Die allerbeste Ratgeberin

 

Maria wird von der Kirche in der Lauretanischen Litanei als die „weiseste Jungfrau“ angerufen, denn sie befand sich am hochheiligen Pfingstfest an der Spitze der Apostel, als sie den Heiligen Geist empfingen. „Und wie sie ihrer Würde und Stellung nach alle übrigen unendlich übertraf“, bemerkt St. Thomas von Villanova, „so empfing sie auch die sieben Gaben des Heiligen Geistes in einem höheren Grad, unter denen eine der vorzüglichsten die Gabe des Rates ist“.

 

Maria wird von der Kirche in der vorgenannten Litanei auch als der „Sitz der Weisheit“ angerufen. Jesus Christus, von dem der Apostel Paulus bezeugt, dass in ihm alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft verborgen sind, stieg in ihren Schoß und machte ihn zu seiner Wohnstatt. „Es ist demnach klar“, wie St. Thomas von Villanova nochmals erläutert, „dass Christus nicht nur seine aus der Menschheit angenommene Natur mit diesen Schätzen bereicherte, sondern auch seine Mutter zu der ihr vom Heiligen Geist eingegossenen Weisheit noch mehr mit ihnen begabte und erfüllte“.

 

Im Buch der Weisheit heißt es: „Bei mir ist Rat!“ und die heilige Kirche, die sich als unerschöpflich zeigt in dem Lob der allerseligsten Jungfrau, wendet dasjenige auf Maria an, was von der unerschaffenen Weisheit geschrieben steht. – „Bei mir ist Rat, weil der Herr des Rates bei mir ist“, spricht gleichsam Maria, „der mich mit dem Licht seiner göttlichen Weisheit so erhellte, dass ich wirklich, wie die heiligen Väter sagen, die Geheimnisse der Menschwerdung des Eingeborenen Sohnes Gottes, seiner Geburt, seiner Lehre, seines Wandels, seines Leidens und Sterbens, seiner Auferstehung und Himmelfahrt besser erkannt und tiefer durchdrungen habe, als alle Menschen auf der Erde, ja selbst als alle Engel im Himmel“. – Wie genau wird sie erst unsere Wege kennen, wie klar in unserer Zukunft lesen und all unsere Lagen, Bedürfnisse und Verhältnisse wie in einem offenen Buch schauen!

 

St. Methodius sagt: „Maria hatte zwei Lehrmeister, nämlich die zweite und dritte Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Jesus Christus, ihren göttlichen Sohn, und den Heiligen Geist. Wenn nun aber die Heilige Schrift den Ausspruch getan hat: „Es genügt, dass der Lernende wie sein Lehrmeister sei!“ welche Vollkommenheit der Wissenschaft darf man aber dann annehmen – bei einer Schülerin, wie Maria, und bei Lehrern, wie Gott Sohn und Gott Heiliger Geist?“

 

St. Thomas von Aquin spricht: „Der rechte Rat muss sich in drei Stücken beweisen, nämlich: dass alles zu einem guten Zweck, mit den geeigneten Mitteln und zur passenden Zeit geschehe.“ – Wer von uns kann zweifeln, dass dem Rat, den die heilige Muttergottes gibt, eine von diesen Eigenschaften fehle? – Sie, die in der Anschauung Gottes die Zukunft so klar schaut, wie die Gegenwart; sie, die durch Gottes Kraft nicht irren kann, weder in dem Zweck noch in den Mitteln; sie, die sowohl die Tiefen des menschlichen Herzens kennt, als auch die Pläne und Absichten Gottes mit den Menschen weiß, kann – als die weiseste Jungfrau nur den weisesten Rat erteilen, jedoch auch nur den besten Rat, weil sie die Heiligste ist. Die Heiligkeit schließt aber jede Lüge, jeden Betrug aus, daher ist ihr Rat der beste, weil sie nicht täuscht, daher ist Maria „die Mutter vom guten Rat“. – Sie bezeugte diese Wahrheit noch zu den Lebzeiten Christi, als sie zu Kana den Hochzeitleuten den Rat gab: „Tut alles, was er euch sagt!“ Es war dies ein wahrhaft guter Rat, denn er half jenen aus der peinlichsten Verlegenheit und verwandelte ihre Not in Freude und Überfluss. – Sie bezeugte diese Wahrheit auch nach dem Tod Christi, indem sie als die geistige Feuersäule den ersten Schritten der jungen Kirche gar herrlich voranleuchtete.

 

St. Isidor von Sevilla fügt dem Gesagten hinzu: „Maria ist auch deshalb die Mutter vom guten Rat, weil sie eine Mutter ist, die nur wissen kann, was uns zum Heil dient. Sie ruft darum einem jeden von uns zu: „Komm mein Kind, nimm einen Rat von mir an und rette deine Seele!“ 1 Kön 3

 

„Es ist ganz sonderbar, christliche Seele,“ sagt der heilige Bonaventura, „dass du so lange im Zweifel bleibst und in deinen Gedanken hin und her schwankst wie das Schilfrohr im Wind, da du doch weißt, dass unsere himmlische Mutter Maria von Gott nicht nur den Beruf erhalten hat, uns Gnaden zu spenden, sondern auch uns Rat zu erteilen!“

 

Im Erwägen der Ermahnung des weisen Sirach: „Verschaffe dir ein Herz, das dir gut rät, denn es gibt für dich nichts Schätzbareres!“ ruft uns der heilige Bernardus zu: „Das Herz, das du dir verschaffen sollst, ist das Mutterherz Marias, an das uns ihr göttlicher Sohn vom Kreuz herab mit den Worten wies: „Siehe, deine Mutter!“ Und zu ihr gehe, wenn du einen Zweifel hast, an sie wende dich, wenn du eines Rates bedarfst, sie höre und ihren Rat befolge!“ –

 

Der heilige Franziskus von Sales schrieb seiner Schülerin, der heiligen Franziska von Chantal: „Es ist das Amt einer Mutter, sowohl zu raten als auch zu helfen, und sie tut dies umso lieber, je frömmer und besser sie ist. Wenden sie dies auf unsere allerbeste Mutter Maria im Himmel an und Sie werden in Zukunft nicht mehr mich zu fragen für nötig finden: wohin Sie um einen guten Rat in Ihren Zweifeln und Seelen-Anliegen gehen müssen.“ –

 

Der heilige Aloysius von Gonzaga, der Herzogssohn mit dem Recht der Erstgeburt, musste als Edelknabe der Kaiserin Maria an den Hof des Königs Philipp II. nach Madrid folgen. Dort wählte er die heilige Muttergottes als seine Ratgeberin. Schon längst drängte es sein Herz zur Entscheidung: welchem Beruf er sich weihen und in welchem Stand er Gott dienen solle? Um es zu erfahren, verehrte er täglich mit glühender Andacht die „heilige Muttergottes vom guten Rat“ in ihrem Bild, das auf dem Hochaltar der Jesuitenkirche zu Madrid aufgestellt war. Und siehe! Eines Tages hörte er mit ganz deutlichen und klaren Worten den Willen Gottes aus diesem Bild ihm verkünden: „dass er nämlich in die Gesellschaft Jesu eintreten und darin sein Leben zubringen solle.“ – Er setzte auch nach einem dreijährigen Kampf mit seinem Vater, dem Herzog von Gonzaga, der es nicht zugeben wollte, seinen Entschluss durch, und fand das Glück seines Lebens und die Krone der Heiligen.

 

Und so haben Tausende und Tausende, gleich ihm, dem engelhaften Herzogssohn, Maria als Mutter vom guten Rat angerufen und auch einen guten Rat empfangen. Die eigene Erfahrung bestätigte ihnen auf das Glänzendste und Segensreichste: dass dieser Titel der heiligen Muttergottes ebenso trostreich, als wahr sei. –

 

(Aus: Der Marien-Prediger von Ludwig Gemminger)