Der Orden der heiligen Brigitta

 

(aus: „Chrysostomus“ von Franz Seraph Häglsperger)

 

Die heilige Brigitta wurde um das Jahr 1302 geboren. Ihre Eltern stammten aus der königlichen Familie Schwedens. Brigitta wurde von einer ihrer Tanten erzogen. Die seltenen Tugenden dieser Frau wurden das Vorbild, dem die emsige Schülerin, sobald sie sie begreifen konnte, nachzuahmen sich bemühte. Ihre Kindheit zeichnete sich durch eine ganz besondere Vorliebe für alle religiösen Übungen aus. – Der Stand der Ehe, in den die gottinnige Jungfrau später auf den Rat ihrer Eltern trat, verminderte in nichts ihren frommen Eifer. Als ihr Gatte einst schwer erkrankte, erwirkte sie von Gott dessen Heilung durch die Inbrunst ihrer Gebete und namentlich der Anrufung der Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria. Doch gerade diese Erkrankung ließ den frommen Mann so recht die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens innewerden, und mit der Zustimmung seiner Gemahlin zog er sich nach seiner Wiedergenesung in ein Kloster des Ordens von Cîteaux zurück, in dem er nach einigen Jahren im Ruf der Heiligkeit starb. –

 

Brigitta, nunmehr frei geworden, entsagte als Witwe dem fürstlichen Stand, um sich gänzlich dem Wandel auf dem ernstesten Bußweg widmen zu können. Sie verteilte ihr Vermögen unter ihre Kinder, und strebte, alles vergessend, was sie in der Welt je im Besitz hatte, nur nach dem in Christus Jesus glorreichen Namen einer „Magd der Armen“. Die Pflege der leidenden Glieder des göttlichen Erlösers, das Gebet und die Abtötung wurden ihre liebsten Beschäftigungen. –

 

Bald nach dem im Jahr 1344 erfolgten Tod ihres Gemahls stiftete die heilige Brigitta einen Orden mit der hehren Bestimmung: die allerseligste Jungfrau Maria an einem jeden Tag zu verehren. Sie gründete deshalb zu Wadstena (Wastein) in der Diözese Linköping in Schweden ein Kloster und besetzte es mit 60 Nonnen. In ein anderes, von diesem Kloster gänzlich abgesondertes Gebäude nahm sie 13 Ordenspriester auf, zu Ehren der zwölf Apostel und des heiligen Paulus, 4 Diakonen, um die vier Kirchenlehrer Ambrosius, Augustinus, Gregorius den Großen und Hieronymus darzustellen, und endlich 8 Laienbrüder zur Verwaltung und Besorgung der weltlichen Angelegenheiten (Die Kirche war gemeinschaftlich, jedoch der Art gebaut, dass die Mönche und Nonnen sich nicht einander sehen konnten.). Die Anzahl der Nonnen, Diakonen und Laienbrüder zusammen sollten die 72 Jünger Jesu Christi darstellen. „Ordo Salvatoris, Orden vom Weltheiland“ wurde diese neue Stiftung genannt, weil der Erlöser selbst der heiligen Stifterin die zur Aufrechthaltung der regulierten Zucht nötigen Satzungen in einer Vision vorgesprochen haben soll.

 

Nach diesen Satzungen ist der Zweck des Ordens – die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria durch die Nonnen. Denn die Religiosen in dem benachbarten Gebäude sind nur dazu eingeführt, um den Gottesdienst in der Klosterkirche zu halten und die Seelsorge zu üben. – Demnach beschäftigen sich die Nonnen täglich mit der kindlichsten Verehrung, Anrufung und Nachahmung Marias. Täglich wohnen sie auch einem Hochamt zu Ehren der Gebenedeiten des Herrn bei, nach dem sie stets das „Salve Regina!“ singen müssen. – Um den wahren Geist des Evangeliums zu bewahren, haben die Nonnen, indem sie den ersten Christen nachahmen sollen, die alle in Christus Jesus ein Herz und eine Seele waren, nicht nur alles gemeinschaftlich, sondern sie beobachten auch namentlich noch den Gebrauch: Ehe die Vesper beginnt und nachdem man feierlich das „Ave Maria!“ gebetet hat, bitten sie einander um Verzeihung. Der erste Chor neigt sich tief vor dem andern und spricht: „Verzeihet uns aus Liebe zu Gott und seiner heiligen Mutter Maria, wenn wir euch durch Worte, Werke oder Zeichen beleidigten, denn auch wir verzeihen, wenn ihr uns in irgendetwas beleidigt habt, von ganzem Herzen!“ Der zweite Chor neigt sich dann gleichfalls und entgegnete mit derselben Bitte. – Zur Nachahmung der Armut und Entbehrungen Marias ist das Fasten häufig und streng und das heilige Stillschweigen fast beständig. – An der Pforte der Kirche erblickt man eine Bahre und einen Sarg, damit die Eintretenden sich alsbald erinnern, dass sie sicher einmal sterben und eine jede Seele sich recht würdig zu dem Gang in die Ewigkeit vorbereiten müsse, um in jeglichem Augenblick mit Freude zum Sterben bereit zu sein. – Im Kirchhof des Klosters bleibt stets ein Grab geöffnet. An jedem Tag müssen die Äbtissin und die Nonnen vor das Grab hintreten. Nach einem Gebet und Betrachtung wirft dann die Äbtissin ein wenig Erde in das Grab, um anzudeuten, wie auch einer jeden Nonne Leib dereinst in das Grab eingesenkt werden wird. – Die Kleider einer Verstorbenen werden als Almosen verteilt, und so lange wird ein Armer außerhalb des Klosters mit Speise und Trank unterhalten, bis eine neue Nonne an die Stelle der Abgeschiedenen eingetreten ist. – Alle Jahre vor dem Fest Allerheiligen berechnet man, wie viel etwa die Lebensmittel für das folgende Jahr betragen können, und am Allerseelentag verteilt man den ganzen Überfluss an die Hilfsbedürftigen in des Klosters Umgegend, so dass der Orden immer nur das Notwendigste besitzt.

 

Die Kleidung der Klosterfrauen besteht in einem grauwollenen Rock mit Kutte und Mantel von gleicher Farbe; der Mantel wird mittelst eines hölzernen Knopfes zusammengehalten und im Winter mit Schaf-Fellen gefüttert. Das weiße Vortuch geht auf beiden Seiten am Gesicht hinauf, begrenzt die Stirn und wird auf dem Scheitel durch eine Nadel befestigt. Darüber tragen sie einen schwarzen leinenen Weihel und auf ihm die Krone von weißer Leinwand mit fünf kleinen Blutstropfen (sinnbildend die heiligen fünf Wunden Jesu Christi, geistig eingesenkt in das Herz der schmerzhaften Muttergottes). – Die Kleidung der Religiosen hat die gleiche Farbe wie die der Nonnen; die Priester haben, zur Unterscheidung, auf der linken Brust ein rotes Kreuz mit einer weißen Hostie in der Mitte; die Diakonen einen weißen Kreis mit einer roten Flamme, und die Laienbrüder ein weißes Kreuz mit fünf Blutstropfen. –

 

Zur Aufnahme in den Orden ist für die Nonnen das achtzehnte und für die Religiosen das fünfundzwanzigste Lebensjahr Bedingung. Die um Aufnahme Bittenden werden drei Mal, je auf drei Monate zurückgewiesen und müssen daher ihr Gesuch eben so oft wiederholen. Auf diese Weise ist der Eintritt erst nach einer jahrelangen Bewerbung möglich, während welcher Zeit jede Person ihren inneren Beruf hierzu erproben soll. – Nach bestandenem Probejahr erscheint der Bischof der Diözese an der Kirchentür und lässt die Postulantin, erst nach abermals bestimmt ausgesprochenem Entschluss und nach manchen Fragen über ihr vergangenes Leben, ein. Eine rote Fahne mit einem Kruzifix auf der einen und einem Marienbild auf der anderen Seite wird von ihr getragen; jenes soll sie zur Geduld und Armut, dieses zur Beobachtung der Demut und Keuschheit ermuntern. Die Postulantin bleibt am Eingang der Kirche stehen, während der Bischof einen Ring weiht und ihr ihn an den Finger steckt. Sodann liest der Bischof die heilige Messe. Die Postulantin entrichtet beim Offertorium ihr Opfer, kehrt aber wieder an ihren Platz zurück und bleibt daselbst, bis sie der Zelebrant nach Einweihung des Ordenskleides durch zwei Priester abholen lässt. Jetzt tritt sie barfuß zu ihm, zieht an einer Ecke des Altares ihre weltlichen Kleider bis auf den Rock aus und empfängt das Ordensgewand. Hierauf fährt der Bischof in der heiligen Messe fort, wendet sich dann nach der Stelle, wo die Brautpaare gewöhnlich eingesegnet werden, und setzt hier – unter Gebet – der Postulantin die Krone der Klosterfrauen aufs Haupt und beschließt alsdann die heilige Messe. Nach ihrer Beendigung wirft sich die geistliche Braut vor ihrem Bischof auf die Erde nieder und bleibt liegen, während der Bischof die Litanei absingt, erhebt sich dann und empfängt die heilige Kommunion. Indessen haben vier Klosterfrauen die in das Kloster führende Tür geöffnet, treten jetzt mit einer Bahre herein und tragen auf ihr, vom Bischof begleitet, die geistliche Braut ins Kloster. –

 

Der so eingerichtete Orden verbreitete sich hauptsächlich in den nordischen Reichen, für die er höchst segensreich wurde. – Dann hatte er auch einige Häuser in Frankreich und Italien, wo er zurzeit noch zwei sehr reiche Klöster besitzt, in deren einem nur Frauen oder Töchter von höheren Ständen aufgenommen wurden. – Vor der französischen Revolution und Säkularisation in Deutschland bestanden noch einige dieser Doppelklöster in Franken und zehn in Deutschland. – In England befand sich ehedessen nur ein Kloster des Brigitten-Ordens zu Middlesex an der Themse, zehn Meilen von London. Es war im Jahr 1413 von Heinrich V. mit wahrhaft königlichem Prachtaufwand gegründet worden. Da es eine beträchtliche Beute darbot (seine Einkünfte beliefen sich auf 1700 bis 1900 Pfund Sterling), so war es auch eines der Klöster, das man unter Heinrich VIII. schamlos plünderte. Die Königin Maria gab es an die Äbtissin zurück, allein schon unter Elisabeth wurde es abermals eingezogen und die vertriebenen Nonnen flüchteten sich nach Mecheln, Rouen usw. Endlich ließen sie sich zu Lissabon nieder, wo ihnen König Wilhelm II. und mehrere fromme Personen die nötige Hilfe gewährten und eine portugiesische Matrone, die in ihren Orden getreten war, ein ererbtes Grundstück schenkte. – Überhaupt hatte dieser Orden das Unglück, dass die meisten seiner Klöster gerade in jenen Ländern lagen, in denen die Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts alle Denkmale des kirchlichen Lebens zerstörte und so wurde er größtenteils ein Opfer der sogenannten Reformation. – Nur das Kloster zu Wadstena wusste sich auch unter jenen Religionswirren wie durch ein Wunder ziemlich lang zu erhalten. Seine Bewohnerinnen ertrugen mit christlichem Heldenmut Verfolgungen und Schmähungen der Protestanten und fanden an Johann III. und am päpstlichen Nuntius Pater Possevin edle Beschützer. In die Hände des letzteren legten sieben Jungfrauen das Gelübde ab. Als Herzog Carl von Södermanland, Gustav Adolphs Vater, auf dem Herrentag zu Söderköping im Jahr 1595 den Beschluss durchgesetzt hatte, die letzten Überreste des Papsttums in Schweden auszurotten, wurde auch das Kloster zu Wadstena, das letzte und berühmteste in ganz Schweden, gänzlich aufgehoben. – Nunmehr ist es ein protestantisches Fräulein-Stift!