Das ernste "M" in unsern beiden Händen

 

1. Als einst ein Priester eine Betrachtung über die Worte der allerseligsten Jungfrau Maria im Magnifikat: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten“ anstellen wollte, hob er seine Hände zum Himmel empor und bat den Herrn, er möge ihn diese seine Barmherzigkeit recht erkennen lassen, damit er sie, sowie ihr Wesen und ihre Bedingungen auch seinen Zuhörern zu verkünden im Stande sein möge.

 

In diesem Augenblick des Gebets schaute er auf seine ausgebreiteten Hände, und sah die beiden Buchstaben, die einem jeden Menschen ziemlich deutlich in die innere Handfläche eingeschrieben sind. Und diese Buchstaben heißen in der rechten Hand – M und auch in der linken Hand – M.

 

Und was mögen wohl diese Buchstaben bedeuten?

 

Diese Worte können bedeuten: „Memento mori! Gedenke, dass du sterben musst!“ Das ist allerdings eine gute lehrreiche Auslegung.

 

Aber sinnbilden sie nicht auch etwas, das über den Tod hinausragt und aus der Ewigkeit uns entgegen leuchtet? O ja, auch in dieser Beziehung gibt es eine Auslegung, die recht klar und verständlich ist. Man kann in der einen Hand das Wort „Misericordia – Barmherzigkeit“ lesen, und in der anderen Hand dasselbe Wort „Misericordia – Barmherzigkeit“.

 

Gottes Barmherzigkeit wird demjenigen zuteil, der mit beiden Händen d.i. mit der Hand des Herzens und mit der Hand des Willens danach verlangt und sich ihrer würdig macht. „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten“ singt und frohlockt deshalb die göttliche Gnadenmutter.

 

Betrachten wir die beiden Buchstaben M und M noch einmal. Sie haben zum Dritten eine hehre Bedeutung. Sie rufen uns zwei trostvolle Worte ins Gedächtnis, nämlich: „Mater Misericordiae – Mutter der Barmherzigkeit“. Und wer ist diese Mutter der Barmherzigkeit? Die Antwort gibt uns das Grußgebet unserer heiligen katholischen Kirche: „Salve Regina, Mater Misericordiae, Vita Dulcedo et Spes nostra salve. Sei gegrüßt, o Maria, Königin. Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt.“

 

Ach, Maria ist es ja, die uns das kindliche Vertrauen auf Gottes und ihre Barmherzigkeit einflößt, auf dass wir dem uns vorgesteckten Ziel, einem „Guten Tod“ unverdrossen und ohne je zu ermüden auf dem Kreuzweg Jesu Christi entgegengehen, damit uns, indem wir einen guten Kampf kämpfen, den Glauben und ein gutes Gewissen bewahren (1 Tim 1), ein weit offener Eingang in das ewige Reich unseres Herrn Jesus Christus wird bereitet werden (2 Petr 1).

 

2. Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, ist unsere Zuversicht im Leben und im Sterben. Im Hinblick auf ihre Tröstungen in Not und Tod ruft deshalb der heilige Bernhard einem jeden Christen zu: „Folge ihr, so wirst du nicht verzagen; denk an sie, so wirst du nicht in Irrtum gestürzt; nicht fällst du, wenn sie dich hält; nichts hast du zu fürchten, wenn sie dich führt; nicht wirst du ermüden unter ihrer Leitung; Gnade wirst du finden durch ihre Huld.“

 

Es war im Jahr 1492, am 3. August, als Christoph Columbus sein Admiralschiff, genannt „Santa Maria“ bestieg, um, von Portugal aus gegen Westen hinsegelnd, einen neuen Kontinent zu entdecken. Aber die Fahrt dauerte lange. Schon wurden seine Leute verzagt, und fingen an zu murren und zu klagen, wie einst die Israeliten in der Wüste. Endlich, am 11. Oktober, um 10 Uhr nachts, erblickt Columbus ein Licht. Und nun rufen alle voll Jubel und Freude: „Licht! Licht! Land! Land!“ Die Leute fielen sich in die Arme, und sanken ihrem Admiral zu Füßen. Man ging in die Schiffskapelle, Gott zu danken und der Priester stimmte das Te Deum an. Die Schiffe landeten bei der ersten Insel der neuen Welt, die von Columbus den Namen des allerheiligsten Erlösers, das ist „San Salvator“ erhielt.

 

Welch ein schönes Bild für uns!

 

Auch unsere Fahrt eilt gegen Westen, gegen Untergang hin. Denn: „es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben!“ (Hebr 9,11) Werden wir aber dann die Neue Welt, das himmlische Vaterland auffinden, nach dem unser Herz so sehnsuchtsvoll Verlangen trägt?

 

Besteigen wir doch voll Zuversicht jenes Schiff, genannt „Santa Maria“! Flüchten wir uns mit kindlichem Vertrauen zu unserer Mutter, Maria, der „Mater Misericordiae, der Mutter der Barmherzigkeit“ und gewiss unsere Ankunft in jener Welt wird geschehen bei „San Salvator“, bei dem liebenden Herzen unseres göttlichen Erlösers. Mit Freude werden wir hintreten und hingeführt werden zur Gemeinschaft derjenigen, die Gott von Ewigkeit vorausgesehen, berufen, gerechtfertigt hat, und mit denen er auch uns im Himmel auf ewig verherrlichen wird.

 

Beten wir deshalb recht oft und innig, zur Vorbereitung auf einen guten Tod, das Gebetlein zur „Mater Misericordiae“, das uns unsere heilige Kirche bereits auf dem Schoß unserer Mutter gelehrt hat: „Heilige Maria, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“

 

(Aus: Das betrachtende heilige Magnificat von B. Höllrigl)