Maria vom guten Rat zu Genazzano

 

Vor etwa sechshundert Jahren lebte zu Genazzano, einem Ort, der nicht weit von Rom entfernt ist, eine fromme, gottselige Jungfrau. Petruzzia war ihr Name. Sie trat, um zu einer höheren Vollkommenheit des Lebens zu gelangen, in den dritten Orden des heiligen Franziskus von Assisi ein und weihte sich gänzlich dem lieben Gott. Besonders war sie der allerseligsten Jungfrau Maria mit Liebe zugetan. Sie scheute keine Kosten, um das ihrige zur Verherrlichung Gottes und der Mutter der göttlichen Gnade beizutragen.

 

Da erhielt sie einst in einer himmlischen Erscheinung den Auftrag, sie möchte – anstatt der Augustiner-Kirche – die zu klein und baufällig gewesen war, eine viel größere und schönere erbauen, wozu ihr auch der besondere Beistand von oben verheißen wurde. Voll des kindlichen Vertrauens auf Gott legte die fromme Jungfrau wirklich die Hand an das Werk. Sie verkaufte alle ihre zeitlichen Güter und ließ auf ihre eigenen Kosten die ganze herrliche Kirche erbauen. Es machte ihr die größte Freude, als sie sah, wie schnell es mit dem Bau der Kirche vorwärts ging. „O“, rief sie öfter, in seliger Ahnung versenkt, die frohlockenden Worte aus, „welch eine vornehme Frau wird in diese Kirche einziehen, und ich hoffe mit aller Zuversicht, sie vor dem Schluss des Jahres vollständig ausgebaut zu sehen!“

 

Noch stand die Kirche nicht ausgebaut, als sich schon in einem viel höheren Grad, wie vorher, die wundersame Macht offenbarte, mit der Gott diese neue Kirche Marias begnadete. Denn fast um dieselbe Zeit geschah es, dass Scutari, eine Stadt in Albanien, von den Türken erobert wurde. In besagter Stadt befand sich ein Marienbild, das mit frischen Farben an die Mauer gemalt war, und unter dem Namen „Maria vom Paradies“ großer Ehre unter den christlichen Bewohnern genoss. Die Türken entweihten alle christlichen Kirchen zu mohammedanischen Moscheen, zerstörten die Bilder Christi und seiner Heiligen, und bald wäre auch das genannte anmutige Marienbild ein Opfer ihrer vandalischen Wut geworden. Allein Maria, die glorreiche Himmelskönigin, duldete nicht die Schmach, die ihr hier in der Vernichtung ihres Bildes sollte zugefügt werden. In der Stadt Scutari lebten zwei Familien, de Sclavis und Giorgi mit Namen, die sich durch ihre Glaubenstreue auszeichneten, und ihr mit besonderer Hingebung dienten. Sie erschien daher beiden Familien und gab ihnen den Auftrag, dass sie ihr Gnadenbild in Scutari, das für einen anderen Ort bestimmt sei, auf der Wanderung begleiten möchten. Beide Familien erklärten ungesäumt ihre Bereitwilligkeit. Und siehe! schon wollten sie den Weg antreten, als sich das Marienbild selbst von der Kirchenmauer zu Scutari losschälte, und gleich einem freundlichen Regenbogen, wie man dies jetzt noch in dem Bild schauen kann, in den Wolken erschien. Damit jedoch die frommen Begleiter dem Bild desto leichter nachfolgen konnten, dazu zeigte ihnen, wie dies schon im Alten Bund mit den Israeliten geschah, zur Nachtzeit eine Feuersäule und am Tag eine lichte Wolkensäule den Weg. Mit trockenen Füßen überschritten sie das adriatische Meer, und gelangten unter dem stets sichtbaren Schutz Gottes nach Rom. Dort verschwand ihr fliegendes Bild samt den geheimnisvollen Säulen vor ihren Augen, und erschien allplötzlich – am 25. April des Jahres 1467 nachmittags zur Vesperstunde an der noch rauen Mauer der Augustinerkirche zu Genazzano. Zu gleicher Zeit fingen die Glocken, als wollten sie den feierlichen Einzug der Himmelskönigin ankündigen und das andächtige Volk ermuntern, diese in ihrem wunderbaren Bildnis zu verehren, von selbst zu läuten an. Alsbald strömte das Volk scharenweise zusammen. Alle freuten sich beim Anblick des so schönen Gnadenbildes Marias und ihres göttlichen Kindes. Viele fragten voll frommer Neugierde: „Ei, woher kommt denn dieses wunderbare Bild?“ Niemand konnte sich dieses geheimnisvolle Ereignis erklären. Endlich erschienen die Begleiter des Bildes, innerlich von Gott erleuchtet, nach Genazzano. Sie erzählten dem staunenden Volk, wie sie durch eine himmlische Erscheinung gemahnt wurden, dem hehren Bild zu folgen und wie sie hierher kamen. Die Leute glaubten ihnen umso lieber, da sie mit ihren eigenen Augen das Wunder sahen, und auch die Nachwelt kann und muss ihren Aussagen Glauben schenken, weil die wunderbare Erscheinung bis auf den heutigen Tag fortdauert. Denn noch immer schwebt Mariens heiliges Bild zu Genazzano auf eine wunderbare Weise ganz unverletzt und frei in der Luft, wobei die Entfernung des Bildes von der Mauer einen Zoll beträgt. Auch ist das Bild noch, wie früher, der alte, dünne, leicht zerbrechliche Überzug der Mauer, aber so mild und lieblich, dass es eigentlich mehr ein Werk der Engel, als der Menschen zu sein scheint.

 

Dieses Wunderbild führte früher den schönen Namen „Maria vom Paradies“; im Jahr 1587 wurde es aber „Maria vom guten Rat“ genannt, weil die Kirche zu Genazzano, wo das Bild erschienen war, eben denselben Namen hatte.

 

Kaum war aber das wunderbare Bild erschienen, so wurde Genazzano ein außerordentlich besuchter Wallfahrtsort. Fast ganze Völkerschaften strömten herbei, um das Gnadenbild zu sehen und der allerseligsten Jungfrau Maria ihre Verehrung zu bezeigen. Unzählige Wunder geschahen dort durch die Anrufung ihrer Fürbitte bei Gott. Ja, es ereigneten sich, wie dort unzählige Votivtafeln beweisen, so viele Wunder, dass nicht leicht an einem anderen Gnadenort die Gottesmutter sich hilfreicher erwiesen hat, als wie zu Genazzano. Papst Paul I. sandte, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen, zwei Bischöfe, die im Ruf großer Gelehrsamkeit standen, nach Genazzano. Und als ihre Berichte hierüber die Wahrheit des lauten und allgemeinen Gerüchtes bestätigten, und während ihrer Gegenwart von wenigen Tagen 159 wunderbare Gebetserhörungen und auffallende Wunder an Blinden, Lahmen und Bresthaften stattgefunden hatten, zögerte der Papst nicht länger, die öffentliche Verehrung dieses marianischen Gnadenbildes zu erlauben und gutzuheißen. – Seinem Beispiel folgten die späteren Päpste. – Urban VIII. zog bei Gelegenheit einer Pest, die in einigen Ländern Italiens große Verheerungen anrichtete, mit zahlreichem Gefolge nach Genazzano, um das wunderbare Bild zu besuchen. – Papst Innocenz XI. brachte eine goldene Krone zum Geschenk. – Der gelehrte Papst Benedikt XIV. approbierte die „Bruderschaft zu Ehren der Muttergottes vom guten Rat in Genazzano“, und schrieb sich selbst als erstes Mitglied ein. – Die Kongregation der Riten bewies ihre gläubige Verehrung dadurch, dass sie sowohl dem Secular- als Regularclerus von Genazzano das Officium und die Messe dieses Festes erlaubte. – Im Jahr 1733 erhob die genannte Congregation dieses Fest zum rutus secundae classis, und dehnte es auf die ganze Diözese aus. – Verschiedene geistliche Orden hielten auch um die Erlaubnis an, das Fest „Maria vom guten Rat“ feiern zu dürfen, und erhielten sie ohne langes Warten.

 

Daraus erklärt es sich, dass von dem Gnadenbild zu Genazzano sehr viele Abbildungen gemacht wurden. Und diese Abbildungen vermehrten sich umso schneller, da man die Erfahrung machte, dass auch diejenigen, die die allerseligste Jungfrau in Abbildungen des Gnadenbildes zu Genazzano verehrten, von ihr mit unerschöpflichen Gütern der Seele und des Leibes bereichert wurden. – Eine solche Abbildung befindet sich zu Prag, und wird in der Kirche St. Catharina, auf einem kostbaren Altar, unter einem großen Zustrom von Gläubigen, noch heut zu Tage verehrt. – Solche Abbildungen der göttlichen Mutter von Genazzano erblickt man auch in Rom, Messina, Palermo, Catana und in anderen Städten. – Andreas Bacci, Kanonikus bei St. Markus in Rom, bekennt in einem eigenhändigen Schreiben: „dass er allein schon 97.000 solcher Abbildungen vom wundertätigen Marienbild von Genazzano verschenkt, und solche zu verschenken nie in seinem Leben unterlassen werde.“ Auch hat er viele solche Abbildungen durch verschiedene Missionare in weit entlegene Länder und Reiche versendet, und sogar nach Afrika und Brasilien, von wo er zu seiner Freude vernahm, dass auf die Fürbitten „Marias vom guten Rat“ wunderbare Gebets-Erhörungen erfolgt seien. Es ist nicht auszudrücken“, schreibt er, „wie viele gute Früchte sowohl zum Nutzen des Leibes, als auch vorzüglich der Seele durch die Andacht bei den Abbildungen dieses Gnadenbildes von Genazzano an allen Orten hervorgebracht worden sind. So wurde der Friede in weltlichen und auch in geistlichen Häusern wieder hergestellt, und die gefährdete Jugend zur Buße und heiligen Besserung des Lebens bewegt. Einige wurden von hartnäckigen Krankheiten, andere vom Krebs, von der Schwindsucht, von Augenflüssen und hitzigen Fiebern befreit. Reisende wurden aus großer Lebensgefahr errettet. Rechtshändel, die man schon für verloren hielt, wurden auf eine gesegnete Weise geschlichtet und beendet. Verlorene Schuldscheine, Geld und andere Kostbarkeiten wieder gefunden. Viele Eltern hatten das Glück, ihre Kinder gut zu versorgen, und viele erhielten in ihren geistlichen Nöten die innerliche Ruhe mit einer frohen Aussicht in die Ewigkeit.“

 

Eine ähnliche Abbildung der Gottesmutter von Genazzano ist auch in der Wallfahrtskirche zu Gstaig bei Feldkirchen im Innkreis zu sehen. – Eine fromme Frau hatte das Bild von ihrem Bruder, der ein Augustiner-Mönch von Mülln bei Salzburg war, zum Geschenk erhalten, und stellte es daselbst zur Verehrung auf. Auch hier sind viele wunderbare Erhörungen des Gebets geschehen, was die Votiv-Tafeln, die an allen Seiten der Kirche bis hoch hinauf angebracht worden sind, bestätigen. – Leider geschah es durch die so viel Heiliges und Altehrwürdiges zerstörende Aufklärungssucht, unter der Regierung des Kaisers Joseph II., dass man viele solcher Gedenktafeln entfernte, oder gar verbrannte. Manche von ihnen fanden jedoch ihre Rettung durch fromme Familien, die diese Unterpfänder kindlicher Dankbarkeit sorgsamst in ihren Häusern aufbewahrten. Und trotz ihres Beraubtseins hörte die allerseligste Jungfrau „Maria vom guten Rat“ zu Gstaig nicht auf, die Wohltaten ihrer liebreichen Fürsprache bei Gott zu versichtbaren, und wieder fingen die frommen Leute an, wohl wissend warum, die Votiv-Tafeln in der Kirche zu Gstaig aufzuhängen. Dies geschah aber etwa nicht, wie so gerne der Welt Unglaube voll Spott annimmt, aus blindem Nachahmungstrieb, aus alberner Gewohnheit in solchen Fällen, oder aus Aberglauben, dies hat nur die kindlich liebende Verehrung Marias, sowie die aufrichtigste Dankbarkeit für die erflehte und empfangene Hilfe getan! –

 

Auch der Abt des Zisterzienserstiftes Stams im Oberinntal in Tirol ließ, auf Verlangen des Priors und nachmaligen Abtes Vigilius Kranicher, eine ganze getreue Abbildung dieses Gnadenbildes in Genazzano selbst verfertigen, die am 17. Mai 1757 in Stams anlangte. Hier wurde sie zuerst auf dem Hochaltar ausgesetzt, dann aber in feierlicher Prozession in die heilige Bluts-Kapelle übertragen. Da gerade bei dem Ausgang des Zuges um acht Uhr des Morgens sich auf eine ungewöhnliche Weise über der Kapelle ein doppelter Regenbogen zeigte, hielt man dies für eine sehr günstige Vorbedeutung. Und wirklich rechtfertigten viele außerordentliche Gnadenerweisungen das in die Fürbitte Marias gesetzte Vertrauen, wovon in kurzer Zeit ein ganzes Buch verzeichnet wurde. Der Dank derjenigen, deren Gebet hier Erhörung gefunden hatte, zeigte sich in vielfältigen Opfergaben. Selbst die durchlauchtigste Kaiserin Maria Theresia verehrte dahin einen ganzen, von ihr eigenhändig gestickten Ornat für die Gottesdienste und ein den Preußen im Krieg ehedessen abgenommenes Feldzeichen. – Da ein jeglicher Mensch gar oft des „guten Rates“ bedarf, so verbreitete sich die Verehrung Marias als der „Mutter des guten Rates“ immer mehr aus, besonders in jenen Seelsorgsstationen, die unter dem Patronat des Stiftes stehen, im nahen Ötztal, wie im fernen Passeier. – Schon im Jahr 1757 wurde in Stams die „Bruderschaft zu Ehren der Mutter vom guten Rat“ errichtet, mit der in Genazzano vereinigt, und, wie jene, von Benedikt XIV. mit vielen Ablässen und Privilegien begnadigt. Das Titularfest wird jährlich am Sonntag nach dem Fest der heiligen Anna, sodann vom 5. Bis 13. August eine Novene gefeiert. –

 

Im Jahr 1858 kamen wiederholt viele Pilgrime aus Epirus nach Rom, um das wundertätige Gnadenbild zu Genazzano zu besuchen. – Der türkische Sultan hatte nach der Beendigung des Krimkrieges 1856 die Herstellung der Kirche Marias vom guten Rat zu Scutari erlaubt, und es wollten die guten Katholiken auch das Gnadenbild für sie heimholen. Da dies aber nicht erreicht werden konnte, ließen die Augustiner durch einen bayerischen Hofmaler in Rom eine schöne Kopie von ihm anfertigen, die im Oktober 1859 der heilige Vater Pius IX. segnete und den Gesandten aus Epirus übergab, der sie freudigst und dankbar übers Meer in ihre Heimat überbrachte. –

 

Heilige Maria, Muttergottes, schenke uns, deinen Kindern, stets deinen guten Rat, und erbitte uns zugleich auch von Gott die Gnade, dass wir ihn immer getreulich befolgen! –

 

(Aus: Beschreibung von Gstaig von D. Kastner)