Der Schwanen-Orden

 

(Aus: Der Schwanen-Orden, Freiherr von Rattonitz)

 

Burggraf Friedrich von Nürnberg aus dem Haus Hohenzollern, der im Jahr 1417 mit der Mark Brandenburg belehnt wurde und die Kurwürde empfing, stiftete die „Gesellschaft Unser Lieben Frauen zum Schwan“ oder den „Schwanen-Orden“ im Jahr 1440 am Tag des heiligen Erzengels Michael, und wählte die St. Marien-Kirche auf dem alten Berg bei der Stadt Brandenburg, die durch ganz Deutschland eine große Berühmtheit erlangt hatte und wohin zahlreiche Pilger wallfahrteten, zum Mittelpunkt derselben. Die Aufsicht über den Orden übertrug er dem im Jahr 1435 bei der genannten Kirche gestifteten Prämonstratenser-Kloster.

 

Die erbauliche Urkunde zu dieser Stiftung lautet: „Wir Friedrich von Gottes Gnaden Markgraf zu Brandenburg, des heiligen römischen Reichs Erzkämmerer und Burggraf zu Nürnberg, bekennen offenbar in diesem Brief vor allen, die ihn sehen oder hören lesen: dass wir mannigfaltig, unter mancherlei Bekümmernissen, betrachten die große Gnade, Hilfe und Wohltat, die Wir empfangen von der hochgelobten Königin, der Jungfrau Maria; denn sie ist es, die uns die Gnade wieder erworben und gebracht, die unsern Trost und Seligmacher, unsern Herrn Jesus Christus zu dieser Welt getragen hat, der um unsre Schuld vor ihren Augen den bitteren Tod leiden, und uns von dem ewigen Tod lösen wollte. Diese ist auch unsre stete Vertreterin bei unserm Herrn, also dass alle Sünder und Sünderinnen sichere Zuflucht zu ihr haben mögen, zu denen sie ihre barmherzigen Augen gnädig aufschlägt und sie mildiglich wieder zu Gnaden bringt. Und wiewohl um ihrer unaussprechlichen Güte und Gnade willen für niemand hier auf der Erde genugsam zu loben oder ihr danken mag (denn sie wird von Engeln, Patriarchen, Propheten, Aposteln und allen himmlischen Geistern gepriesen und billig geehrt: wer möchte sie genugsam loben, sie, die in dem Himmel mehr, denn alles Lobes, würdig ist?), so sollen wir dennoch hienieden, obgleich wir Sünder sind, ihr Lob nicht verschweigen, sondern mit ganzem Fleiß und stetem treuen Dienst verkündigen, und ihr Lob und ihren Dienst vermehren nach unserm Vermögen. Denn die reine Jungfrau Maria ist so voll Gnaden und überfließender Mildigkeit, dass sie uns alle zu ihrer Gütigkeit anzieht, indem sie sagt: „Kommt zu mir alle, die ihr meiner begehret, und ihr sollt von mir erfüllt werden!“ Und obwohl alle Leute zu ihrem Dienst und Lob verpflichtet sind; so ist doch billig, dass diejenigen, welche auf dieser Erde mehr Ehre und Lob durch die Gnade ihres Sohnes empfangen haben, mehr und höher, denn andere Leute, ihr Lob und ihre Würdigkeit verkündigen und ihren Dienst vermehren. Und da wir nun in dieser Welt erhöht sind, darum wir unserm Herrn und der lieben Mutter und Jungfrau Maria billig und innig danken; so erkennen wir wohl, dass Wir auch ihr Lob und ihren Dienst nach unserm wohlbedachtem Muth, rechtem Wissen und freiem Willen angefangen und selbst angenommen:

 

Einen Orden Unser Lieben Frauen, den wir tragen in solcher Andacht und Meinung, dass unser Herz in Betrachtung unsrer Sünden in bitteren und Wehetagen gleich in einer Premse sein soll (Die Mitglieder der Gesellschaft trugen eine Kette, in deren Gliedern, die damals „Premsen“ genannt wurden, rote Herzchen befestigt waren. An der Kette hing das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria und unter diesem einen Schwan.), und wir ferner der Gnaden und der Hilfe der Jungfrau Maria, die uns angeboten und die wir täglich sehen, in unserm Herzen nicht vergessen, und dass wir auch unser Ende, wann wir von dieser Welt scheiden werden, zuvor gleich dem Schwaan bedenken (Bei den alten Völkern ging die Sage, dass der Schwan kurz vor seinem Tod einen Gesang anstimme, und sich auf diese Weise zum Sterben vorbereite.) und uns dazu einrichten sollen, also dass wir in Unschuld der Seele befunden werden. Und wiewohl in allen Städten Unser Lieben Frauen Lob billig verkündigt wird, so ist es doch rätlich, dass wir die Städte fürder ehren, die sie selbst ausgewählt und mancherlei Wunderwerke gewürdigt hat, deren viele in der Welt sind, und namentlich in unserm Lande Brandenburg, wo der hochgeborne Fürst, Herr Heinrich, der Wenden König selig, eine schöne Kirche gebaut, und wo Unsre Liebe Frau viele Gnade erwiesen hat und täglich erweist. Diese haben wir zu unsrer Gesellschaft sonderlich erwählt und auserkoren, und haben gestiftet und stiften Kraft dieses Briefes: dass der Dechant und die Herren auf dem Berge und ihre Nachkommen durch einen Priester und einen Schüler – alle Tage Unsrer Lieben Frauen Messe und alle Abende „Salve Regina“ singen sollen. Und auch dass der Dechant und seine Mitbrüder und ihre Nachfolger dieses also zu ewigen Zeiten halten, so haben Wir ihnen eine Rente und Güter dazu gegeben und zugeeignet, wie unsre darüber gegebene Briefe ausweisen.

 

In dieser Gesellschaft sollen sein zu uns dreißig Personen, die echt und recht zu Helm und Schild geboren sind, und sieben Frauen. Wir und diese sollen geloben und halten, alle Tage zur Ehre und zum Lob Unser Lieben Frauen zu beten mit Innigkeit und Andacht sieben Vaterunser und sieben Ave Maria, oder dafür armen Leuten sieben Pfennige zu geben, und an allen ihren Festabenden (Vigilien), wie diese jährlich in der Kirche begangen werden, zu fasten, und die Feste selbst mit großer Würdigkeit zu begehen. Hierin soll auch kein Ehebrecher und Unkeuscher sein, denn die keusche Mutter ist wohl keuscher Diener würdig. Hierin soll auch kein Verräter oder Räuber sein, denn solche Bosheit und Gewalt gehören nicht zu ihrem Dienst. Alle, die in dieser Gesellschaft sind, sollen auch an allen Quatembern des Jahres vier Böhmische Groschen senden dem Dechant und seinen Mitbrüdern auf dem Berg, wofür sie mit Vigilien und Seelenmesse zu vier Zeiten im Jahr, das Andenken aller, die in dieser Gesellschaft gestorben sind, begehen, ihre Namen verkündigen und ihnen vor dem Volk Gnade erbitten sollen. Und wenn jemand in der Gesellschaft verstirbt, so soll dessen Zeichen, das er getragen hat, Unser Lieben Frauen auf dem Berg geschickt und dabei geopfert werden, wofür alsdann der Dechant und seine Mitbrüder sein Gedächtnis mit Vigilien und Seelenmessen begehen sollen. Und zum Begängnis soll der Dechant auf dem Berg alle einladen, die in der Gesellschaft sind, und sie sollen dazu kommen, oder, wer selbst nicht kommen möchte, einen ehrbaren Mann für sich senden, und was dem Dechant dies an Botenlohn und Zehrung kostet, das sollen die aus der Gesellschaft verrichten und gütlich bezahlen.

 

Wer in dieser Gesellschaft ist, oder in sie kommen wird, der soll vorsätzlich nicht zu viel trinken, weil davon viel Sünde und Bosheit kommt, und derjenige seine Sünden nicht betrachten mag, der sich selbst nicht kennt. Er soll auch seinen Mitgenossen treulich helfen und beistehen, weil zu solcher Gesellschaft wohl gehört, dass die in Treue sich behandeln, die zum Dienst der Allertreuesten mehr, denn andere Leute, sich verpflichten.

 

Das Zeichen dieser Gesellschaft, wie wir es bestimmt haben, soll ein jeder, der darin ist, täglich tragen, und diese vorgenannten Punkte stets, fest und unverbrüchlich halten. Wenn jemand das Zeichen nicht trägt, der soll, sooft er darin säumig befunden, dem, der ihn findet, acht Pfennige geben, die den armen Leuten zufallen sollen.

 

Zur Urkunde mit unserm anhangenden Insiegel versiegelt, und gegeben zu Berlin nach Gottes Geburt tausendvierhundert im vierzigsten Jahr am St. Michaels Tag.“ –

 

Dieser Orden erhielt auch bald die Bestätigung des Papstes Nikolaus V., und wurde in der Weise erweitert, dass noch mehr Mitglieder, als die in der Stiftungs-Urkunde festgesetzte Zahl, aufgenommen werden konnten.

 

Er hat nicht volle hundert Jahre bestanden, sondern erlosch allmählich, als die „Reformation“ in der Mark Brandenburg angenommen wurde, und verfiel gänzlich seit 1539, in welchem Jahr dem Prämonstratenser-Kloster auf dem alten Berg die Annahme neuer Mitglieder untersagt wurde. –