Der Baldachin aus Sieges-Trophäen

 

Zur einen Seite des Städtchens Huy an der Maas sieht man von einem Hügel herab ein freundliches weißes Kapellchen aus einem Rahmen grüner Bäume schauen. In dem Kapellchen steht auf dem Altar ein wundertätiges Liebfrauenbild.

 

An Festtagen, besonders aber am Beginn des Monat Mai, der in Belgien einzig der heiligen Muttergottes geweiht ist, und in dem sie in allen Kirchen auf einem prächtigen Blumenhügel unter goldenen Baldachinen thront, findet man die ganze Kapelle mit silbernen Gaben geschmückt, die einst fromme Seelen dankbaren Herzens für erlangte Gnaden dort opferten. Das Bild selbst trägt dann zwei große Himmelsschlüssel aus reinstem Gold, und Ketten und Spangen, mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, und Blumen und Weihrauch wetteifern, die süßesten Düfte um die liebe Jesusmutter zu verbreiten. Aus der ganzen Gegend eilen die Pilger scharenweise in die Kapelle und eine Prozession folgt der anderen auf dem gelben Pfad, der sich durch die grüne Decke des Berges zur Spitze hinanwindet. Fahnen wehen und heilige Lieder schallen und der Hügel und das ganze Städtchen scheinen im festlichen Gewand zu prunken.

 

Der schönste Schmuck aber, der den Altar ziert, obschon auch zugleich der unscheinbarste, das sind zahlreiche Fahnen, Rossschweife, Pfeilköcher und anderes Kriegsgerät, das das Marienbild thronartig überdeckt. Wie dieses Kriegsgerät dahin gelangte, das kündet uns folgende Sage:

 

Bei Huy im Tal lebte ein Mann, der einst ganz Europa zu den Waffen rief, um das Grab des Erlösers wieder den Händen der Türken zu entreißen. Peter, der Einsiedler, wohnte da in einer Höhle, die man noch zeigt, und die einst ein Denkmal schmückte, das später durch die blutbefleckten Hände räuberischer Franzosen von da entführt wurde.

 

Als Peter wieder nach Belgien zurückkehrte, da war sein erster Gang zu der Höhle, in der er so manche Stunde in frommer Beschauung verbracht hatte und aus der er ausgezogen war zu dem großen Werk. Da erflehte er sich nochmals Mut und Kraft von Gott zur Fortsetzung und glücklichen Beendigung seines Strebens und pilgerte dann zur Kapelle des Hügels, um sich da die Fürsprache der heiligen Gottesmutter zu erbitten.

 

Neugestärkt trat er in das Städtchen und hielt nun eine seiner glühendsten, begeistertsten Predigten. In treffenden Worten schilderte er die Leiden der Christen des heiligen Landes, die rohe Wut der Ungläubigen, klagte über die Schmach, dass das Grab des Gottmenschen, dass alle heiligen Stätten, wo er einst lebte, noch in also unheiligen Händen seien, und dann forderte er die Ritter und Bürger auf, nicht die Letzten zu sein, wo es gelte, Palästina zu reinigen und zu befreien.

 

Wie lautes Schluchzen und manch kräftiger Fluch der Wut den ersten Teil seiner Rede unterbrachen, so erscholl der lauteste Befall, als er geendet hatte. Und alle drängten sich zu Peter, um das Kreuz zu empfangen, Jünglinge, Männer und Greise. An den folgenden Tagen lagen alle Gewerke still und ein jeder bereitete sich zu dem Zug vor. Nur die Hämmer der Waffenschmiede klangen lustiger, als je.

 

Noch waren nicht vierzehn Tage verflossen, als eines Sonntags morgens den Marktplatz von Huy dichte Scharen füllten. Die Kreuzfahrer waren dort in Reih und Glied versammelt und zogen von da, Kreuz und Fahne und Priester im festlichen Ornat an der Spitze, zu der Bergkapelle, um dort vor dem wundertätigen Bild der göttlichen Gnadenmutter, der „Hilfe der Christen“, sich den Segen des Himmels für das große Unternehmen zu erbitten.

 

Nach Beendigung der heiligen Messe sprengten die Priester das geweihte Wasser über alle. Alle empfingen den Leib des Herrn und Peter trat auf die Stufen des Altars und mahnte nochmals zum treuen Ausharren in dem frommen Werk. Dann erscholl der Jubelruf: „Gott will es!“ und mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel zog das Heer dahin, gefolgt von den Tränen und Segenswünschen der zurückbleibenden Angehörigen, besonders der Frauen.

 

Glücklich kamen die von Huy im heiligen Land an. Nur wenige von ihnen waren den Mühen der Reise erlegen. Spürbar waltete auch der Beistand des Himmels mit ihnen, denn wo sie im Kampf erschienen, da flohen die Ungläubigen, wie von unsichtbarer Macht bezwungen, und mehr denn einmal sprach ihr braver Anführer: „So die heilige Jungfrau Maria und Gottes Engel nicht mit uns streiten, dann begreife ich es nicht.“

 

Als der Sieg errungen und Jerusalem frei war, da erwarb auch keiner so hohen Dank und trug keiner mehr Siegeszeichen von Jerusalem mit sich, als die von Huy. Heilige und fröhliche Lieder erschollen abwechselnd auf ihrer Meerfahrt und auf ihrem Zug durch die deutschen Lande, und überall wurde ihnen herzlicher Willkomm und feierlicher Empfang beschert.

 

Herzlicher und feierlicher waren aber das Willkommen und der Empfang nirgend, als in der lieben Vaterstadt. Auf eine Stunde Weges waren die ihrigen ihnen entgegengeeilt und es standen die Priester und Mönche bereit, sie einzuholen. Eichenzweige zierten jeden Helm und Eichenlaub umschloss jeden Speer. So zogen sie in Huy ein, doch nicht, um da alsbald der Freude sich hinzugeben, ihr Zug durchkreuzte nur die Stadt und bald wehten ihre Fahnen der Kapelle entgegen, um da vor allem der heiligen Muttergottes Dank zu sagen für ihren Beistand, und um als Zeichen dieses Dankes und als Anerkennung, dass nur ihrer Fürbitte der Schutz zuzuschreiben sei, alle Trophäen, die sie gewonnen hatten, an ihrem Gnadenbild aufzuhängen. Erst als dies geschehen war und der Priester mit der Monstranz das Zeichen des Kreuzes gebildet, während Schellenklang ertönte und Weihrauchwolken aufwallten und somit alle gesegnet hatte, überließ sich jeder der Freude und die Feste und Spiele dauerten viele Wochen lang.

 

Noch prangen diese Siegeszeichen dort und gerne zeigt sie der freundliche Geistliche, der des Kirchleins wartet und gleich neben ihm wohnt. Auch die goldenen Himmelsschlüssel und manch andere hübsche Gabe bewahrt er und zeigt er gerne. Die Sage aber von den Kreuzfahrern weiß in Huy auch das kleinste Kind.

 

(Aus: Die Sagen Belgiens von Maria von Plönnies)