Die himmlische Lehrmeisterin

 

Die selige Oringa (Christiana vom hl. Kreuz, + 4. Januar 1310) wollte im Bistum Lucca, und zwar auf göttliche Eingebung, ein Kloster erbauen, um darin mit einigen gleichgesinnten Schwestern Gott und Maria zu dienen. Die Eigentümer des Platzes, der ihr in einer Vision als der dazu geeignete war angedeutet worden, opferten ihn bereitwilligst zu dem so ehrwürdigen Zweck. Noch ein angrenzendes kleines Häuschen musste aber dazu erworben werden, um dem Bau die nötige Ausdehnung zu gestatten. Der Besitzer des Häuschens, namens Tridianus, verweigerte indes mit Beharrlichkeit den Verkauf. Auch die angebotene, überaus angemessene Entschädigung wies er ab. Nichts vermochte ihn zum Verkauf zu bewegen. Da sprach Oringa: „Weil denn niemand hienieden das Herz dieses Mannes rühren kann, so lasst uns einen Vermittler im Himmel suchen!“ Sie flüchtete sich in die abgeschiedenste Einsamkeit und empfahl im Gebet dieses ihr Anliegen Christus Jesus, dem Herrn, durch Maria. Und siehe da. Am anderen Tag und schon in aller Frühe vernahm man an der Tür der Wohnung ein lebhaftes Klopfen. Tridianus stand draußen und bot der Jungfrau und ihren Schwestern das noch gestern so entschieden verweigerte Häuschen an, indem er ausrief: „Nehmt es hin, um welchen Preis ihr es immerhin wünscht, oder auch ohne Preis! Es soll euer sein!“ Zugleich offenbarte er, dass er durch die Erscheinung der allerseligsten Jungfrau selbst, deren er in der jüngsten Nacht gewürdigt wurde, zu diesem Entschluss den guten Rat empfangen habe.

 

Das Kloster und die Kirche erhoben sich nach und nach an der besagten Stätte und erhielten den Namen „Maria Novella“.

 

Nun erwiesen sich aber die Bewohnerinnen dieses Klosters wohl als recht fromme Seelen und treue Dienerinnen Jesu und Marias, aber als gar wenig unterrichtet, denn alle, wie auch Oringa, konnten nicht einmal lesen. Oringa, erkennend, wie notwendig ihr, der Vorsteherin des Klosters, das Kundigsein im Lesen sei, um ihre Untergebenen gleichfalls darin zu unterrichten, wandte sich auch in dieser Not an Maria und flehte inbrünstig um ihren mütterlichen Rat. – Die heilige Muttergottes erschien ihr nun mit einem Buch in der Hand, dessen Buchstaben im Glanz des Goldes strahlten. Sie reichte es der Oringa dar, mit der Aufforderung, darin zu lesen. Beschämt schlug die Oberin die Augen nieder, und sprach demütig: „Meine Herrin, ich kann nicht lesen!“ Maria erneuerte ihren Auftrag zum zweiten und zum dritten Mal, und zum zweiten und dritten Mal stammelte Oringa, und zwar immer noch tiefer beschämt, ihre Entschuldigung. Die göttliche Mutter gab ihr jetzt feierlich die Versicherung: dass ihr Wunsch erfüllt sei und sie ganz gewiss lesen könne. Durch die Vermittlung Marias, der himmlischen Lehrmeisterin, konnte nun Oringa allplötzlich lesen. Ja sie war im Stande, das Psalterium, das zu jener Zeit, wegen der vielen Abkürzungen, nicht so leicht zu verstehen war, ganz genau zu lesen und auch ihre übrigen Mitschwestern im Lesen desselben bestens zu unterrichten. Und so war – auf dem Weg des erflehten Marien-Rates – endlich erreicht, dass die Schwestern Gott und seine heilige Mutter im Chorgebet recht würdiglich zu loben und zu preisen vermochten. –

 

(Aus: Züge aus dem Leben frommer Seelen)