von der Mutter Jesu mit folgenden Worten den Ruf zum Himmel zu vernehmen: „Bonfilius (guter Sohn), weil du immer hörtest auf das Wort meines geliebten Sohnes, und es auch befolgtest, komme nun, das Gut in Besitz zu nehmen, das du immer liebtest!“ Nach diesen Worten hauchte er sanft und mild seine Seele aus.

 

Sogleich umgaben die Brüder diesen Seraph in Menschengestalt, und sahen sein Antlitz glänzen, und himmlische Wohlgerüche strömten von seinem Leib aus. Aber es waren die Zeichen, mit denen Gott seinen Diener verherrlichen wollte, noch nicht zu Ende. Die genannte Stimme ließ sich abermals vernehmen: „Kommt, ihr Heiligen des Herrn! Kommt, ihr Engel des Himmels! und führt in das Reich der Seligkeit diese Seele ein, die mir auf Erden so treu diente, und ihr, meine geliebten Diener, begrabt den Leichnam!“ Voll Verwunderung und von heiligen Schauern erfüllt, legten die Brüder den ehrwürdigen Leib unter Lobgesängen und Tränen der Freude in einen steinernen Sarg, den sie versiegelt unter den Hochaltar der Kirche versenkten.

 

6. Franziskus Patrizzi, aus dem Serviten-Orden, unterließ es nicht, obgleich er taub war, mit Eifer das Lob Gottes und den Lobpreis Mariens dem Volk zu verkündigen.

 

Als er in eben dieser Absicht eines Tages die Stadt Siena verließ, befiel ihn allplötzlich eine ungemeine Schwäche des Körpers, die ihn zu Boden warf. Sein Gefährte eilte ins nächste Haus, um einen Trunk Wein für den Kranken zu erbitten; allein der reiche Gutsbesitzer verweigerte ihm diese Labung. Es blieb jedoch die Strafe für seine Lieblosigkeit nicht lange aus. Denn nach der Entfernung des seligen Franziskus entstand ein gewaltiges Ungewitter, das seine Felder und Früchte alle zerstörte.

 

Indessen erschien aber dem schmachtenden Franziskus eine Frau in erhabener Würde und reichte ihm einen Strauß duftender Rosen, worauf er sich erhob, und, von seinen Gefährten begleitet, auf Ermahnung dieser Frau ins Kloster zurückkehrte, wo er zuerst in der Kirche vor dem Bild der allerseligsten Jungfrau Maria mit aller Inbrunst betete, und die erhaltenen Rosen dort aufhing; dann aber von den Brüdern ins Krankenzimmer getragen wurde, wo er, mit dem Bußgürtel und vollständigen Ordenskleid angetan, bis zu seinem seligen Tod verblieb. Während seiner Krankheit weilte sein Geist beständig in heiliger Betrachtung bei den göttlichen Wahrheiten. Man fragte ihn, wie er sich befinde, allein er gab keine Antwort. Doch zeugte sein freudestrahlendes Angesicht von der inneren Wonne, die er genoss und dann laut offenbarte durch Ausdrücke der glühendsten Liebe zu Jesus und Maria, und durch den Gesang der sieben Bußpsalmen, den er zur Verwunderung aller auf einmal anstimmte.

 

Nach Vollendung dieses heiligen Gesanges ermahnte er seine Mitbrüder zur standhaften Ausdauer im Dienste Jesu und Marias, denn Jesus dienen sei ja so viel, als mit Ihm im Himmel herrschen.

 

Indessen rückte der Vorabend des Festes der glorreichen Himmelfahrt des Herrn heran. Da fragte ihn ein Mitbruder, wie er sich fühle? Er aber antwortete: „Weißt du, mein Sohn, dass morgen die Feier der Himmelfahrt des Herrn ist?“ Der Bruder antwortete: „Ich weiß es!“ Und der Sterbende fuhr fort: „Glaubst du, dass mich mein göttlicher Heiland noch länger in einem so elenden Gefäß werde verbleiben lassen?“ Der andere schwieg. Darauf sprach der fromme Dulder: „Ich hoffe, von der göttlichen Barmherzigkeit gar bald aus dieser Gefangenschaft befreit zu werden!“

 

Er verlangte dann mit den heiligen Sakramenten der Sterbenden versehen zu werden, und empfing sie mit der innigsten Andacht und Rührung. Bald darauf genoss er des überschwänglichen Trostes, nochmals von der gnadenreichen Jungfrau Maria, mit dem Jesuskind auf dem Arm, heimgesucht zu werden, die ihn mit den liebevollen Worten anredete: „Franziskus! Was soll ich dir für eine Belohnung geben für deinen treuen Dienst und für deine große Liebe, die du allzeit zu mir getragen hast?“ Darauf antwortete das göttliche Christkind, statt des Sterbenden: „Es geziemt sich, dass derjenige, der uns so treulich geliebt hat, auch mit uns in den ewigen Freuden glückselig lebe!“ Und Mutter und Sohn sprachen alsdann zusammen: „Komm, komm, du getreuer Diener!“ – Und er hauchte seine Seele aus am Fest der Himmelfahrt Christi im Jahr 1326 im dreiundsechzigsten seines Alters. – Die selige Angela de Tolomei, seine Ordensschwester, sah in einem Gesicht, wie seine Seele in glänzendem Schimmer von den heiligen Engeln in den Himmel eingeführt wurde.

 

Als der selige Tod des frommen Marien-Dieners bekannt wurde, eilte das Volk scharenweise hinzu, um ihn zu sehen und zu verehren, und viele Kranke erhielten durch die Berührung seines Leibes ihre Gesundheit. Deshalb musste der heilige Leib mehrere Tage hindurch ausgesetzt bleiben, indessen die Geistlichkeit und das Volk durch Lob- und Psalmen-Gesänge den Herrn in seinem treuen Diener priesen und verherrlichten.

 

Doch es sollte auch der Traum seiner Mutter, als sie ihn noch unter ihrem Herzen trug, im vollsten Sinne des Wortes verwirklicht werden. Nach den ältesten und bewährtesten Zeugnissen – stieg gleich nach dem Tod des Franziskus Patrizzi aus dessen Mund eine schöne blühende Lilie hervor, auf deren einzelnen Blättern mit goldenen Buchstaben die Worte: „Ave Maria“ geschrieben standen. (Auf Bitten des Königs von Frankreich beim ServitenOrden und der Stadt Siena, wurde diese Lilie ihm übersandt, die in so großer Verehrung bei den Franzosen verblieb, dass, wenn einige nach Siena kamen, ihre erste Frage immer lautete: „Wo ist der Leib des seligen Franziskus, aus dem Orden der Diener Marias?“)

 

Endlich wurde sein Leib, in Gegenwart des Bischofs, des Stadtrates und des gesamten Volkes von Siena, in einen hölzernen Sarg gelegt, und in der Kapelle Unserer Lieben Frau beigesetzt.

 

Es hatten aber die Bewohner der ganzen Stadt solche Verehrung zu diesem seligen Diener Gottes und Marias gefasst, dass sie jährlich eine Prozession zu seinem Grab hielten und öfters bei schweren Zeiten den heiligen Leib erhoben, und durch die Stadt feierlich herumtrugen. – Da sich die Anzahl der auf die angerufene Fürbitte des seligen Franziskus Patrizzi gewirkten Wunder täglich vermehrte, beschloss der Bischof und der Magistrat von Siena, eine herrliche Begräbnisstätte ihm zu errichten, was zu verschiedenen Malen geschah, nämlich im Jahr 1516, 1609, 1686 und 1714. Immer fand man seinen Leib unverwest.

 

Ob dieser immerwährenden Verehrung, und der bei seiner Anrufung gewirkten Wunder, erklärten die Päpste Benedikt XIV. und Clemens XIII. ihn als einen seligen Bewohner des Himmels und approbierten seine Verehrung. Sein Fest wird am 8. Juni begangen.

 

7. Zu Rom, auf dem Monte cavallo, dem päpstlichen Palast gegenüber, steht das kleine Kirchlein zum heiligen Andreas, das man seines Schönheit und Zierlichkeit wegen „la gemma romana – den römischen Edelstein“ zu nennen pflegt. Es ist die Kirche des Noviziat-Hauses der Gesellschaft Jesu. Im zweiten Stock dieses Hauses ist das Zimmerchen (jetzt in eine Kapelle umgestaltet), worin der heilige Stanislaus Kostka starb. An den beiden Enden dieses Zimmers ist ein Altar, der eine dem Herzen Jesu, der andere dem Herzen Mariä geweiht. Zwischen diesen Altären an der Seitenwand ist ein Ruhebett, worauf die Statue des sterbenden Jünglings Stanislaus in Lebensgröße liegt, das Kreuz in der Hand, um das der Rosenkranz geschlungen ist. Alles ist vom kostbarsten Marmor, Kopf, Hände und Füße von weißem, das Ordenskleid von schwarzem, alles Übrige von farbigem. Die Statue ist von einem der größten Künstler ausgeführt und so gelungen, dass es scheint, als ob wirklich Stanislaus tot – als Leiche – hier läge. Hinter ihr an der Wand ist ein prächtiges kolossales Gemälde, wo himmlische Jungfrauen, und besonders die heilige Barbara, Agnes und Cäcilia dem sterbenden Stanislaus entgegenkommen und Blumen auf den Weg streuen, auf dem er in den Himmel einziehen soll. Hoch oben erwartet ihn, von Engeln umgeben, die allerseligste Jungfrau Maria, die Himmelskönigin, mit ausgestreckten Armen, mit sehnsuchtsvollem Blick, um ihren teuren Sohn an ihr mütterliches Herz zu drücken, und ihn einzuführen in die Freuden des Paradieses.

 

Was hier in diesem Bild zur Darstellung gekommen ist, das hat sich wirklich zugetragen, als St. Stanislaus von dieser Welt gehen sollte.

 

Wenige Tage zuvor sah man diesen unschuldigen Jüngling noch ganz gesund am Tisch sitzen und einen Brief schreiben.

 

Und an wen schreibt er?

 

Ach, ein gläubiges, kindliches Herz kann sich daran nicht ärgern – er schreibt an die heilige Mutter Gottes.

 

Und was schreibt er ihr?

 

„Ach, meine liebste Mutter“ – so schrieb er – „du weißt, ich bin von Jugend auf dein Eigentum gewesen; ich habe dich so innig lieb und es ist mir hart, so lange von dir getrennt zu sein; sieh, das Fest deiner Himmelfahrt ist nahe; ich möchte es so gerne schon im Himmel feiern: o lass mich sterben aus Liebe zu dir, nimm mich schon für dieses Fest in den Himmel auf!“

 

Er siegelte den Brief, er legt ihn auf den Altar, wie einst Ezechias in anderer Absicht den Brief des Syrerkönigs auf den Altar des Heiligtums gelegt hatte.

 

Maria erhört die Bitte.

 

Weniger von dem leichten Fieber, als von der Liebe verzehrt, liegt Stanislaus am Fest „Mariä Himmelfahrt“, mit fröhlichem Angesicht, das Kreuz, den Rosenkranz und ein kleines Bildchen der Muttergottes in der Hand, auf dem Sterbebett.

 

„Was tust du denn jetzt mit dem Rosenkranz?“ sagte ein Pater zu ihm, „du kannst ihn ja nicht beten!“

 

Stanislaus lächelte und sprach mit schwacher Stimme: „Er ist ja etwas von meiner lieben Muttergottes, deswegen verehre ich ihn; ja, weil er von ihr ist, so gewährt es mir einen Trost, wenn ich ihn auch nur anschaue!“

 

„Ach!“ sagte dann der Pater, „wie wirst du dich erst erfreuen, wenn du in kurzer Zeit Maria in ihrer Glorie sehen, und, wenn sie dich zu sich gerufen hat, ihre Hände küssen und an ihr Herz sinken wirst!“

 

Bei diesen Worten kam Stanislaus ganz außer sich, sein Gesicht war ganz erregt, mit Freude und Jubel erhob er die Augen und Hände himmelan, nahm das Bildchen der Muttergottes, küsste es und drückte es mit Liebe und Frömmigkeit an sein Herz.

 

Als man ihm die letzte Wegzehrung brachte, verlangte er, dass man ihn auf die Erde niederlege; und er empfing mit der größten Demut, Freude und unaussprechlicher Lieblichkeit seines jungfräulichen Angesichtes den Leib des Herrn. „Die Zeit ist kurz“, rief er dann, „die Zeit ist kurz!“ und nachdem er Gott nochmal innigst für seine Erschaffung, für seine Erlösung, für seine Berufung in die Gesellschaft Jesu gedankt und dabei das Kruzifix, das er in den Händen hielt, auf das Zärtlichste anblickte, fügte er die Worte des Psalms bei: „Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit!“ Ps 56,8 – Als das Ende nahe war, sprach er ganz leise die Namen Jesus und Maria aus, die, wie man glaubt, in Begleitung der heiligen Jungfrauen, die er besonders verehrte, ihm entgegen gekommen ist, und hauchte seinen Geist so ruhig und sanft in die Hände seines Schöpfers aus, dass man nicht wusste, ob er schon tot oder noch lebend sei. Die Farbe seines Angesichtes war noch frisch, seine lieblichen Augen, gegen Himmel gewendet, glänzten und waren nicht gebrochen.

 

Da hielt man ihm das Bild der Muttergottes vor die Augen. Er küsste es nicht mehr, er gab kein Zeichen mehr seiner Zärtlichkeit zu Maria. – Nun ist es gewiss, Stanislaus muss tot sein, denn leben könnte er nicht ohne seine Liebe auszudrücken zu Maria, seiner teuren Mutter.

 

8. Die heilige Opportuna war von vornehmer und reicher Herkunft und der heilige Alphons von Liguori bezeichnet sie sogar als eine aus königlichem Stamm Entsprossene. Wie dem auch gewesen sein mag, ihr Herz war nicht von der Liebe zum Irdischen ergriffen. Gott allein blieb stets das Ziel ihrer Zuneigung und nächst Gott herrschte die allerseligste Jungfrau Maria unumschränkt in dieser Seele.

 

Als Opportuna Oberin des Klosters Montreuil (bei Alménosches, im Sprengel von Séez) geworden war, in das sie einst gleich einem schüchternen Lamm, das zum guten Hirten flüchtet, sich zurückgezogen hatte, war sie ihren Schwestern ein Vorbild aller jener Tugenden, die der einzige Schmuck der Bräute des unbefleckten Lammes sind. Die heilige Muttergottes, diese Mutter der Reinheit, war jedoch das Muster, dem nachzuahmen sie sich ganz besonders bemühte. Ihren Klosterfrauen empfahl sie gleichfalls diese getreueste Nachfolge Mariä an. Das Bildnis der Königin der Jungfrauen fand sich deshalb auf jedem Schritt dieser stillen, andächtigen Gemeinde. Der heilige Name Mariä war ohne Ende im Mund ihrer frommen Töchter. Die Lobpreisungen Marias wiederhallten Tag und Nacht in dieser Zufluchtsstätte des Friedens. Und die Tugenden Marias waren der reine Spiegel, in dem sich diese Mägde Gottes unaufhörlich beschauten, um sich ihres himmlischen Bräutigams würdiger zu machen. Opportuna, nach ihrer Stellung die erste in dieser Schwesternschaft, überbot auch alle im Diensteifer und in der Heiligkeit.

 

Es ist demnach auch nicht verwunderlich, dass ihr im Jahr 970 erfolgter Tod durch eine große Gnade der heiligen Muttergottes bezeichnet wird.

 

In jenem Augenblick nämlich, da Opportuna im Begriff stand, diese elende Erde zu verlassen, sandte ihr Maria aus den Wohnungen der Seligen zuerst die heilige Cäcilia und die heilige Lucia, zu denen Opportuna ihr ganzes Leben hindurch eine besondere Andacht nährte, und um deren Fürsprache bei Gott sie auch oft und mit großer Inbrunst gefleht hatte. Allein, gleich wie eine gute Königin sich nicht damit begnügt, eine erkrankte teure Prinzessin auf ihrem Schmerzenslager nur durch einige Frauen ihres Gefolges besuchen zu lassen, sondern in eigener Person der Kranken einen Beweis ihrer Zuneigung geben und ihr selbst Trost und Beruhigung bringen wird, so kam auch die erhabene Muttergottes, die Königin aller Engel und aller Heiligen, nicht zufrieden, zwei der reinsten Jungfrauen ihres himmlischen Hofstaates zu Opportuna gesandt zu haben, selbst in die Zelle der heiligen Äbtissin von Montreuil. – Bei ihrem Anblick rief die Sterbende selig entzückt zu den versammelten Schwestern, die andächtig um das Schmerzenslager ihrer Mutter knieten: „Verneigt euch, meine Töchter! Hier ist Maria, unsere himmlische Gebieterin. Sie kommt in Huld, um mich abzuholen. Ihr empfehle ich euch alle an! Lebt wohl! In dieser Welt, ja, wo alles vergänglich ist, sehen wir uns nicht wieder! Ich gehe euch in jene Welt voran, wo alles dauernd und ewig ist!“ Bei diesen Worten streckte sie der gebenedeiten Jungfrau Maria, die von ihr allein gesehen wurde, die Arme entgegen, und unter dieser frommen Anstrengung gab sie sanft den Geist auf.

 

Glückseliger Tod! – Möchte, o gnadenreiche Jungfrau Maria, der meine ein ähnlicher sein!

 

9. Die heilige Elisabeth, Königin von Portugal, nahm nach ihrem Tod ihres Gemahls Dionys das Ordensgewand des dritten Ordens des heiligen Franziskus von Assisi, und ihre Verehrung der heiligen Jungfrau Maria war eine so große, dass sie die vierzig Tage, die dem Fest „Mariä Himmelfahrt“ vorhergehen, alle Samstage im Jahr, und an allen Vorabenden der Marianischen Feste bei Wasser und Brot fastete. Täglich nach der heiligen Messe betete sie den Rosenkranz und das kleine Offizium. – So wurde ihr denn auch in ihrer letzten Stunde das Glück zuteil, von der heiligen Muttergottes besucht zu werden. Ihre Schwiegermutter war nämlich bei Elisabets Verscheiden gegenwärtig und hörte sie ausrufen: „O liebe Mutter, o liebe Mutter, mach doch der Himmelskönigin Platz, die sich gewürdigt hat, mich durch ihre süße Gegenwart zu stärken! Siehst du sie nicht in ihrem blendend weißen Gewand?“ Alsdann flehte Elisabeth, noch wenige Augenblicke vor dem Sterben, ihre erhabene Trösterin also an: „O Maria, Mutter der Gnade und Barmherzigkeit, beschütze mich vor den Anfällen des bösen Feindes und nimm mich in der Stunde meines Todes in deine Arme auf!“

 

10. Die heilige Margareta von Ungarn war eine Tochter des Königs Bela von Ungarn, die Schwester der heiligen Kunigunde, Königin von Polen, die Nichte der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und die Großnichte der heiligen Hedwig, Herzogin von Polen. Sie stammte in gerader Linie von dem heiligen Stephan, Emmerich und Ladislaus ab, die alle drei nacheinander die Krone von Ungarn getragen hatten, und mit dem Gelübde dieses edlen Stammes ging auch der Keim jener Tugenden auf sie über, der ihn damals in den Augen des Himmels und der Erde zum herrlichsten Geschlecht der Welt gemacht haben. – Besonders war die Verehrung der erhabenen Mutter Jesu Christi in diesem erlauchten Haus erblich, und die junge Prinzessin Margareta wurde dem Grundsatz ihrer Vorfahren nicht untreu. Sie war noch nicht vier Jahre alt, da ihre Eltern sie den Dominikanerinnen zu Weisbrunn bei Gran übergaben, um von ihnen erzogen und zur Übung aller Tugenden in der Nachfolge Jesu und Mariä herangebildet zu werden. Ihr Verstand und ihr Eifer für die göttlichen Dinge fand eine so schnelle Entwicklung, dass sie in einem Zeitraum von sechs Monaten mit den Nonnen das Offizium der heiligen Jungfrau Maria beten konnte. Wo immer sie ein Bild der heiligen Muttergottes sah, fiel sie vor ihm auf die Knie und begrüßte die Himmelskönigin andächtig mit dem Gruß des Engels. An den Vorabenden der Marienfeste ernährte sie sich nur von Brot und Wasser, und sie stellte das Kloster auf der Donauinsel, das ihr Vater gegründet hatte, unter den Schutz und den Namen der gebenedeiten Jungfrau. Immer, wenn sie den Namen der Königin aller Heiligen aussprechen hörte, fügte sie hinzu: „Muttergottes und meine Hoffnung!“ An jedem Festtag Marias betete sie tausendmal den Englischen Gruß und begleitete ihn stets mit einer Kniebeuge. – Als nun diese bewunderungswürdige Prinzessin in den letzten Zügen lag, kam die heilige Jungfrau Maria, von einer großen Schar von Engeln und Heiligen begleitet, zu ihr und setzte ihr, unter huldvollster Begrüßung, eine Krone auf das Haupt. Sie sah zugleich eine Leiter, die bis in den Himmel reichte, und auf der, wie es schien, die heilige Jungfrau zurückkehrte, während Margareta in unsäglicher Wonne ihr Schritt für Schritt, gestärkt durch die Krone, die sie trug, nachfolgte.