Das Bild "Maria de Victoria"

 

Als im Jahre Christi 1620 Friedrich V., Pfalzgraf und Churfürst, wider den Kaiser rebelliert, sich zum König von Böhmen aufgeworfen, zu Prag die Huldigung angenommen und schier ganz Böhmen zum kalvinischen Glauben gebracht hatte, so gar, dass diejenigen, die zuvor gut katholisch gewesen waren, verführt wurden, dass sie die Kirchen entweihten, die Altäre umrissen und die Bilder der Heiligen auf vielerlei Weise verunehrten: da ward der römische Kaiser Ferdinand II. genötigt, sich wider diesen seinen Feind zu setzen, und die böhmische Krone, die ihm rechtmäßig gebührte, dem Pfalzgrafen zu entreißen. Deshalb versammelte er ein ziemliches Kriegsheer, verlangte von den katholischen Reichsfürsten Hilfe und setzte den Herzog in Bayern, der damals noch nicht Churfürst war, zum Generalissimus über die kaiserliche und Reichsarmee. Dieser Bayernfürst nahm den gottseligen Pater Dominikus von Jesu Maria, aus dem Orden der Discalceaten, mit sich, der zur selben Zeit mit vielen Wunderzeichen leuchtete und von allen für einen heiligen Mann gehalten wurde.

 

Mit diesem frommen Pater und den beiden Armeen zog der Herzog nach Böhmen, die Stadt Prag zu belagern und den unrechten König daraus zu vertreiben. Als er nun eine Stadt nach der anderen, und endlich unweit von Prag in dem Schloss Starkonitz das Hauptquartier hatte, wurde der fromme Pater Dominikus durch den Geist innerlich angetrieben, in das Schloss zu gehen und es zu besichtigen. Nach Besichtigung unterschiedlicher Zimmer kam er in eines der unteren Gewölbe und fand allda einen Haufen allerlei zerbrochener und zertrümmerter Bilder und unter diesen eine Tafel, anderthalb Schuhe hoch und einen Schuh breit, ohne Rahmen und voll Staub und Kot.

 

Diese gemalte Tafel säuberte der gute Pater mit großem Fleiß und Andacht. Und als er sie rein ausgeputzt hatte, sah er ein schönes, anmutiges und freundliches Bildnis der heiligen Mutter Gottes, die mit gefalteten Händen und geneigtem Haupt vor dem Christuskindlein, das nackt vor ihr auf der Erde lag, demütig kniete und sich freundlich zu ihm neigte. Sankt Joseph stand hinter der Mutter Gottes mit einem Stock in der rechten, und einer Laterne in der linken Hand. Auf der linken Seite der Mutter Gottes, nahe bei dem Christuskindlein, standen zwei Hirten, die das Kindlein zu besuchen gekommen waren, und einer von ihnen zeigte mit einem Finger auf das liebe Kindlein. Als indessen der fromme Pater dieses liebliche, mit schönen Farben gemalte Bild andächtig beschaute, wurde er gewahr, dass der lieben Mutter Gottes und dem heiligen Joseph, wie auch den beiden Hirten, die Augen ausgestochen waren: das Kindlein aber, so seine Äuglein noch hatte, seine blinde Mutter ganz beweglich ansah. Welches erbärmliche Schauspiel dem gottseligen Pater so tief zu Herzen ging, dass er aus großem Mitleid bitterlich zu weinen anfing und die liebe Mutter Gottes ohne Unterlass auf ihre ausgestochenen Augen küsste, sprechend: „Ach du liebe Mutter Gottes, wer hat dir doch deine freundlichen Augen ausgestochen. Welches tyrannische Herz hat dich also mögen erblinden lassen! Nun kann ich ja vor diesem, deinem lieben Bild nicht sprechen: Eja unsere Fürsprecherin, kehre deine barmherzigen Augen zu uns, denn eine neidische Hand hat sie dir aus lauter Bosheit ausgestochen!“

 

Während der gute Pater das verunehrte Bild auf diese Weise mit seinen Tränen benetzte, wurde ihm vom Engel des Herrn geoffenbart: dass diese ungeheuerliche Verstümmelung der heiligen Mutter Gottes und Sankt Josephs durch kalvinische und gotteslästerische Hand mit einem Dolch wütend und tobend geschehen sei. Kein Dolch hätte dem mitleidigen Pater Dominikus tiefer können ins Herz gehen, als ihm diese himmlische Offenbarung ins Herz ging. Denn hierdurch wurde er zu solchem Mitleid bewegt, dass er mit vielen Seufzern und Tränen zu Gott schrie und seiner höchsten Majestät die ungeheuerliche Verstümmelung, so seinen allerehrwürdigsten Eltern, ja ihm selbst in diesem Bildnis geschehen war, inniglich beklagte. Er bat Gott auch inständig, er möge sich würdigen, seine und seiner Mutter Feinde zu Schanden zu machen und zu deren größeren Schmach seiner gebenedeiten Mutter Ehre in diesem Bild zu erhöhen und auszubreiten. Er tat auch ein ernstes Gelübde: „dass er, so viel an ihm wäre, diesem lieben Bild, wie auch der Mutter Gottes, die darin so gröblich verunehrt worden war, alle mögliche Ehre antun und sich bemühen wolle, dass es von anderen verehrt werden möge.“

 

Gleich nach getanem Gelübde offenbarte ihm der allmächtige Gott, dass die katholische Armee die ketzerische schlagen, und die Schmach, so die Kalvinisten diesem Bild angetan hatten, wieder rächen würde. Ja, er wurde versichert: „dass dieses Bild vor der ganzen Welt zu großem Ansehen kommen, mit vielen Zeichen und Mirakeln leuchten, und der höchste Gott, samt seiner werten Mutter auf vortreffliche Weise würde verehrt werden.“ Deswegen gab er seinem Begleiter dasselbe Bild zu tragen und sprach: „Pater, traget dieses Bild mit Ehrerbietung, denn ich weiß, dass es von der ganzen Welt wird verehrt werden, und der allmächtige Gott viele und große Wunderzeichen dadurch wirken werde.“

 

Hierauf ging er mit seinen Genossen zum Herzog von Bayern, wie dann auch zu allen Generalen und Offizieren, zeigte ihnen das liebe Bildnis, erklärte ihnen mit weinenden Augen, was für eine große Verstümmelung die Kalvinisten ihm angetan hätten, und bat sie durch die Liebe Jesu, Mariä und Josephs: sie möchten diese, der Mutter Gottes zugefügte Schmach rächen, und wider die gotteslästerischen Kalvinisten mit großem Mut streiten, indem er sie der Hoffnung versicherte: das liebe Christuskindlein und seine gebenedeiteste Mutter und der heilige Joseph würden ihnen beistehen, und hingegen den Kalvinisten ihre Augen verblenden. Danach wickelte er das heilige Bild in einen seidenen Überzug und trug es allezeit mit größter Ehrfurcht bei sich.

 

Als nun die Schlacht beginnen und jeder Offizier aus dem Kriegsrat zu seiner Stelle gehen sollte, gab Pater Dominikus allen und jedem das liebe Marienbild zum Küssen und vertröstete sie durch den Beistand Jesu und Mariä des Sieges. Eine halbe Stunde lang fochten beide Armeen stark miteinander, und konnte noch niemand wissen, wohin der Sieg sich lenken würde. Aber bald danach setzten die Kalvinisten so heftig auf den rechten Flügel der Kaiserlichen, dass sie diese ganz zertrennten und schon „Victoria!“ riefen. Da ritt der bayerische Fürst zu Pater Dominikus, der auf einem Berglein, wie ein anderer Mose, mit ausgespannten Armen betete, und schrie ihm mit weinenden Augen zu: „O, mein lieber Pater, wie geht es so schlecht her! Unsere Kämpfer verlieren, und fangen an zu fliehen; die Feinde aber gewinnen und rufen schon Victoria!“ Der Pater erwiderte: „Es ist nicht möglich, dass wir verlieren; denn der Gott der Heerscharen ist mit uns!“ Begehrte darauf ein Pferd, nahm in seine rechte Hand ein Cruzifix, hing sein liebes Marienbild an den Hals, ritt also bewaffnet mit dem Herzog in das Lager, flog durch alle Regimenter wie ein Blitz und ermahnte alle Soldaten zum eifrigen Kämpfen.

 

Indessen Dominikus also focht, sahen sowohl die Feinde als auch unsere Kämpfer, etliche himmlische, gewaffnete Männer vor ihm stehen, die mit aller Macht in die Feinde setzten und mit zweischneidigen Schwertern unter sie hieben. Man sah und hörte auch deutlich, dass sowohl aus dem Cruzifix, wie auch aus dem Marienbild, helle Blitze und Strahlen ausgingen und feurige Kugeln, gleichwie aus zwei Rohren, hervorgeschossen und unter dem Feind gewaltigen Schaden taten. Wegen diesem großen Wunderzeichen erschraken sich die Feinde dermaßen, dass sie zitternd und bebend davon flohen und alles, was sie hatten, im Stich ließen. Also erwarben unsere Kämpfer einen solchen herrlichen Sieg, daran der katholischen Kirche und dem römischen Reich unsäglich viel gelegen war.

 

Durch dieses große Wunder entstand nicht allein beim Pater Dominikus, sondern auch bei den Offizieren und Soldaten eine solche Ehrerbietung und Andacht zu diesem Marienbild, dass sie es mit großer Liebe und Andacht küssten und ihm den Namen „Sancta Maria de Victoria“ gaben.

 

Der Bayernfürst erkannte ebenfalls die Große Gnade, so ihm durch dieses heilige Bild widerfahren war; darum ließ er es hernach herrlich einfassen und zieren; der römische Kaiser ließ ihm eine überaus köstliche Krone machen und sie gar kunstreich über das heilige Bild anheften. Es wurde auch sowohl zu München als zu Wien von allen und jedem mit großer Ehrerbietung empfangen und mit sonderlicher Andacht verehrt. Ihre kaiserliche Majestät und der Fürst in Bayern schöpften solche Andacht und solches Vertrauen zu dem wundertätigen Bild, dass sie hernach in allen ihren gefährlichen Kriegen zu diesem heiligen Bild sich verlobten und die Hilfe der Mutter Gottes inständig anriefen.

 

(Aus: Die Mariensagen in Österreich von J. P. Kaltenbäck)