Erinnerungen ans Sterben

 

Zwei Mittel zur Vorbereitung auf den Tod

 

Das Menschenangesicht, wenn es in einen Sonnenuntergang blickt, sieht golden aus, so auch unser Leben, wenn es stets dem kommenden Tod ins Gesicht schaut.

 

Es gibt aber zwei Dinge, die ganz besonders zur Vorbereitung auf den Tod gehören: das erste ist eine beständige Danksagung für den Tod Jesu, das zweite der beständige Aufblick zur allerseligsten Muttergottes.

 

Das erste Mittel ist die beständige Danksagung für den Tod Christi. Jeder selige Tod entspringt aus ihm. Wenn er nicht gestorben wäre, wie würden wir es wagen, zu sterben? Er ist der Schöpfer, er erfand die Strafe des Todes. Auch er musste ihn leiden, er war sein eigenes Gesetz der Liebe. Er hat die Tore erweitert und Lampen über ihnen aufgehängt. Groß war der Glaube der alten Patriarchen, Propheten und Könige. Aber wie verschieden ist der Tod für uns! Christus ist gestorben. Eine neue Schöpfung wäre gewiss eine geringere Veränderung. Wie der Tod die besondere Strafe war, die Gott für die Sünde erfand, so war der Tod unseres Herrn, gerade sein Tod und nichts anderes, der besondere Preis, den der Vater für die Erlösung der Welt forderte. Deshalb ist der Tod Jesu das Leben eines jeden von uns. Wir leben, weil er gestorben ist. Was für ein markierter Zug muss also in allen unseren Gebeten die Danksagung für den Tod Christi sein! Über dies haben wir durch seinen Tod seine Mutter als unser Erbteil erlangt. So ist der Tod Jesu mit unserem Tod verflochten. Die Danksagung für seinen Tod ist das beste Gebet für unseren eigenen. Wie der Vater gerade seinen Tod als den Preis unserer Erlösung bestimmte, so muss unsere Andacht gerade seinen Tod zum Gegenstand unserer Liebe und unseres Lobes bestimmen!

 

Das zweite Mittel ist der beständige Aufblick zur allerseligsten Muttergottes, da sie eine ganz besondere und eigentümliche Macht über das Totenbett hat. Die Kirche weist uns wiederholt darauf hin in ihren Hymnen und Antiphonen, sowie im Ave Maria. Die Offenbarungen der Heiligen, die Lehre ascetischer Schriftsteller, und das allgemeine Gefühl der Gläubigen vereinigen sich, um die Macht zu verkündigen, die ihr Gott in dieser besonderen Hinsicht verliehen hat. Einige haben von ihrer Macht als von dem Lohn gesprochen, den Jesus ihr gewährte für ihre heldenmütige Gegenwart mit ihrem gebrochenen Herzen auf dem Kalvarienberg. Andere haben gesagt, dass diese Macht ihr gehöre als Königin der Barmherzigkeit, weil die Stunde des Todes so wunderbar eine Stunde der Barmherzigkeit ist. Alle stimmen überein, dass das Totenbett ein Gebiet der Kirche bilde, das, wenn wir so vertraut sprechen dürfen, Maria von Amtswegen gehört. Wir würden daher nicht im Einklang mit der Kirche sein, wenn diese Betrachtung nicht einen praktischen Einfluss auf unsere Andacht zur Muttergottes hätte. Die Erfahrung aller, die an Heiligkeit zunehmen, ist, dass sie auch an zärtlichster Andacht und tiefster Ehrerbietung gegenüber unserer gebenedeiten Mutter zunehmen. Wir lernen sie stets von neuem kennen und fangen an, sie so zu lieben, wie wenn das, was wir früher für sie gefühlt haben, kaum den Namen „Liebe“ verdiente. Wie unsere übrige Andacht zu ihr wächst, so muss auch unsere Abhängigkeit von ihrem Beistand in unserer letzten Stunde in unserem Herzen wachsen. Wir sollen immer mehr sie darum bitten. Wir sollen einen Vertrag mit ihr machen, zu dem wir ihre Einwilligung voraussetzen: dass sie entweder selbst oder durch ihre Engel uns mit ihrer Gegenwart in jenem furchtbaren Augenblick stärken wolle. Wir sollen ihr unsere Besorgnisse anvertrauen, und der Leitung ihrer mütterlichen Sorgfalt jeden von jenen Umständen des Todes überlassen, deren geringste Einzelheit für uns von so ungemeinem Interesse ist.

 

(Aus: Geistliche Reden von P. Frederik William Faber)