Die Gründung der Stadt Waitzen

 

Geisa und Ladislaus, die Söhne des unglücklichen Bela, Königs von Ungarn, der sich im dritten Jahr seiner Regierung bei einem Gericht in der königlichen Villa Dömös zu Tode gestürzt hatte, ritten (so erzählt die Legende) einst vor der Schlacht von Mogyorod zusammen und besprachen sich über die Schlacht. Plötzlich rief Ladislaus: „Sahst du nichts?“ Geisa antwortete: „Ich habe nichts gesehen!“ Ladislaus aber sagte: „Während wir unter uns redeten, stieg ein Engel vom Himmel; er hielt eine goldene Krone in den Händen und drückte sie dir auf das Haupt; daher bin ich gewiss, dass wir siegen! Soliman wird aus dem Reich fliehen, und Reich und Krone wird der Herr dir übergeben!“ Geisa erwiderte: „Wenn Gott durch die milde Fürsprache Marias mit uns ist und uns vor den Feinden schützt und dein Gesicht in Erfüllung geht, dann erbaue ich auf diesem Platz eine Kirche zu Ehren der heiligen Muttergottes!“

 

Als der Sieg nun wirklich errungen war, zog Geisa mit Ladislaus und mehreren Kriegern hin zu jener Stätte, wo Ladislaus die Erscheinung gehabt hatte und plante über den Bau der Kirche. Da erschien plötzlich ein Hirsch mit brennenden Geweihen und lief waldeinwärts, dort aber, wo jetzt die Stadt Waitzen sich erhebt, hemmte er seinen Lauf. Einige Krieger schossen Pfeile auf ihn ab, der Hirsch sprang jedoch in die Donau und verschwand. Geisa baute nun sofort, da, wo der Hirsch verschwunden war, die Kirche zum Preise der allerseligsten Jungfrau Maria vom Sieg, stiftete einen Bischofssitz und gründete eine Stadt. „Waitzen“ aber nannte er sie, weil in der ganzen Gegend niemand lebte, als ein einziger Eremit, der den Namen „Waitzen“ trug.

 

(Auch an der Stelle, wo Ladislaus die Engel-Erscheinung geschaut hatte, baute Geisa eine Kapelle und widmete sie dem Apostelfürsten Petrus.)

 

Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sah man Ruinen der von Geisa erbauten Kathedrale; die jetzige prachtvolle Domkirche ist ausgeführt von dem Bischof Migazzi, der nachher Kardinal und Erzbischof von Wien gewesen ist.

 

(Aus: Geschichte der Ungarn von Feßler)